Auf dem Gedenkstein stehen alle Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger aus Heilbronn. Foto: Fritz

18 Nachfahren des jüdischen Zigarrenfabrikanten sind aus der ganzen Welt nach Heilbronn gereist. Der Unternehmer musste einst vor den Nazis fliehen.

Heilbronn - Zwischen Heilbronn und Heidelberg, Massenbachhausen und Berwangen spielte sich im letzten Jahrhundert eine besondere jüdische Familiengeschichte ab – heute setzt sie sich zwischen drei Kontinenten fort: Europa mit Italien, England und Holland, Amerika mit den USA und Kanada sowie Südafrika. Zustande kam ein denkwürdiges Familientreffen dank Karl-Heinz Vetter. Bei der Arbeit für das Ortsfamilienbuch des Massenbachhausener Fördervereins „Denk-mal“ stieß er auf die Geschichte der Familie Hochherr. Damals ahnte er noch nicht, welche Konsequenzen daraus erwachsen würden.

 

Von ihr beeindruckt, begann er, sie in allen Details zu erforschen, in mühevoller Recherche nach Familienmitglieder zu suchen und alles zu dokumentieren. Am Ende haben er und Mitglieder des Vereins die Reise, den Aufenthalt, das Programm für die Hochherr-Nachfahren und die Stolperstein-Verlegung für Bernhard Hochherr und seine Tochter Grete in Heilbronn organisiert.

Viele Nachfahren sprechen noch gut Deutsch

Achtzehn Nachfahren, des jüdischen Zigarrenfabrikanten Bernhard Hochherr und seiner Brüder Simon und Ferdinand (von der „Heidelberger Linie“) sind gekommen also Enkel, Nichten und Neffen, Großneffen- und Großnichten. Dass sie von den Hochherrs abstammen, denen noch die Flucht aus Nazi-Deutschland gelang, wussten alle, viele sprechen auch noch gut Deutsch. Was sie nicht aber nicht wusste, dass und wie viele Verwandte sie noch in anderen Ländern haben.

Das Smartphone wird fleißig genutzt, es werden Fotos gemacht von den Lebensstationen ihrer Vorfahren, Tonaufnahmen und Videos, auch von den Geschichten, die man sich untereinander zu erzählen hat, auf Deutsch oder auf Englisch. In Heilbronn haben sie bei ihrem Besuch einen Film gesehen, der auf dem Tagebuch der Flucht von Franz Joseph, verheiratet mit Erika, geborene Hochherr, einer Tochter von Ferdinand beruht. Was Avital Toren, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Heilbronn, sagt, unterstreichen auch einige aus der achtzehnköpfigen Gruppe: Es wurde nichts oder zu wenig von dieser fürchterlichen Zeit erzählt, ein nicht wieder gut zu machendes Versäumnis und vielleicht sei das auch einer der Gründe dafür, an der Reise teilzunehmen.

Zwei Stolpersteine verlegt

Avital Toren bestätigt auch den Eindruck, den man schon bei der ersten Begegnung gewinnt: Niemand von ihnen ist ablehnend, von Vorurteilen oder Vorbehalten geprägt, alle sind neugierig, aufgeschlossen, liebenswürdig. Nach dem Empfang im Amtszimmer des Heilbronner Oberbürgermeisters Harry Mergel zum Abschluss der Reise bedankt sich Paul Joseph und sagt: „Wenn es die Jahre zwischen 1933 und 1945 nicht gegeben hätte, dann wären wir jetzt alle ihre Mitbürger.“ Zuvor hat Harry Mergel von den Bemühungen der Stadt berichtet, von dem Unheil, an dem auch Heilbronner beteiligt waren und dem „Tag der Schande“, als bei der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 auch die prachtvolle Heilbronner Synagoge niederbrannte.

Im Gedächtnis der Stadt werden nun auch Bernhard Hochherr und seine Tochter Grete bleiben, für die in der Frankfurter Straße 39 zwei Stolpersteine gelegt wurden. Der Künstler Gunter Demnig hat selten so viele Nachfahren bei einer seiner Aktionen erlebt – seit 1992 hat Demnig etwa 70 000 solcher Steine verlegt, um den Opfern des nationalsozialistischen Terrors einen Namen zu geben.

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Vor dem unscheinbaren Nachkriegsbau steht eine Staffelei mit zwei Familienbildern, darunter eine Vase mit gelben Rosen, es wird aus der Familienchronik vorgelesen, eine Gedenkminute eingelegt. Und dann gibt es diesen besonderen Moment, in dem Geschichte und Schicksal unmittelbar greifbar werden, als weitere Familienmitglieder vortreten und auch um ein Gendenken an ihre weiteren Verwandte und Opfer bitten.

Auch Jüdischen Friedhof besucht

Die Gruppe besuchte außerdem den Jüdischen Friedhof in Heilbronn, an zwei Familiengräbern wurde das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für die hier Begrabenen gesprochen und auf die Grabsteine Marmorkiesel gelegt, dem jüdischen Brauch entsprechend. Das Mahnmal in der Mitte des Friedhofes, auf dem alle Namen der ermordeten Heilbronner Juden stehen, beeindruckte die kleine Gruppe tief. Am Ende sagte Paul Joseph der aus Holland kommt und mit seinen 81 Jahren zu den ältesten Gästen zählt, dass seine Familie überlege, wieder nach Deutschland zurückzukehren, wenn dem gegenwärtigen Antisemitismus in Holland nicht Einhalt geboten werde. Denn in Deutschland habe man sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt.