Neuer Kriminalfall um Einbürgerung: Heidelberger Institut soll 27 Ausländern den Sprachtest über Gebühr erleichtert haben. Foto: Fotolia

Wer Deutscher werden will, muss einen Deutschtest bestehen. Experten vermuten, dass dabei häufig geschummelt wird. Die Behörden wiegeln ab, doch nun gibt es erneut einen Fall.

Stuttgart/Heidelberg - Die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt gegen ein Heidelberger Sprachinstitut wegen des Verdachts der Einschleusung von Ausländern in 27 Fällen. „Das Verfahren kann ich bestätigen“, sagte eine Sprecherin der Anklagebehörde unserer Zeitung. Details könne sie nicht sagen. „Die Ermittlungen dauern an.“

Es sollen vor allem irakische Staatsangehörige sein, denen das Institut das für eine Einbürgerung notwendige Sprachzertifikat ausstellte, ohne dass die Bewerber tatsächlich über die notwendigen Deutschkenntnisse verfügten. Bei der Prüfung seien „unlautere Mittel“ angewendet worden, heißt es. Gegen Zahlung von 800 bis 1000 Euro soll ein Mittelsmann die Iraker an das Institut vermittelt haben. Das Institut selbst reagierte auf eine Anfrage unserer Zeitung nicht.

Das Integrationsministerium in Stuttgart hatte dem Vernehmen nach bereits im Juni die Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg vor den entsprechenden Sprachzertifikaten aus Heidelberg gewarnt und um Rückmeldung gebeten. „Nach den neuesten Mitteilungen der Polizei besteht in 27 Fällen der Verdacht, dass manipulierte Sprachzertifikate des Sprachinstituts in Einbürgerungsverfahren vorgelegt wurden“, erklärte das Ministerium nun auf Anfrage. „Schwerpunktmäßig sind nach neueren Erkenntnissen die Einbürgerungsbehörden im Raum Heidelberg betroffen.“

Die restlichen ­Einbürgerungsverfahren liegen auf Eis

Eine nähere Überprüfung der Fälle ergab, dass die Iraker zunächst auf regulärem Wege versucht hatten, den Deutschtest zu bestehen. Nachdem dies misslungen war, wandten sie sich an die Sprachschule. Dort waren sie verdächtig erfolgreich: In kurzer Zeit bestanden sie die Prüfung – zum Teil mit sehr gutem Ergebnis. Tatsächlich aber, dies haben Nachprüfungen ergeben, ist es mit ihren Deutschkenntnissen nicht weit her.

Laut Ministerium haben mindestens vier der verdächtigen Iraker den deutschen Pass bereits in Händen. Ob er ihnen wieder aberkannt werden kann, wird nach Ende des Strafverfahrens geprüft. Die restlichen ­Einbürgerungsverfahren liegen auf Eis.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, droht zudem dem Heidelberger Sprachinstitut der Entzug der staatlichen Lizenz zur Durchführung von Integrationskursen. Noch hält sich das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aber bedeckt. „Die Ermittlungen der Polizei gegen den genannten Träger sind dem Bundesamt seit längerem bekannt“, heißt es auf Anfrage. Konkrete Ermittlungsergebnisse lägen aber noch nicht vor.

Kenner der Szene vermuten, dass bei jeder dritten Einbürgerung in Sachen Deutsch geschummelt wird

Dass Bewerber ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingebürgert werden, ist laut den Behörden die Ausnahme. Kenner der Szene hingegen beklagen seit langem zu lasche Kontrollen und vermuten, dass bei jeder dritten Einbürgerung in Sachen Deutsch geschummelt wird. Im Januar waren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dortmund bekanntgeworden, die einer großen Sprachschule in Westfalen auf die Schliche kam. Das bei Ausländern äußerst beliebte Institut hatte die richtigen Antworten auf den Prüfungsbögen bereits vorab angekreuzt. In über 800 Fällen wird nun ermittelt. Laut Stuttgarter Integrationsministerium ist der Südwesten mit 19 Ermittlungsverfahren betroffen, davon allein sechs in Stuttgart. Auch in der Landeshauptstadt waren es hauptsächlich Iraker, die geschummelt haben. Sechs der 19 Verdächtigen im Land wurden bereits ­eingebürgert.

Nach Bekanntwerden des Falls in Westfalen hat das Bundesamt die Vorschriften für die bundesweit 1400 Kursträger verschärft: Seit Juli dürfen den Deutschtest nur speziell zugelassene Prüfer abnehmen, von April 2013 an wird die Zahl der Aufsichtspersonen bei Tests auf zwei erhöht. Auch das Integrationsministerium in Stuttgart hat noch eine gute Nachricht: „Weitere verdächtige Sprachinstitute sind uns nicht bekannt.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: