Kein Entrinnen möglich: Für die sozialistische Produktion musste Tag für Tag schwer geschuftet werden. Foto: Jugendwerkhof Torgau/

Wer den ehemaligen Jugendwerkhof in Sindelfingens Partnerstadt Torgau besucht, kommt verändert heraus. Von 1964 bis 1989 wurden in dem Heim mehr als 4000 Minderjährige mit Gewalt „umerzogen“. Viele sind heute noch davon traumatisiert.

Wie eng können doch Licht und Schatten im Leben beieinanderliegen. In Torgau, Sindelfingens Partnerstadt in Nordsachsen, liegen sie nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Wer die kürzlich eröffnete Landesgartenschau in Torgau besucht, dürfte hingerissen sein, was das 20 000-Einwohner-Städtchen hier geschaffen hat. Wer dann aber eventuell noch den ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof, so hieß der Ort offiziell, Torgaus besucht, heute eine Gedenkstätte, erfährt von der dunkelsten Seite der ehemaligen DDR. Hier war sie: die Endstation staatlicher repressiver Heimerziehung, auf Biegen und Brechen – wortwörtlich.

 

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Jugendwerkhöfe gab es viele in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. 135 000 Kinder und Jugendliche waren in den Jahren 1964 bis 1989, dem Jahr des Mauerfalls, in solchen Heimen untergebracht. Die meisten waren „offen“. Wer sich dort aber nicht „anständig“ verhielt, widerwärtig war, aufsässig, „renitent“ – der wurde rasch nach Torgau verfrachtet. Mehr als 4000 Minderjährigen zwischen 14 und 18 Jahren hat dieses Schicksal geblüht. Viele davon, vermutlich die meisten, sind seitdem schwer gezeichnet. Viele haben eine posttraumatische Belastungsstörung, amtlich diagnostiziert.

Mit gerade mal elf von Volkspolizisten vom Schulhof gekidnappt

Alexander Müller ist einer von ihnen. Der heute 53-Jährige war gerade mal elf, als er von den „Vopos“, den Volkspolizisten, ins erste von mehreren Heimen eingebuchtet worden war – vom Schulhof weg gekidnappt. Was er ausgefressen hatte? Nichts. Seine Mutter, eine freischaffende Künstlerin, hatte einen Rückreise-Aufruf gegen die Zwangsausbürgerung des Dissidenten und Liedermachers Wolf Biermann unterschrieben.

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„So was hat genügt“, sagt Manuela Rummel, 40, Sozialpädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Lange Haare, ein Parka, mal die Schule geschwänzt oder die Lehre? Fan der Beat-Generation, der Beatles und der Stones, zu sein und das als jugendliche Clique auch draußen zu zeigen? „Das galt ja als westlich und dekadent. Das entsprach nicht dem sozialistischen Menschenbild und hat für eine Einweisung ausgereicht“, so Manuela Rummel. Kein einziger Jugendlicher sei aufgrund eines Gerichtsbeschlusses nach Torgau gekommen: „Hier wurde die Persönlichkeit junger Menschen bewusst gebrochen!“

Stramm stehen, Haare geschoren bekommen und dann Arrest

Alexander Müller wurde in dem „Spezialheim“ erst einmal mit einem Schlag in die Magengrube begrüßt. „Explosionsmethode“ nannten die Erzieher und Aufseher das: gleich mal zeigen, wo’s langgeht. So dokumentiert es auch der Eingang der Gedenkstätte auf wenigen Metern eines schmalen Gangs: „Still gestanden! Ausziehen hier! Haare ab! Drei Tage Einzelarrest!“

Alexander Müller kann (heute) darüber reden. Er ist einer der wenigen, die das schaffen. Bei anderen würde die Erinnerung wieder hochschwappen, sie erleben den Terror erneut. Sie sind nicht in der Lage, die Seelen-Höllenqualen in so einer Disziplinierungsanstalt von einst wieder hervorzuholen. Manuela Rummel versteht das gut. „Wer das in seiner Kindheit und Jugend durchmacht, wird davon viel schlimmer geprägt, als jemand, der etwa als ,Politischer’ im Erwachsenenalter weggesperrt wird. Der kann das vielleicht noch irgendwie rationalisieren. Aber Minderjährige. . .?“

Singen, pfeifen, lesen: Was war hier eigentlich nicht verboten?

