Siegfried Kömpf ist der letzte Landwirt in Birkach. Foto: Achim Zweygarth

Sehr viele Birkacher betrieben früher eine kleine Landwirtschaft. Das Bäuerliche ist heute verschwunden. Beinahe – Siegfried Kömpf ist der letzte Landwirt im Ort.

Stuttgart-Birkach - Die dunkle Holzdecke hängt niedrig, der Platz darunter ist gerade ein wenig mehr als mannshoch. Der Rauch der ausgedrückten Zigaretten im Aschenbecher liegt noch in der Luft. Um einen langen Tisch mit Plastikdecke sitzen vier kernige Männer in Arbeitskleidung. Einer von ihnen ist Siegfried Kömpf, die anderen sind sein Neffe und zwei Freunde. Der Raum, in dem sie sitzen, ist der ehemalige Kuhstall des Hauses. Vieh steht dort schon lange keines mehr. Doch auf dem Feld wird noch geackert. Siegfried Kömpf ist der letzte aktive Birkacher Landwirt.

Hauptberuflich ist „Siggi“ Kömpf Landmaschinenmechaniker an der Uni Hohenheim. Die Landwirtschaft betreibt er nur im Nebenerwerb. „Es ist mehr ein Hobby“, sagt Kömpf und zieht die Träger seiner blauen Latzhose zurecht, unter der sich sein runder Bauch wölbt. Ein recht teures Hobby, fügt Kömpf hinzu und blickt zum nagelneuen blauen Traktor, der vor der Scheune steht – mit Rädern, die größer sind als er selbst. „Der rentiert sich nie mehr“, sagt er, grinst aber wie ein Bub, der ein neues Spielzeug geschenkt bekommen hat.

„Heute gibt’s in Birkach keine Kuh mehr“

Getreide, Mais und Kartoffeln baut Kömpf mit seiner Familie und den Freunden an. Er pflegt Obstwiesen, mäht, schneidet, erntet, presst Saft, brennt Schnaps – alles zur Selbstvermarktung. Vor dem Haus ist ein Stand aufgebaut. Wer ein Glas vom selbst eingekochten Quittengelee oder einen Sack Kartoffeln mitnimmt, wirft ein paar Münzen in eine kleine Kasse – „das funktioniert in Birkach noch“, sagt Kömpf.

Auch wenn das heutige Birkach nicht mehr das Birkach seiner Kindheit ist. Früher, als sein Elternhaus in der Kaiserstraße noch nicht von anderen Gebäuden umgeben war und Feldhaus hieß, weil es das letzte Haus vor dem Birkacher Feld war. Damals stammten all seine Freunde von Höfen. Das waren lauter kleine Betriebe, „nur so mit fünf, sechs Kühen“, sagt Kömpf. Wirklich große Betriebe gab es nie in Birkach. Nach der Schule mussten die Kinder auf dem Feld oder dem Hof helfen. „Und heute gibt’s in Birkach keine Kuh mehr.“

Wenn Siegfried Kömpf – links und rechts grüßend – die heutige Hauptstraße durch den Ort hinabläuft, erinnert er sich an viele Details. „Jeden Abend bin ich hier mit dem Leiterwagen gefahren und habe die Milch zur Sammelstelle gekarrt“ erzählt er und biegt in die Alte Dorfstraße ab. Vom Treiben zwischen Penny, Bank und Bonus-Markt, wo die Birkacher ihre Einkäufe erledigen, ist es, als tauche man in die Vergangenheit ein.

Die Häuser links und rechts, das Pflaster der Straße – Siegfried Kömpf fallen immer neue alte Geschichten ein: „Rechts ist das Haus von Bauer Weinmann, der war der Letzte, der noch mit dem Pferd gepflügt hat.“ Mit seinen großen, von der Arbeit gezeichneten Händen zeigt er auf die Monumente seiner Kindheit. „Hier waren auch mal drei Bauernhäuser“, sagt er mit Blick auf einen grauen Wohnblock. Seine Schritte werden langsamer, die Milchsammelstelle ist erreicht. Das Haus direkt neben dem alten Rathaus steht verlassen da. Wie sich dieser Platz in den vergangenen 50 Jahren verändert hat! Hier tobte das Leben, hier traf sich Kömpf mit seinen Freunden, hier plauderten sie, scherzten, guckten den Mädchen nach.

Die alteingesessenen Birkacher denken gerne an diese Zeit zurück, für die anderen ist es eine fremde, ferne Welt. In den sechziger und siebziger Jahren wuchs der Bezirk, viele Menschen zogen aus der Stadt zu. Aus Ackerland wurde Bauland, teures Bauland. Siegfried Kömpf hat noch genau die Bilder im Kopf, wie es früher um sein Haus herum aussah. „Das war alles Feld, diese Häuser wurden erst in den Sechzigern gebaut, die Grundstücke dort hat die Stadt in den Siebzigern verkauft.“ Ob er es bedauert, dass sich Birkach derart verändert hat? Siegfried Kömpf zuckt mit den Schultern: „Es ist halt mit der Zeit so geworden.“

Mit der Zeit kamen auch die wohlhabenden Häuslebauer, heute ist Birkach der Stadtbezirk mit dem höchsten Netto­einkommen. „Man sagt ja immer, wir Birkacher seien die Herzogskinder und halten uns für etwas Besonderes“, erzählt Kömpf. Seine Bekannten aus Plieningen ziehen ihn manchmal damit auf. Doch für Kömpf ist da nichts dran. Nicht alle Birkacher seien so reich, meint er. Das läge nur am Stadtteil Schönberg, wo die Villen stehen. Warum das so ist, weiß er genau. Früher habe man einem ungeliebten Familienmitglied ein Grundstück am kargen und wenig fruchtbaren Schönberg vermacht. Aus diesem Pech wurde Glück für die Verstoßenen, denn das schlechte Ackerland wurde zum begehrten Bauland.

Als Stuttgarter sieht sich Kömpf eigentlich nicht

Siegfried Kömpf lässt den alten Ortskern hinter sich, geht ein schmales Stäffele zwischen hohen Hecken hinauf – sein alter Schulweg und ein besonderes Stück Heimat. Als Stuttgarter sieht er sich eigentlich nicht, sagt Kömpf. Und er würde auch nie in der Stadt wohnen wollen. „Da tät ich mich nicht wohlfühlen.“

Dann geht es aufs Birkacher Feld. Dort oben, am höchsten Punkt von Birkach, stehen drei Linden. Es weht ein starker, aber warmer Wind. Siegfried Kömpf lässt seinen Blick in die Ferne schweifen, betrachtet den Flughafen und die Neue Messe. „Schön ist das nicht“, sagt er. Zuckt mit den Schultern und ergänzt: „Aber es ist halt so.“

Beim Blick auf das Birkacher Feld erhellt sich seine Miene. Stolz zeigt er auf die Flächen, die er bewirtschaftet und die sein Neffe später übernehmen wird. Die frühe Kartoffel ist schon gesteckt. Bald wird sie geerntet und an dem Stand mit der kleinen Kasse zu kaufen sein – die letzte echte Birkacher Kartoffel.