Die ersten Pilger strömten bereits zum Auftakt des Heiligen Jahres an Heiligabend in den Petersdom. Foto: imago/NurPhoto/Massimo Valicchia

Im Heiligen Jahr hofft der Vatikan auf Millionen an Besuchern. Doch während immer mehr Menschen pilgern, geht es längst nicht mehr allen um den Glauben. Auch abseits der Suche nach Gott lohnt sich Pilgern, meint Rom-Korrespondentin Almut Siefert.

2024 war das Jahr eines außergewöhnlichen Großereignisses: 10,2 Millionen Menschen reisten teils Tausende Kilometer, um Teil einer besonderen Gemeinschaft zu sein. Monatelange Vorbereitung steckten in den Gewändern, Perlenarmbänder wurden in Handarbeit aufgefädelt, um sie als Pilgermarke mit Gleichgesinnten zu tauschen. Wer bei der Eras-Tour der US-Sängerin Taylor Swift dabei war, hat etwas Epochales erlebt - und wird sich wohl ewig daran erinnern.

 

Von einer solchen weltweiten Euphorie träumt auch die katholische Kirche. Denn 2025 soll ganz im Zeichen des Heiligen Jahres der Hoffnung stehen, das Papst Franziskus an Heiligabend mit dem Öffnen der Heiligen Pforte im Petersdom eingeläutet hat. Der Vatikan spricht von 30 Millionen Menschen, die zum Jubeljahr in den kommenden zwölf Monaten nach Rom pilgern werden. Aber kann der Ruf eines alten weißen Mannes jenen einer jungen Pop-Ikone wirklich übertreffen? Und wer soll ihn überhaupt noch hören?

Deutschland kehrt der Kirche den Rücken – anders als Afrika und Amerika

Im Jahr 2023 sind in Deutschland rund 400 000 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Im Jahr davor waren es mehr als eine halbe Million, die der Institution den Rücken gekehrt haben. Doch von einer Krise ist nur in Europa zu sprechen. Die größte unter den christlichen Kirchen verzeichnet auf allen anderen Kontinenten steigende Mitgliederzahlen. Vor allem in Afrika und Amerika finden immer mehr Menschen zum katholischen Glauben. Weltweit gibt es heute fast 1,4 Milliarden Katholiken.

Doch auch wer den Blick nach Spanien wendet, ist geneigt, den Prognosen des Vatikans für 2025 Glauben zu schenken. 446 035 Pilger aus der ganzen Welt wanderten 2023 auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Vor 20 Jahren lag die Zahl noch unter 100 000. Seitdem steigt sie stetig - vom Ausreißer in der Corona-Pandemie einmal abgesehen. Interessant auch: 230 333 der Jakobswegs-Pilger waren im vergangenen Jahr Frauen. Vor zwölf Jahren lag der Anteil der Pilgerinnen dort noch bei 42 Prozent.

Alle pilgern – von der Managerin bis zum Schulabsolventen

Die Pilgerwege sind heute aber nicht mehr nur von Gläubigen bevölkert. Hier begegnet man der Managerin, die nach einem Burnout ihre Prioritäten neu ordnen will, dem jungen Mann, der nach dem Schulabschluss nicht weiß, wie es mit seinem Leben weitergehen soll oder dem Rentner, der nun endlich Zeit hat und die Welt erkunden möchte. Viele Menschen pilgern nicht mehr auf der Suche nach Gott, sondern auf der Suche nach sich selbst.

Was dagegen über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben ist, ist das Motto: Der Weg ist das Ziel. Doch auch der hat sich verändert. Denn abgesehen vom beliebten Jakobsweg, findet Pilgern heute oft ohne entbehrungsreichen Fußmarsch statt – und für viele eben losgelöst von der Institution Kirche. Im Mittelalter schnürte man die Schuhe und erhoffe sich von der Reise Heil und die Vergebung der eigenen Sünden. Heute öffnet man auf der Suche nach Ruhe, Heilung und Erkenntnis die Meditations-App auf dem Smartphone.

Und doch ist all das, was nun hoch im Kurs steht – vom Achtsamkeits-Kurs über die Coaching-Session bis hin zur Minimalismus-Challenge – eine moderne Form des Pilgern. Denn es ist die Suche nach dem, was im Alltag verloren gegangen ist. Danach, Festgefahrenes und Routinen aufzubrechen, Sinn und Orientierung zu finden und sich der eigenen Werte wieder bewusst zu werden.

Das Angebot ist vielfältig – nicht nur in einem Heiligen Jahr, nicht nur von religiöser Seite. Wer sich Zeit für sich nimmt, hat schon viel gewonnen. Und ob der eigene Weg nun zu einem Taylor-Swift-Konzert oder nach Rom zur Papstmesse führt, ist jedem selbst überlassen.