Noch gibt es im Strohgäu nach der Ernte gelb glänzende Felder , die Aussaat des Getreides wird mitunter ergänzt oder ersetzt zum Beispiel durch Reis. Foto: factum/Archiv

Strohgäu und Allgäu eint auf den ersten Blick nichts außer das Gäu im Namen. Doch bei genauer Betrachtung verbindet sie dasselbe Problem.

Strohgäu - Der Allgäuer ist eigenbrötlerisch und rau. Aber stimmt überhaupt mit der Realität überein, was dem Menschenschlag nachgesagt wird? Beim Strohgäuer wird schon die Beschreibung schwieriger. Bereits das Wort ist so sperrig, dass es im Alltag nicht gebraucht wird. Noch schwieriger ist der Menschtyp im Strohgäu allgemeingültig zu charakterisieren. Prägt ihn die Hochfläche zwischen Neckar bei Ludwigsburg und dem beginnenden Schwarzwald tatsächlich so, dass allen im Strohgäu etwas gemein ist? Stiftet der Naturraum gar Identität, schafft er Heimat?

Wissenschaftler sind skeptisch. Die Erklärung vom identitätsstiftenden Naturraum funktioniere nur, „wenn man einer Form von Essentialismus auf den Leim geht“, sagt Thomas Thiemeyer. „Natur suggeriert, dass etwas außerhalb von unserem Einfluss liegt und dem wir unterworfen sind“, fügt der Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen hinzu. Doch: „Wir sind nicht von Natur aus so.“ Vieles von dem, was ursächlich dem Naturraum zugeschrieben werde, sei nämlich in Wirklichkeit von Menschen gemacht – und dieser habe in seinem Tun doch vielfach die Wahl.

Gleichwohl schließt der Wissenschaftler nicht aus, dass ein Naturraum seine Menschen prägt. Die Zuschreibungen aber, welche die Wahrnehmung beeinflussten, seien „über Generationen gewachsen“. Manches sei durch eine bestimmte Brille betrachtet; bisweilen die des Tourismus.

Württemberg ist pietistisch geprägt

Zudem wird der Begriff „Strohgäu“ laut Herbert Hoffmann überhaupt erst seit vergleichsweise kurzer Zeit verstärkt verwendet, nämlich seit der Kreisreform in den 1970er Jahren. „Der Begriff dient als Ersatz für eine Bezugsgröße, die es nicht mehr gibt“, sagt der promovierte Historiker, der jahrzehntelang Museum und Archiv der Stadt Ditzingen leitete. Insofern lässt sich die Diskussion über das Strohgäu beispielsweise auf das Heckengäu übertragen.

Zudem habe der Naturraum Strohgäu aber zu keiner Zeit Kulturen begründet, die identitätsstiftend wirken könnten, so Hoffmann weiter. Die wenigen kulturellen Besonderheiten – wie etwa Gebäudeformen – seien Ausfluss der Bedingungen der landwirtschaftlichen Produktion und eines ausgeprägten Dorfhandwerks sowie der Religion. Württemberg ist pietistisch geprägt.

Doch die Industrialisierung und Migration – selbst auch schon die kleinteilige, also der Umzug der Menschen innerhalb der Region – hätten laut Hoffmann die wenigen kulturellen Besonderheiten binnen weniger Generationen überlagert: Vom Handwerk geprägte Strukturen gebe es nicht mehr. Eine Tradition der Feste hingegen habe der Pietismus erst gar nicht begründen lassen.

Auch die Landschaft ist traditionslos geworden

Was geblieben sei, so der Historiker Hoffmann weiter, ist die Landschaft. Aber auch sie sei traditionslos geworden. „Den Landwirten liegt das Strohgäu weder am Herzen noch in der Brieftasche. Sie bauen an, was rentierlich ist. Da wogen derzeit eher Raps und Mais“, sagt Hoffmann.

Beide Wissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass Bewohner eines Gebiets heutzutage in der Regel zunächst weder ein besonderes Verhältnis zum Naturraum haben, in dem sie leben – sei es das Allgäu oder das Strohgäu. Der Heimatbegriff habe sich gewandelt, sagt der Tübinger Kulturwissenschaftler Thiemeyer rückblickend. In den 1930er und 40er Jahren sei Heimat der Ort gewesen, an dem man geboren wurde. Die Politik der Nationalstaaten habe sich dies zu eigen gemacht.

Heute heben die Kulturwissenschaftler nicht auf den statischen Herkunftsort ab, sondern auf die Emotion. „Heimat kann man potenziell überall haben“, sagt Thiemeyer. Sie sei dort, wo man die Regeln kenne sowie Codes und Lebensstil beherrsche. In der Kulturwissenschaft spreche man deshalb nicht mehr von Heimat, sondern von Beheimatung. Das trägt freilich auch dem Wandel hin zu einer Migrationsgesellschaft Rechnung.

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