Botnang ist ein geschichtsträchtiger Ort, der Fritz Egelhof am Herzen liegt. Foto: factum/Granville

Fritz Egelhof kennt in Botnang Gott und die Welt. Beim Kirchentag räumte der damalige Pfarrer das Gotteshaus leer und machte eine Kneipe daraus.

Stuttgart-Botnang - Fritz Egelhof wohnt im Musikerviertel. Die Straßen sind nach Brahms, Haydn, Bruckner und anderen Komponisten benannt. Die Liederkranzhalle liegt direkt vor seiner Haustür und ist ein Treffpunkt der Musikfreunde. „Der Verein ist sehr aktiv und hat vier Chöre. Früher wurden auch klassische Konzerte in der Halle aufgezeichnet“, sagt Egelhof, der als Bub oft auf dem Gelände gespielt hat.

Stattliche Häuser, gepflegte Gärten und schmucke Straßen bestimmen heute das Bild. Der Ort hat sich in den vergangenen 150 Jahren stark verändert. Die Botnanger haben früher die Dreckwäsche der Stuttgarter gewaschen. „Die Arbeiterbewegung kam Ende des 19. Jahrhunderts und ist schnell eine enge Verbindung mit den armen Botnanger Wäscherfamilien eingegangen“, erzählt Egelhof, der 33 Jahre lang evangelischer Pfarrer in Botnang war, bevor er 2006 in den Ruhestand ging.

Der Marktplatz muss dringend aufgewertet werden

Im Moment steht wieder eine einschneidende Veränderung an: Egelhof führt zum Röck-Areal beim Marktplatz. Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) plant hier die neue Ortsmitte, nachdem der vorige Investor, die Stiftung Nestwerk, Insolvenz anmeldete. Eine Kindertagesstätte, eine Musikschule, eine Diakoniestation, Wohnungen und Einkaufsgeschäfte sind vorgesehen. Und eine Awo-Begegnungsstätte soll dort auch Platz finden. Ziemlich altmodisch, findet der 70-Jährige. „Ich will den klassischen Altenbegegnungsstätten ja nichts Böses. Aber Kaffeeklatsch und Hefezopf sind heutzutage nicht mehr das, was die älteren Leute suchen.“ Eine Seniorenakademie oder ein Internetcafé könnte sich Egelhof eher vorstellen.

Viel wichtiger ist ihm aber, dass aus dem Marktplatz vor dem Bürgerhaus etwas wird. Die Fläche am Ende der Griegstraße muss dringend aufgewertet werden. Für Egelhof steht außer Frage, dass das 23-Millionen-Projekt auf dem Röck-Areal eine architektonische Verbesserung bringt. Aber wird es Botnang auch zu einer neuen Mitte verhelfen? Der alte Pfarrer ist skeptisch: „Es gibt einfach keinen gewachsenen Ortskern.“ Was nicht ist, könnte aber noch werden, oder? „Ich glaube nicht, dass es der Lebensmittelpunkt im Ort wird.“ Denn andere Zentren gibt es bereits. Eines befindet sich auf der anderen Seite der Stadtbahnlinie im alten Botnang. Es reicht von der Werapflege in der Furtwänglerstraße bis hinüber zur Kaufmannstraße. Die Häuser sind fast durchweg liebevoll restauriert und die Auferstehungskirche ist der optische Mittelpunkt. „Beim Stuttgarter Kirchentag 1999 haben wir den Kirchenraum leergeräumt, Biertische reingestellt und eine Kneipe daraus gemacht. Es gab Vorträge und Konzerte. Damals waren wir eine Woche lang das Zentrum des Dorfes.“

Botnang ist wie eine Wundertüte, mal das Dorf im alten Kern, mal die Hochhaus-Siedlung am Rand, mal das Villenviertel am Hang. Egelhof geht die Eltinger Steige hoch. Im Ort sagt man auch „Millionenbuckel“ zu der Halbhöhenlage. Der reiche Botnanger zeigt ungern, was er hat. „Er will seine Ruh’ haben und nicht entdeckt werden“, sagt der Theologe. Doch manche fürchten schon wieder um ihre Ruhe. Am Corelliweg ist das erste Stuttgarter Schülerhaus an der Kirchhaldenschule eröffnet worden. Ein Kinderhaus soll zudem auf dem Schulgelände gebaut werden. Das Projekt hat Modellcharakter für die Stadt, aber wohl nicht für manche, die hier wohnen: „Leider Gottes beschweren sich einige Nachbarn und haben eine Bürgeninitiative gegründet.“ Viele Bewohner schätzen die Abgeschiedenheit in dem Stuttgarter Seitenkessel. Trubel gibt es hier so gut wie nie. Nur im Sommer 2006 rollt über Botnang eine Medienlawine hinweg. Die Welt ist zu Gast bei Freunden – und in der Bäckerei Klinsmann. Fast alle wollen während der Fußballweltmeisterschaft live von dem Ort berichten, wo Jürgen Klinsmann einst das Brezelschlingen lernte.

Auch Fritz Egelhof bekommt das mediale Interesse zu spüren, weil er den Bundestrainer und die Bäckerfamilie ganz gut kennt. Er hat den Vater beerdigt und einen Sohn von Jürgen Klinsmann getauft. Der Pfarrer hat die Fußball-Euphorie genutzt, um ein bisschen Werbung in eigener Sache zu machen. „Da kam die Kirche auch mal positiv rüber“, sagt der Geistliche. Eine andere Erfolgsgeschichte war das Flüchtlingsdorf an der Beethoven­straße. „Wir konnten Abschiebungen verhindern, Leuten eine Arbeitserlaubnis beschaffen, Wohnungen für Flüchtlingsfamilien besorgen und eine Kinderbetreuung organisieren“, berichtet Egelhof. Viele im Ort fühlten sich verpflichtet zu helfen und öffneten ihre Türen und Herzen: „Fast alle haben gesagt: Diese Geschichte muss gut enden.“ Im vergangenen Jahr wurde das Dorf abgerissen, weil kein Bedarf mehr war.

Der Spitalwald nahe dem Feuerbacher Tal ist „blitzhässlich“

Doch Egelhof will keine Idylle zeichnen, deshalb zeigt er auch das, was „blitzhässlich“ ist, wie er sagt. Der Spitalwald nahe dem Feuerbacher Tal ist so ein Gebiet. Zwölf und mehr Stockwerke strecken sich die weißen Hochhäuser gen Himmel. In den 70er-Jahren galt die Siedlung noch als architektonisch gelungene Idee. Menschen aus 16 unterschiedlichen Nationen wohnen hier. Im Schatten dieser Hochhäuser ist das Nachbarschaftszentrum ein Lichtblick. Die Botnanger Runde hat es eingerichtet, um das bröckelnde Miteinander zu stärken.

Die letzte Station ist das Karl-Wacker-Heim an der Vaihinger Landstraße. Auch viele Botnanger verbringen hier ihren Lebensabend. „Das Haus hat einen guten Ruf“, sagt Egelhof. Ehrenamtliche Helfer betreiben die Cafeteria im Haus. Hier oben zwischen Himmel und Erde endet die Runde – mit Hefezopf und einer Tasse Kaffee.