Alexander Müller hat im Februar 2015 seine Erlebnisse 200 schockierten Gymnasiasten des Sindelfinger Unterrieden-Gymnasiums erzählt. Die Arrestzelle, in der die Pritsche tagsüber an der Wand verriegelt war, die Anstaltskleidung, der Eimer für die Notdurft im Eck. Singen, pfeifen, lesen (was denn?): bei Strafe verboten. Bei Zuwiderhandlung: Dunkelarrest, bis zu mehrere Tage lang. Die Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler – sie spiegelte sich im Gesicht eines jeden. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Später sind Neuntklässler nach Torgau gefahren, um sich den Ort der Gräueltaten anzuschauen.

„Hier kommen viele erst mal fröhlich herein“, sagt Henry Goldammer: „Und sie gehen tief betroffen wieder hinaus.“ Goldammer, 50, CDU-Stadtrat, ist einer der zahlreichen Ehrenamtlichen, die die vielen Besucherinnen und Besucher aufklären über die systematische staatliche Repression. Über das Wecken um 5.30 Uhr, Toiletten ohne Zwischenwände, bei Zuwiderhandlungen Essensentzug. Der drohte auch, wenn die Hausordnung nicht minutiös auswendig gelernt worden war: „Wenn die Zellentür aufging, was zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren konnte, musste die präzise aufgesagt werden können.“

Tägliches Pflichtprogramm: Sport auf der Kampfbahn

Zum Pflichtprogramm der Heimtage zählten härtester Sport auf einer Kampfbahn – und die Schufterei in Werkstätten für die „sozialistische Produktion“. Kein Entkommen möglich. Wer mehrfach nicht parierte, dem konnte jederzeit die schlimmste Qual drohen: der „Fuchsbau“, wie man ihn auch vom Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen kennt. Von Stunden bis zu Tagen mussten hier in einem für ein Stehen zu niedrigen Kellerraum aus Steinen Bestrafte in absoluter Dunkelheit ausharren, auf nacktem Steinboden liegend oder sitzend. Berichten zufolge solle es nicht einmal etwas für die Verrichtung der Notdurft gegeben haben. Wer allein schon die schmale Öffnung in dieses Verlies sieht, dem stockt womöglich vor Schock der Atem. Nicht mal dem schlimmsten Tier mag man so etwas antun.

„Ja“, sagt der Ehrenamtliche Henry Goldammer: „Wer das mit den übelsten Nazi-Methoden vergleicht, dem würde ich nicht widersprechen.“ In der Ausstellung im Erdgeschoss hängt ein Foto fröhlicher Kinder. Seine Unterschrift: „Den Kindern gehört die ganze Liebe unseres Volkes und die besondere Fürsorge unserer Regierung!“

Gedenkstätte offen für Austausch und Besuche

Etabliert
 Die Gedenkstätte „Geschlossener Jugendwerkhof“ als „Sonderheim für Schwererziehbare“ ist nicht immer als solche anerkannt gewesen. Ein ehemaliges Gefängnis kämpft eben lange mit Vorurteilen. Wer dort war, müsse ja was ausgefressen haben, so eine weitläufige Meinung, auch wenn das nicht stimmt. Und wer ein Heim mit solch einem Ruf verlässt, trägt oft Scham in sich. „Aber heute sind wir etabliert in der Stadt und in der Politik“, sagt die Expertin Manuela Rummel.

Gut besucht
 Trotz massiver Einschränkungen durch Corona zählte man 2020 zuletzt fast 12 000 Besuchende in den Dauer- und Wanderausstellungen sowie 79 Bildungsangebote und 24 Zeitzeugengespräche.

Betroffenheit
 Die Initiative in Torgau ist jederzeit offen für Besuche von Schulklassen und bietet auch virtuelle Formen der Kooperation an. Junge Menschen  seien sehr empfänglich für das Thema, so Manuela Rummel, sie seien ja in derselben Lebensphase wie die Opfer vor damals. Weiteres auf der hervorragenden Homepage www.jugendwerkhof-torgau.de