Bei Stute Tharsika kann Frank Oehler abschalten. Foto: Achim Zweygarth

Frank Oehler ist Patron der Speisemeisterei, begeisterter Radler und Fan des Hohenheimer Parks.

Plieningen - Tharsika lässt sich nicht von jedem anfassen. Die schwarzbraune Stute, so scheint es, weiß genau um ihren Wert. Wer versucht, sie gegen ihren Willen von ihrer Koppel auf einem Pferdehof am Ortsausgang von Plieningen zu führen, muss damit rechnen, dass Tharsika sich widersetzt. „Wenn 600 Kilo in die andere Richtung ziehen, ist das kein Spaß“, sagt Frank Oehler.

Dem Patron der Hohenheimer Speisemeisterei freilich frisst Tharsika aus der Hand – im Sinne des Wortes. „Ich komme nie ohne Bestechungsmaterial“, sagt Oehler. Äpfel und Karotten gehören für ihn zur Grundausstattung, wenn er zweimal am Tag von seinem Restaurant am Hohenheimer Schloss mit dem Elektrobike über die Felder zum Stall radelt. Das Tier dürfte zudem wohl das einzige Pferd Deutschlands sein, das sein Müsli aus eingeweichten Haferflocken von einem Sternekoch kredenzt bekommt – denn auch das bringt Tharsikas Herr selbst mit.

Frank Oehler liebt seine Abstecher ins Grüne. Eigentlich gehört die Stute seiner Frau. Seit Mai ist der Mann, der in seiner Karriere als Spitzenkoch schon sechsmal mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde, frisch verheiratet. Die Besuche im Stall und der gemächliche Weg dahin bedeuten für den 48-Jährigen einen Ausgleich zum stressigen Alltag in seiner Sterneküche. „Hier draußen ist es herrlich grün, obwohl die Autobahn und der Flughafen so nahe sind“, sagt er. Zwischen satten Wiesen und knorrigen Obstbäumen kann er abschalten, dort ticken die Uhren für ihn ein bisschen langsamer.

Der heimliche Schlossherr von Schloss Hohenheim

Ein Naturmensch sei er, sagt der gebürtige Allgäuer von sich. Wenn er nicht gerade in der Speisemeisterei hinter dem Herd oder für die Fernsehserie „Die Kochprofis“ vor der Kamera steht, geht er gern mit seiner Frau und den beiden Hunden im Park rund um Schloss Hohenheim spazieren. Manchmal, so erzählt er es, legt er sich auch einfach unter einen der mächtigen Bäume, um zu lesen. „Dann fühle ich mich wie der heimliche Schlossherr“, sagt er.

Oder er radelt eben über die Hohenheimer Felder. Ohnehin ist der Meisterkoch viel mit dem Rad unterwegs. Manchmal fährt er damit morgens von seiner Wohnung auf der Gänsheide durch den Sillenbucher Eichenhain bis nach Hohenheim. „Das ist eine traumhafte Strecke, da gibt es richtig alte Baumbestände“, schwärmt er über seine Touren durchs Grün am östlichen Rand Stuttgarts.

Die Zeit für seine Ausflüge nimmt Oehler sich mittlerweile. Die Stunden zwischen Mittag- und Abendessen etwa gehören ihm ganz allein. Dann kommt der Mann, der vor Energie fast zu bersten scheint, zur Ruhe. „Das ist der Vorteil, wenn man Chef ist“, sagt er und lacht.

Immer mit Vollgas durchs Leben

Das war nicht immer so. Oehler ist in ganz Europa herumgekommen, hat im „Mosimann’s“ in London, im „Teufelhof“ in Basel und im „Grand Hotel Las Dunas“ in Marbella gekocht. Er gehörte zur Köchevereinigung der sogenannten Jungen Wilden. Dieser Name war für ihn lange Zeit Programm: Immer mit Vollgas durchs Leben, inklusive 16-Stunden-Tagen, schachtelweise Zigaretten und reichlich Prosecco.

Bis sein Körper mit 38 die Notbremse zog: Herzinfarkt, Intensivstation, „und viel Zeit zum Überlegen“, sagt Oehler. Dieser heftige Einschnitt hat den Koch aus Leidenschaft geprägt, ihn verändert. „Ich hab kapiert, dass auf meinem Grabstein später mal nicht steht, wie viele Sterne ich hatte“, sagt er.

Seither ist er kürzer getreten, hat gelernt, das Leben intensiver zu genießen. Dazu gehört für ihn nicht nur die japanische Philosophie des Zen, die er in seinen Alltag integriert. Sondern es bedeutet für Frank Oehler auch, seine Umgebung bewusster zu erleben.

Den schönsten Arbeitsplatz der Welt

Die Speisemeisterei, die er 2008 übernommen hat, habe ihm dabei geholfen, erzählt er. „Ich bin privilegiert, ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt.“ Die herrschaftliche Kulisse des Schlosses, das dörfliche Plieningen, die Natur vor der Haustür, all das bringt Frank Oehler dazu, die Balance zu wahren. In den ersten Jahren hat er sogar in einer kleinen Wohnung unter dem Dach der Speisemeisterei gelebt. „Da hab ich die besondere Atmosphäre dieses Ortes noch mehr gespürt“, sagt er.

Dass es in seinem Restaurant trotz des hohen Niveaus eher gemütlich zugeht und selbst Prominente unerkannt bei ihm dinieren können, schätzt der Sternekoch. „Ich mag die Mentalität hier“, sagt er, „die Leute sind bescheiden, entspannt und sachlich.“ Genau so will er sein Restaurant führen. In Hohenheim, wo alles ein bisschen unaufgeregter ist als unten im Kessel, ist Oehler heimisch geworden, „das wird die letzte Station in meinem Berufsleben sein.“ Erst im Alter will der Spitzenkoch ins Allgäu zurückkehren, auf einem Bauernhof in der Nähe der Familie leben.

Ebenso schlicht und unprätentiös wie die Schwaben sei übrigens deren Küche, findet Oehler. Die Leibspeisen der Stuttgarter mag der Sternekoch deswegen aber nicht weniger. „Linsen, Spätzle, Maultaschen, das sind alles hervorragende Gerichte“, sagt er. Oder das schwäbische Fünf-Gang-Menü: „Ein Rostbraten mit vier Viertele“. Dabei bezeichnet der Mann, der täglich Stunden damit zubringt, seinen Gästen Menüs auf höchstem Niveau zu zaubern, sich selbst als „furchtbaren Esser“. Am liebsten mag Oehler es einfach und deftig, „eine Leberkässemmel macht mich glücklich“. „Die Schwaben und die Allgäuer sind sich halt doch ähnlicher, als man es vielleicht vermutet“, sagt er.

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