Laut Gesetz haben Frauen Anspruch auf eine Hebamme. Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Nicht jede werdende Mutter findet heutzutage eine Hebamme. Das bringt etliche Probleme mit sich. Zwei Vertreterinnen des Berufs von den Fildern erzählen von ihrem Alltag, der oftmals einer Quadratur des Kreises gleicht.

Filder/Schönbuch - Neun Monate lang arbeitet Sabine Braun aus Filderstadt mit werdenden Müttern auf die Geburt des Kindes hin. Wenn das Baby dann zur Welt kommt, ist Braun voller Freude: „Es ist großartig, ein Kind auf seinem Weg in die Familie und in sein Leben zu begleiten“, sagt sie. Sie hilft den Kindern zu Hause auf die Welt. Damit ist sie eine der wenigen Hebammen, die Hausgeburten anbieten. Jährlich werden in ihren Armen so rund 50 Kinder geboren.

 

Weil sie die Mütter nicht nur während der Geburt betreut, sondern sie von Beginn der Schwangerschaft bis teilweise über die Stillzeit hinaus begleitet, ist sie mit den Hausgeburten gut ausgelastet. 60 Stunden kommen in der Woche schnell zusammen. Manchmal muss sie in der Woche trotzdem zehn Schwangere absagen, die bei ihr anfragen. „Würde ich nur 40 Stunden die Woche arbeiten, müsste ich noch mehr Frauen abweisen.“

Hebammen sind nicht immer und überall verfügbar

So wie den Müttern, die bei Sabine Braun anfragen, ergeht es vielen. Das zeigt die Studie „Mangel an Hebammen in Deutschland“, die das Marktforschungsinstitut Skopos 2019 veröffentlicht hat. Zwar dauert die Suche nach einer Hebamme bei den meisten Frauen weniger als eine Woche. Ein knappes Viertel sucht jedoch einen Monat, neun Prozent drei Monate oder länger. Jede fünfte Frau nimmt keine Nachsorge-Hebamme in Anspruch. Der häufigste Grund: die fehlende Verfügbarkeit. 48,5 Prozent der Frauen ohne Nachsorgehebamme geben an, keine Hebamme gefunden zu haben, die in ihrer Nähe tätig war oder die zu ihnen nach Hause hätte kommen können. Dabei steht gesetzlich versicherten Frauen laut Paragraf 24d des Sozialgesetzbuchs nicht nur während Schwangerschaft und Geburt eine Hebamme zu, sondern auch im Wochenbett.

„Es gibt so viele examinierte Hebammen in Deutschland wie nie zuvor. Das spricht erst mal nicht für einen Mangel“, sagt Braun, die neben ihrer Tätigkeit als Hebamme auch Vorsitzende der Kreisgruppe Esslingen des Hebammenverbandes Baden-Württemberg ist: „Trotzdem fehlen Hebammen.“ Sie führt das vor allem auf die hohe Arbeitsbelastung zurück. Viele würden deshalb den Beruf wechseln, andere in Teilzeit arbeiten. „Wenn wir gesundheitsfördernd arbeiten wollen, aber selbst auf dem Zahnfleisch kriechen, geht das nicht“, sagt sie.

Auch Dilara Bögl, Hebamme aus Schönaich, ist nur zu 80 Prozent in der Klinik angestellt. Vier Tage die Woche arbeitet sie im Schichtdienst. Sie sagt: Hundert Prozent in der Klinik zu arbeiten, sei zu viel. „Man kann nie sagen, ob man pünktlich rauskommt. Wenn die Frau kurz vor Schichtende eingeliefert wird, sagen wir ja nicht zu ihr, sie soll die Beine zusammenhalten.“

