Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Litho von Franz Theodor Kugler, 1828. Foto: DLA Marbach

Das Marbacher Literaturmuseum zeigt einen Hegel zum Mitmachen

Marbach - Das Jahr 2020, in dem der 250. Geburtstag des PhilosophenGeorg Wilhelm Friedrich Hegelwie des Dichters Friedrich Hölderlin gefeiert wird, wirft seine Schatten voraus. Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach läutet es jetzt schon mit einer Ausstellung mit dem Titel „Hegel und seine Freunde – Eine WG-Ausstellung“ ein, die dort an diesem Sonntag (6. 10.) mit einem Vortrag der kalifornischen Philosophin Judith Butler eröffnet wird. Im kommenden Frühjahr soll dann Hölderlin folgen, wozu sogar der Bundespräsident in Marbach erwartet wird.

Aber kann man Philosophie ausstellen? In einem Literaturarchiv, das vor allem Manuskripte von Autoren sammelt, kann man höchstens deren schriftliche Hinterlassenschaften zeigen. Doch da hat Marbach das Problem, dass der größte Teil von Hegels Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wird, weitere Manuskripte befinden sich in den Archiven der Universitäten Tübingen und Krakau. Der Marbacher Hegel-Bestand dagegen ist klein: ein paar Briefe und einige Fragmente.

Die Kuratorinnen der Ausstellung, die Direktorin Sandra Richter und die Museumsleiterin Heike Gfrereis, haben deshalb nachgesehen, wo der Name Hegel im Marbacher Archiv sonst noch auftaucht – und siehe da, es gibt Spuren bei Friedrich Theodor Vischer und David Friedrich Strauß, Heinrich Heine und Hermann Hesse, Theodor W. Adorno und Max Bense, Alexander Kluge und Friedrich Kittler. Den „Stein Hegel ins Meer des Marbacher Archivs werfen“ nennen das die Kuratorinnen. Aber das hätte man beinahe mit jedem Namen machen können (etwa mit Goethe, Schiller oder Hölderlin) und wäre nach dem psychoanalytischen Verfahren der freien Assoziation mehr oder weniger auf dieselben Autoren gestoßen. Es fehlen eigentlich nur noch die üblichen Verdächtigen, denen man im Marbacher Literaturmuseum sonst fast in jeder Ausstellung begegnet: Ernst Jünger, Martin Heidegger oder W. G. Sebald.

Der Ausstellungsraum ist als große WG angelegt

Weil Hegel und Hölderlin zusammen mit dem fünf Jahre jüngeren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling als Theologiestudenten im Tübinger evangelischen Stift ein gemeinsames Zimmer bewohnten, ist der Ausstellungsraum im Museum als große Wohngemeinschaft angelegt. Hölderlin und Schelling werden schnell aus dieser WG verabschiedet, die Nachgeborenen von Heine bis Adorno nehmen ihren Platz ein. Doch als weitere WG-Genossen werden auch die Besucher eingeladen, die Kommentare zum Ausgestellten abgeben und mit Klammern an Wäscheleinen aufhängen dürfen: Hegel zum Mitmachen. Joseph Beuys’ Parole „Jeder ist ein Künstler“ wird hier ergänzt durch ein „Jeder ist ein Philosoph“. In der politischen Sphäre würde man das Populismus nennen.

In der Vorrede zu seinem ersten großen Werk, der „Phänomenologie des Geistes“, fordert Hegel: „Wahre Gedanken und wissenschaftliche Einsicht ist nur in der Arbeit des Begriffs zu gewinnen“. In Marbach trifft man dagegen auf eine Spielwiese, wo man mit Hegels zentralen Begriffen Billard spielen, T-Shirts mit aufgedruckten Hegel-Zitaten bewundern oder sich Filme von Alexander Kluge über Hegels Held Napoleon ansehen kann. Wem das zu wenig ist, der wird mit einer Flut von Papieren zum Mitnehmen eingedeckt, etwa einer Seminararbeit von Judith Butler über Hegel. Wollten wir in einer so unaufgeräumten WG auf die Dauer leben? Eher nicht.

Bis 16. Februar 2020.

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