In Turbulenzen: die Universität Freiburg Foto: Patrick Seeger/dpa

Wegen eines Skandals um einen Ex-Mitarbeiter steht die Uni Freiburg in der Kritik. Nun kontert die Personalchefin interne Vorwürfe – und bringt die Hochschulspitze in Bedrängnis.

Es ist ein Skandal, wie die Universität Freiburg ihn noch nie erlebt hat. Hunderte Frauen hat ein einstiger Studienberater über Jahre hinweg heimlich in intimen Situationen aufgenommen. Mit in Bädern und Toiletten versteckten Kameras filmte der 57-Jährige junge Studentinnen in einer Wohngemeinschaft, deren Zimmer er privat vermietete, ebenso wie Kolleginnen von der Uni auf einer Dienstreise, im vorab präparierten Quartier. Auch in Sanitärräumen der Beratungsstelle („Service-Center Studium“) und sogar im Beratungsgespräch selbst soll er Frauen ohne ihr Wissen aufgenommen haben.

 

Aufgeflogen waren die langjährigen Praktiken, als eine WG-Bewohnerin Anfang 2024 eine der Miniatur-Kameras entdeckte. Breiter bekannt wurden sie erst im März, als der Mann vom Amtsgericht Freiburg verurteilt wurde – und die „Badische Zeitung“ darüber berichtete. Wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ erhielt er eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Zugute kam ihm, dass viele Fälle bereits verjährt waren und er sich kooperativ zeigte. Die Staatsanwaltschaft wollte eine höhere Strafe und hat inzwischen Berufung eingelegt.

Rolle der Universität wird kritisch hinterfragt

Seither brodelt es an der Uni und in der Stadt. Unmut gab es nicht nur über das als zu milde empfundene Urteil, artikuliert auch bei einer Demonstration. Vor allem die Rolle der Universität, die sich bald nach Beginn der Ermittlungen geräuschlos von dem Mitarbeiter getrennt hatte, wird kritisch hinterfragt. Warum habe sie nicht früher und offensiver über den Fall informiert? Wie könne man erfahren, wer alles betroffen sei? Was sei in der Folge zum Schutz von Frauen getan worden? Solche Fragen prasseln derzeit auf die Rektorin Kerstin Krieglstein und die Uni-Spitze ein. Viele blieben bisher unbeantwortet, auch bei einer internen Info-Veranstaltung, einberufen eine Woche nach dem Urteil.

Erst durch den Prozess sei die ganze Dimension des Geschehens klar geworden, rechtfertigte sich Krieglstein. Viele Informationen habe man nicht gehabt, andere zunächst nicht weitergeben dürfen. Versäumnisse bedauerte die Uni und kündigte an, ihren Umgang mit dem Fall kritisch aufzuarbeiten, auch mit externer Expertenhilfe. Das hält auch Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) für nötig, die „persönlich tief erschüttert“ nach Freiburg eilte. Die internen Prozesse müssten „an verschiedenen Stellen kritisch hinterfragt werden“, mahnte sie per Interview. Habe man Warnzeichen erkannt und rechtzeitig reagiert? Da hegt sie sichtlich Zweifel. Der bundesweit beachtete Fall hat für Olschowski hohe Priorität, die gerade wiedergewählte Rektorin soll bereits ins Ministerium nach Stuttgart bestellt worden sein.

Personalchefin lässt Vorwürfe nicht auf sich sitzen

Den Druck geben die Uni-Oberen offenbar nach unten weiter. Nun geht eine Frau in die Offensive, die sich im „Spanner-Skandal“ nicht zum Sündenbock machen lassen will: die Leiterin der Personalabteilung der Universität, zuständig für die Bearbeitung des heiklen Falles. Über ihre Anwältin wandte sie sich an den Senat und den Universitätsrat, zwei Gremien mit zusammen mehreren Dutzend internen und externen Mitgliedern. Die zentrale Botschaft nach Informationen unserer Zeitung: ihr und einer weiteren Mitarbeiterin der Personalabteilung werde vorgeworfen, das Rektorat nicht ausreichend informiert zu haben – also eine gravierende Pflichtverletzung. Doch das lässt sie nicht auf sich sitzen. Auf fast dreißig Seiten dokumentiert sie minutiös, wen sie wann worüber unterrichtet habe – und was daraus folgte oder eben nicht.

Vor allem von der Kanzlerin, also der Verwaltungschefin der Universität, sieht sich die Personalleiterin angegriffen. Über Erkenntnisse zu verdeckten Videoaufnahmen auch in Uni-Räumen habe die Personalchefin nicht informiert, so der Vorwurf der Kanzlerin. Bei keiner einzigen Besprechung sei das Thema gewesen, erst aus der Zeitung habe sie das ganze Ausmaß erfahren. „Dem tritt meine Mandantin entschieden entgegen“, protestiert die Anwältin. Von Anfang an habe die Personalchefin das Rektorat umfassend unterrichtet, gerade auch über den Verdacht, „dass Filmaufnahmen auch am Arbeitsplatz und in den sanitären Einrichtungen der Universität gemacht wurden“. Das sei durch umfangreiche E-Mail-Korrespondenz belegt.

In den Videodateien hieß ein Ordner „work“

Gleich nach Bekanntwerden der Ermittlungen habe die Personalchefin der Kanzlerin über den Verdacht berichtet, dass der Studienberater auch am Arbeitsplatz und den dortigen Sanitärräumen heimlich gefilmt habe. Der sei zwar noch nicht bewiesen gewesen, habe sich aber aufgedrängt. In den sichergestellten Videodateien fand sich jedenfalls ein Ordner mit der Bezeichnung „work“, Arbeit. Schon vor zwei Jahren habe die Personalleiterin daher der Kanzlerin empfohlen, die Uni-Sanitäreinrichtungen „turnusgemäß auf das Anbringen von Kameras zu überprüfen“ – per Mail mit Kopie an die Rektorin. Die Reaktion: eine einmalige Kontrolle einiger Räume habe es wohl gegeben, aber offenbar keine regelmäßige, systematische.

Erst der zuständige Prorektor habe den Ernst der Lage erkannt und im Frühjahr 2025 eine „Lagegruppe“ einberufen, die seither mehrmals tagte. Die Kanzlerin sei den ersten Sitzungen fern geblieben und habe sich erst im Nachhinein informieren lassen. Auch jetzt, da der Fall öffentlich große Wellen schlug, hatte er für sie offenbar nicht die höchste Priorität. Zu der Informationsveranstaltung (Titel: „Austausch für einen sicheren Campus“) habe sie noch eingeladen, sich dann aber ins Wochenende nach Konstanz aufgemacht. „Ich bitte sie eindringlich, umgehend umzukehren“, schildert die Personalchefin in ihrer Chronologie. Ohne eine gründliche Vorbereitung, habe sie gewarnt, drohe der Termin „aus dem Ruder“ zu laufen. Vergeblich. Prompt gab es viel Unverständnis über die Uni-Spitze.

Uni: Schreiben der Personalchefin Teil der Prüfung

Was sagt die Uni zu den Vorwürfen der Personalchefin? Wenig Konkretes. Das Schreiben der Anwältin und die Chronologie seien ihr bekannt, teilt ein Sprecher mit. Beide Dokumente seien Bestandteil der internen Prüfung, die noch „am Anfang“ stehe, nähere Angaben dazu seien derzeit nicht möglich. Erste Erkenntnisse legen jedenfalls „nahe, dass zuständige Stellen der Universität schon zu einem früheren Zeitpunkt Kenntnis davon hatten, dass der ehemalige Mitarbeiter auch in universitären Räumlichkeiten allem Anschein nach heimlich gefilmt hat“. Dies habe man auch dem Senat mitgeteilt. Laut Polizei liege der Schwerpunkt der Aufnahmen aber nicht auf Uni-Räumen. Angesichts der Fülle von Anfragen potenzieller Betroffener habe die Polizei inzwischen eine erneute Auswertung der Videos angekündigt. Allgemein wird betont, die Uni sei „tief betroffen über das Geschehen“. Sie werde „alles in ihren Möglichkeiten Stehende tun, damit sich ein solcher Fall nicht wiederholen kann“.