Die Versetzung von Mitarbeitern mit "russischem" Hintergrund bei Heckler & Koch schlägt Wellen. Dass Betroffene ihrem Arbeitgeber Diskriminierung vorwerfen, wollen andere HK-Mitarbeiter aber so nicht stehen lassen.
Kreis Rottweil - Auf unsere Berichterstattung hin meldet sich ein Heckler & Koch-Beschäftigter bei unserer Redaktion. Ihm geht es gewaltig gegen den Strich, dass sich die nun versetzten Mitarbeiter aus der Qualitätssicherung "als Opfer darstellen", sagt er. Er und andere Kollegen bei HK, so berichtet er, könnten die Versetzungen weg aus dem Bereich "Beschuss" nachvollziehen. Denn: Nicht nur ihm, auch anderen Mitarbeitern des Oberndorfer Waffenherstellers hätten Äußerungen von den Betroffenen zum Ukraine-Krieg zu denken gegeben.
Absolut sensibler Sicherheitsbereich
"Das ist ein absolut sensibler Sicherheitsbereich, in dem die da arbeiten", sagt der Mitarbeiter. Beim "Beschuss" werden Waffen direkt auf dem betriebseigenen Schießstand getestet. Es ist der Bereich, in dem Waffen und Munition aufeinandertreffen. Und auf dieser Schnittstelle – dies wurde auch in den Gesprächen mit den versetzten Mitarbeitern angesprochen – liegt ein ganz besonderer Fokus in Sachen Sicherheit.
Berichten aus den Reihen der Beschäftigten zufolge sind es vier Mitarbeiter mit russischen Wurzeln beziehungsweise Wurzeln aus anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die am Freitag davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie ab Montag in anderen Abteilungen eingesetzt werden. Wie einer der Betroffenen im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt hatte, sei dieser Schritt nicht nachzuvollziehen und diskriminierend. Anwälte wurden eingeschaltet. Finanzielle Einbußen gibt es durch die Versetzung nicht.
HK weist Vorwurf der Diskriminierung klar von sich
Heckler & Koch hatte auf Nachfrage erklärt, dass es um den Schutz der Mitarbeiter und ihrer Familien selbst vor "Anwürfen" von außen gehe. Den Vorwurf der Diskriminierung weist das Unternehmen aufs Schärfste von sich. Wie ein Sprecher erklärt, arbeiten beim Oberndorfer Waffenhersteller 950 Menschen aus rund 30 Nationalitäten. Es handle sich bei den nun versetzten Mitarbeitern um geschätzte Kollegen, die im Unternehmen seit Jahren sehr gute Arbeit leisten.
Offene Äußerungen pro Putin
Allerdings sehen andere HK-Mitarbeiter deren Haltung in Bezug auf Putins Angriffskrieg als – um es vorsichtig zu sagen – problematisch. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet ein Beschäftigter über eindeutige und mehrfache Pro-Putin-Äußerungen und Äußerungen zum Kriegsgeschehen, die über das erträgliche Maß hinausgehen. "Die haben aus ihrer Haltung auch auf der Arbeit keinen Hehl gemacht." Man werde von einigen Kollegen mit "russischer Propaganda" konfrontiert.
Etliche Beschäftigte zeigen Verständnis für Maßnahme
Dass HK deshalb im sensiblen Bereich des Beschusses von Waffen vorsichtig ist, sei verständlich. Auch andere Mitarbeiter, so ist aus dem HK-Umfeld zu hören, tragen die Maßnahme des Unternehmens mit. Einige äußern sich sogar erleichtert. Wer auf dem Schießstand mit Sturmgewehren hantiere, der müsse absolutes Vertrauen genießen, so heißt es. Man könne sich vorstellen, dass die ein oder andere Äußerung eben auch in die oberen Etagen gedrungen sei.
Menschen aus 30 Nationalitäten
In der Stellungnahme von Heckler & Koch ist davon nicht die Rede. Das Unternehmen stellt den Schutz und die Fürsorgepflicht für die betroffenen Mitarbeiter in den Vordergrund und lässt die Frage nach möglichen Gefahren offen. Ein Sprecher erklärt allerdings: "In Anbetracht der bedrohlichen Lage warnen die Sicherheitsdienste in Deutschland vor verstärkter äußerer Einflussnahme auf Mitarbeiter der Verteidigungsindustrie."
IG Metall äußert sich kritisch zu HK-Entscheidung
Die Gewerkschaft IG Metall sieht die Versetzung der Mitarbeiter bei HK kritisch. Auf Nachfrage erklärt der Zweite Bevollmächtigte der zuständigen IG Metall Freudenstadt, Georg Faigle: "Das Unternehmen Heckler & Koch führt für die Notwendigkeit der Versetzungen die momentane Sicherheitslage an. Es wird befürchtet, dass russische Agenten Beschäftigte in den Rüstungsbetrieben werben wollen. Dabei seien Beschäftigte mit russischer Herkunft besonders im Visier dieser Dienste. Dass Heckler & Koch hier sensibel ist, ist nachvollziehbar. Problematisch ist, dass es für solche Fälle bei Heckler & Koch keine mit dem Betriebsrat vereinbarte Vorgehensweise gibt. Wenn es tatsächlich Gründe gebe, die eine Versetzung rechtfertigen, müssen diese Gründe dem Beschäftigten vorher bekannt sein. Am besten bei Eintritt ins Unternehmen."
Dass die Mitarbeiter sich diskriminiert und unter Generalverdacht fühlen, ist aus Sicht der Gewerkschaft "absolut nachvollziehbar". "Sie haben sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie kommen teilweise aus Nato-Staaten. Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft beziehungsweise haben sogar bei der Bundeswehr gedient", so Faigle.
Gewerkschaft fordert Rücknahme der Versetzungen
Das Fazit der IG Metall fällt deutlich aus: "Die Maßnahme des Arbeitgebers, wie sie jetzt durchgeführt wurde, ist nicht verhältnismäßig. Sie sollte zurückgenommen und mit dem Betriebsrat eine Regelung geschaffen werden." Der Vorgang wird beide Seiten noch einige Zeit beschäftigen. Die Versetzung, so hieß es, soll aber nicht von Dauer sein.