Überstunden und fehlende Pausenzeiten

Eine Umfrage des Deutschen Hebammen Verbands 2016 hat gezeigt: Die Hälfte der befragten angestellten Klinikhebammen betreut häufig drei Frauen parallel, weitere 20 Prozent vier oder mehr Frauen. Etwa 90 Prozent der Hebammen leisten der Umfrage zufolge Überstunden und können keine Pausen machen. „Die Zustände in den Kliniken sind unhaltbar, sowohl für die Frauen und Familien als auch für die Hebammen“, sagt Braun. Denn diese Zustände führen dazu, dass Frauen trotz Wehen abgewiesen oder über längere Zeiträume hinweg allein gelassen werden. Doch politisch habe sich ihrer Meinung nach schon einiges bewegt. „Alle Kliniken sind bereit, mehr Hebammen einzustellen. Aber es gibt keine.“

Auch die Bezahlung macht den Job unattraktiv. So betrug das Bruttoeinstiegsgehalt einer angestellten Klinikhebamme 2018 laut Deutschem Hebammenverband knapp 2800 Euro brutto. Dilara Bögl arbeitet neben ihrem Klinikjob freiberuflich, weil das Geld sonst nicht zum Leben reicht. Sie gibt Geburtsvorbereitungskurse und steht den Schwangeren vor und nach der Geburt zur Seite. „Mit der zusätzlichen Freiberuflichkeit komme ich manchmal an meine Grenzen“, sagt Bögl.

In der Klinik bekommt sie oft die Sorgen der Mütter mit: Viele finden keine Hebamme für die Nachsorge. Bögl möchte das ändern: „Meine Lösung für das Problem: Ich möchte eine Notfallsprechstunde in Waldenbuch oder Steinenbronn anbieten.“ Ein- oder zweimal die Woche will sie in der Praxis eine Sprechstunde für all diejenigen anbieten, die sich bei Schwierigkeiten, etwa bei Stillproblemen, an keine Hebamme wenden können. Statt zum Kinderarzt zu rennen, könnten sie dann die Notfallsprechstunde aufsuchen.

Der Beruf soll akademisiert werden

Eine Stärke der Betreuung durch eine Hebamme ist laut Braun die auf Kontinuität angelegte Begleitung rund um die Geburt. „Eine aus dem Mangel an Hebammen resultierende Verlagerung dieser Tätigkeit in eine Praxis-Sprechstunden-Konsultation kann im besten Fall die akute Not lindern.“ Eine langfristige Lösung sei das jedoch nicht. Helfen soll die Akademisierung des Berufs. In Zukunft sollen Hebammen, die bisher an der Hebammenschule ausgebildet wurden, ein Duales Studium absolvieren. „Eines der Probleme ist ja, dass die Hebamme als Fachfrau für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden ist. Durch die Akademisierung bekommt die Hebamme nun wieder mehr Ansehen“, sagt Braun. Die aktuelle Not könne das Studium jedoch nicht lindern. Außerdem erhöhen sich mit dem Studium die Voraussetzungen für Zulassung. Ein Anstieg an Anwärterinnen kann sich Braun deshalb nicht vorstellen: „Hebamme wird man, weil man Freude an dieser Arbeit hat – ob man studiert oder nicht, macht nicht den entscheidenden Unterschied.“

Stattdessen müsse man den Beruf wieder attraktiver gestalten: „Die Arbeit und die Verantwortung gehören entlohnt und nicht, dass man studiert hat“, sagt Braun. Außerdem müsse man ihrer Meinung nach die Belastung verringern. Doch dafür braucht es wiederum mehr Hebammen. Das Ziel müsse es deshalb sein, diejenigen wieder in den Beruf zu bekommen, die derzeit wenig oder nicht arbeiten. Bögl spricht sich ebenfalls für eine bessere Bezahlung und vor allem für eine bessere Förderung von Hebammen aus. Sie weiß, dass sie mit ihrer geplanten Notfallsprechstunde das Problem auf lange Sicht nicht lösen kann. „Ich kann aber das tun, was in meiner Macht steht. Es ist ein Versuch, den Frauen akut zu helfen.“