Die Puppenstube aus den 1920er Jahren Foto: Bernd Zeyer

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat sich in Weil im Dorf viel geändert. Eine Ausstellung erzählt von den 1920er Jahren: Die Straßenbahn kam, wichtige Bauvorhaben wurden umgesetzt, die Frauen emanzipierten sich.

Weilimdorf - Der Fußboden knarrt, an den Wänden hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos und leicht vergilbte Urkunden, im Raum stehen alte Werkzeuge und Möbel, in Vitrinen gibt es historische Puppenstuben. Wer eine Runde durch die neue Ausstellung in der Heimatstube dreht, macht eine Zeitreise zurück an den Anfang des vorherigen Jahrhunderts. „Weil im Dorf vor 100 Jahren – Die Zwanziger Jahre“, so lautet das Motto im Alten Pfarrhaus an der Ditzinger Straße 7.

Hunderte Exponate erzählen von alten Zeiten

„In den 1920er Jahren ist hier viel passiert. Es war eine gute Zeit, bis die Nazis kamen“, sagt Edeltraud John, Geschäftsführerin des Heimatkreises. Hunderte Exponate hat sie zusammengetragen, alte Briefe, Bücher und Urkunden kopiert und Kontakt mit den Nachkommen von Zeitzeugen aufgenommen. Herausgekommen ist ein Schatzkästchen an Erinnerungen. Unterteilt ist die Ausstellung, die noch einige Monate zu sehen sein wird, in verschiedene Themenbereiche: „Starke Frauen“, „Dorf im Wandel“, „Kindheit, Jugend und Vereine“ lauten die Oberbegriffe. Die Übergänge sind fließend.

Die „Goldenen Zwanziger“ waren für die 3000-Seelen-Gemeinde in vielen Bereichen zukunftsweisend. So wurde am 30. Dezember 1926 die Straßenbahnlinie von Feuerbach nach Weil im Dorf (so lautete die Schreibweise bis 1955) eingeweiht, die direkt vor dem Alten Rathaus hielt. Die weißen Wagen können heute noch im Straßenbahnmuseum besichtigt werden. Auch wichtige Bauvorhaben wurden verwirklicht: die Durlehau-Siedlung am Alten Friedhof oder das Gemeindehaus an der Ludmannstraße. Der Ort wurde an die Landeswasserversorgung angeschlossen, ebenso an das Gasnetz, die Straßen wurden automobiltauglich ausgebaut. Die Bevölkerung wuchs mehr und mehr. „Vor 100 Jahren gab es viel Schub, die Leute haben richtig angepackt“, erzählt John.

121 Männer kehrten nicht aus dem Krieg zurück

Besonders anpacken mussten die Frauen, denn 121 Männer aus Weil im Dorf waren im Ersten Weltkrieg gefallen. Unter anderem wird in der Ausstellung von Paula Dreher berichtet, der Frau des damaligen Schultheiß’ Gotthilf Dreher. Durch die Gründung des Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereins brachte sie ein Stück Emanzipation ins Dorf. Interessant ist auch die Geschichte der Hebamme Helene Ludmann, deren originale Tasche samt Instrumenten ausgestellt ist. Ebenso wie ihr Tagebuch, in dem alle Geburten verzeichnet sind, bei denen sie mithalf. Unter anderem auch die von Adolf Spieß, dem Vater von Edeltraud John. Tagebuch und Tasche wurden von der Enkelin der Hebamme zur Verfügung gestellt. „Ohne die vielen Leihgaben gäbe es keine Ausstellung“, sagt John. Bei den Recherchen geholfen hat auch das originale Adressbuch von 1929. Dort sind nicht nur Namen und Anschriften, sondern auch die Berufe der Bürger aufgeführt.

Viele Exponate dürfen angefasst, in alten Büchern kann geblättert, alte Werkzeuge können ausprobiert werden. Strichcodes an den Wänden oder Multi-Media-Installationen sucht man vergebens: Die Besucher können also gleich doppelt in die „gute alte Zeit“ eintauchen.

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