Wohnt zentral: Oliver Weber im Spiegel des Kunstwerks am Schlossplatz. Foto: factum/Weise

Oliver Weber wohnt da, wo andere einkaufen. Über das Leben zwischen Konsum und Kommerz.

Stuttgart-Mitte - So kann man sich täuschen: in der ­immer gleichförmiger werdenden Stuttgarter Königstraße mit den immer gleichen Filialisten wird nicht nur eingekauft. Zwischen H&M, Zara und Mango wird tatsächlich auch gelebt. Und zwar nicht zu schlecht: auf dreieinhalb Zimmern, mit einer Dachterrasse, die geradezu nach Besuch schreit. 250 Quadratmeter Open-Air-Kleinod mit Blick auf den Kleinen Schlossplatz, in unmittelbarer Nähe zum Kunstmuseum. Es ist keine Platitude, wenn man sagt, dass Oliver Weber im Herzen der Innenstadt wohnt.

So kann man sich schon wieder täuschen: Oliver Weber sieht mit seinem Rollkragenpulli, dem Mantel und dem fein gestutzten Bart aus wie ein Architekt oder wenigstens wie der Manager einer alternativen Band. Als einer der wahrscheinlich letzten Menschen der Welt raucht er Roth-Händle. „Aber nicht die ganz Harten ohne Filter“, schränkt er ein. In einem freigeistigen Berufsfeld ist Oliver Weber aber trotz aller Anzeichen nicht tätig. Stattdessen kümmert sich der 42-Jährige um etwas ganz anderes: Er ist bei einer großen Versicherungsfirma für die Haftpflicht von Gewerbetreibenden zuständig.

Weber wählt seine Worte mit Bedacht. Ob er nun über seinen Brotjob spricht, seine ungewöhnliche Wohnlage oder seine großen Leidenschaften: Schottland, Vinyl und politische Sachbücher – Weber ist kein Lautsprecher, sondern eher ein Leisetreter. Das Augenfälligste an seiner Version von Stuttgarter Heimat? „Ich lebe zwar sehr zentral, aber völlig isoliert. Das ist paradox: Die Stuttgarter Innenstadt ist nach Ladenschluss völlig entvölkert, im Umkreis von 100 Metern habe ich keine Nachbarn.“ In der Vorbereitung auf das Interview habe Weber sich gefragt, wann die Entvölkerung der Innenstadt wohl begonnen habe, wann auch die letzte Wohnung umgewandelt wurde in ein Büro oder in eine Ladenfläche.

„Mehr alternatives Leben würde der Stadtmitte schon guttun“

Der morgendliche Brezeleinkauf verlaufe auch nach vier Jahren mitunter schockähnlich: „Man ist eben erst aufgestanden, hat gerade mal die Zähne geputzt und steht vor der Haustür dann plötzlich in dieser fetten Meute.“ Manchmal vermisse er das Gefühl, in einem Viertel zu wohnen, ein richtiges Barrio – also einen Stadtteil – zu haben, wie es Weber ausdrückt. „Mehr alternatives Leben würde der Stadtmitte schon guttun.“ Seine Dosis Alternativkultur holt sich Weber an Orten wie dem Schlesinger, dem Goldmark’s oder der Kneipe Kap Tormentoso. „Die Innenstadt ist leider nur noch auf Konsum und Kommerz ausgerichtet, das ist schade für das Stadtbild.“ Andererseits lobt er die perfekte Nahverkehrsanbindung am Schlossplatz. „Ich habe vom ersten Tag an gemerkt, dass hier zu wohnen genau mein Ding ist.“

Die Wohnung am Schlossplatz ist Webers vierte in Stuttgart. Ursprünglich stammt er vom Rand der Schwäbischen Alb, aus Kohlberg bei Metzingen. „Für mein BWL-Studium an der Berufsakademie bin ich in den Stuttgarter Osten gezogen. Damals hat meine Eineinhalbzimmerwohnung 350 Mark warm gekostet. Für einen Stellplatz bei meiner Wohnung müsste ich heute 170 Euro zahlen.“ Vom Osten ging es später weiter ins Justizviertel. „Als ich mich 2008 von meiner damaligen Freundin getrennt habe, bin ich dann nach Stuttgart-Mitte gezogen.“ Webers Trennung löste anschließend wohl eine Kettenreaktion aus. In seiner Schlossplatz-Zuflucht hatte er in der Folge sechs temporäre Mitbewohner – fünf davon Trennungsopfer. Heute lebt Weber glücklich mit seiner neuen Freundin über den Dächern der Stadt.

Die häufigste Frage, wenn Oliver Weber erklärt, wo er wohnt: „Hast du diese Wohnung auf legalem Weg bekommen?“ Antwort: Ja, über ein Immobilien-Portal im Internet. „Die nächste Frage ist dann immer die, wann ich denn endlich ausziehe. Die ersten zehn Mal fand ich das auch noch ganz lustig“, sagt Weber. Die Art, wie er das sagt, lässt darauf schließen, dass die Warteliste für die ehemalige Hausmeisterwohnung in einem der markantesten Gebäude rund um den Schlossplatz so lang ist wie die Einkaufsschlangen auf der Königstraße im Vorweihnachtsgeschäft.

Zum Schluss des Gesprächs täuscht man sich dann zum wiederholten Mal an diesem Tage. Webers Dachterrasse müsste doch eigentlich der ideale Ort sein, um das Feuerwerk an Silvester zu bestaunen. Weit gefehlt. „Das macht überhaupt keinen Spaß. Die Raketen zünden quasi direkt vor deiner Nase, das sind schon bürgerkriegsähnliche Zustände.“ Ansonsten kriege Weber vom Lärm aber kaum etwas mit: „Höchstens, es findet ein internationales Schlagzeugfestival auf dem Schlossplatz statt.“ Darüber hinaus sei die Bleibe „eher wie ein Elfenbeinturm, von dem aus einen die Niederungen der Königstraße nicht tangieren. War das jetzt zu elitär ausgedrückt?“ Vielleicht ein bisschen. So leicht lassen wir uns aber heute nicht noch einmal täuschen.

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