Auch Senioren treten manchmal flott in die Pedale. Andererseits führen sich viele ältere Menschen von rasanten Radlern gefährdet. Foto: dp/ / Tobias Hase

Laut Heimat-Check ist Mobilität das größte Problem älterer Menschen. Beklagt werden Lücken im ÖPNV-Angebot, vom Fahrradverkehr fühlen sich viele gefährdet. Wichtige Themen sind auch bezahlbarer Wohnraum und Altersarmut.

Den Seniorinnen und Senioren im Kreis Esslingen ginge es gleich viel besser, wenn – es keine Fahrräder gäbe. Nee, kein Witz. Ein Resultat des Heimat-Checks unserer Zeitung. Wie gut lebt es sich im höheren Alter im Kreis Esslingen? So lautet diesmal die Frage. Durch viele Antworten zieht sich wie ein roter Faden die Angst, als älterer Mensch auf Gehwegen, in Fußgängerzonen oder beim Überqueren der Straße von Radikalradlern über den Haufen getreppelt zu werden. Feindbild Radverkehr? Scheint so. Zumindest wenn man den Stimmen Glauben schenkt, die im Heimat-Check nebst den Zensuren für die einzelnen Kommunen laut werden dürfen. Freilich, ein bisschen Bange machen auch die Autos. In Denkendorf, Köngen und Filderstadt werden beispielsweise mehr sichere Fußgängerüberwege gefordert.

 

Offenbar ist der Verkehr, unserer Erhebung zufolge, das größte Problem greiser Kreisbevölkerung. Lücken im öffentlichen Nahverkehr, fehlende Seniorentickets, die Abschaffung des Stadttickets in Esslingen: „Wie sollen ältere Leute jetzt in die Stadt kommen, ohne das Auto zu nehmen? Das 49-Euro-Ticket rechnet sich für die meisten von uns nicht“, schreibt eine Rentnerin. Vor allem beim Einkaufen, so der Tenor etlicher Äußerungen, sehen sich viele Ältere aufs Auto angewiesen. Daher werden fehlende oder zu teure Parkplätze beklagt. Allerdings steckt im Auto- ein anderes Thema: die Einkaufssituation vor Ort. Etliche Äußerungen stellen einen Zusammenhang her zwischen Autonutzung und weiten Wegen zum nächsten Supermarkt – etwa in den äußeren Esslinger Stadtteilen, auf dem Schurwald oder in Ortsteilen von Filderstadt. Die Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs ist zwar kein seniorenspezifisches Thema, betrifft ältere Menschen aber besonders: Einschränkungen der Mobilität nehmen zu, und – nicht zu vergessen – viele Ältere fahren nicht oder nicht mehr Auto.

Über 65-Jährige sind zweitgrößte Teilnehmergruppe

Aber wie zuverlässig sind die Aussagen des Heimat-Checks? Immerhin zählen 26,2 Prozent der 5081 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Kreis Esslingen zu den über 65-Jährigen – die zweitgrößte Teilnehmergruppe nach den Damen und Herren zwischen 46 und 64, die es auf 47,1 Prozent bringen. Insgesamt fließt das Behagen oder Unbehagen in eine Note für den eigenen Wohnort zwischen eins (schlechtester Wert) und zehn (bester Wert) ein. Außer der Frage, wie gut es sich als älterer Mensch leben lasse, sollten die Angebote für Senioren in der jeweiligen Gemeinde bewertet werden.

Kreis Esslingen im Mittelfeld

Die regionale Bilanz zeigt den Kreis Esslingen mit 6,43 auf Platz drei hinter dem Spitzenreiter Kreis Böblingen (6,65) und deutlich vor der Stadt Stuttgart mit dem schlechtesten Wert (6,12). Die größeren Städte im Kreis rangieren im vorderen Feld (Kirchheim: 7,48; Leinfelden-Echterdingen: 7,28), in der Mitte (Ostfildern: 6,78; Filderstadt: 6,54) oder bei den Schlusslichtern (Esslingen: 5,88; Nürtingen: 5,47). Einen Spitzenplatz belegt Denkendorf mit 7,78 Punkten. Dort meldet sich denn auch ausdrückliches Lob für Freizeitmöglichkeiten, Veranstaltungen und Betreuung zu Wort. Am Ende der Skala steht Aichtal mit 5,39. Gerügt wird hier, dass es „keine Wohnprojekte für Ältere“ gebe.

Die Aussage weist auf einen zweiten roten Faden in den Statements: Mangel an bezahlbarem Wohnraum, insbesondere für neue Formen wie Mehrgenerationenprojekte oder Senioren-WGs. Denn die „nehmen immer mehr zu“, sagt Kreissozialamtsleiterin Regina Lutz: „Neben den rund 70 Pflegeheimen im Kreis Esslingen gibt es über 20 ambulant betreute Wohngemeinschaften – mit steigender Tendenz.“ Ein nicht mehr so seltener, aber selten zu realisierender Wunsch scheint auch das Zurück zur Großfamilie zu sein, mit Eltern, Großeltern und Kinder unter einem Dach.

Eng verbunden mit der Frage nach der Wohnung sind die Themen Altersarmut und Einsamkeit: Was, wenn die bisherige Wohnung zu groß und zu teuer geworden ist? Wenn man nach einem Umzug soziale Kontakte verliert? Als Sorge, nicht als Erfahrung sind solche Bedenken formuliert. Aber daher rührt das Interesse an gemeinsamen Wohnformen, daher auch der Wunsch nach mehr Seniorentreffs oder Aktionen mit jüngeren Menschen. Eher zaghaft melden sich solche zutiefst persönlichen Bedürfnisse zu Wort, und doch sind sie dringlich: etwa vonseiten einer alleinstehenden Frau, zugezogen in eine kleinere Gemeinde und nun, im Ruhestand, völlig ohne soziale Kontakte.

Worum es beim Heimat-Check geht

Stimmungsbild
 Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.

Systematik
In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima.

Weitere Informationen
zgs.de/heimatcheckesslingen