Patrick Sander versucht, Passanten mit Schnaps zu ködern - manchen ist das fürs Gedichtevorlesen zu wenig Foto: Leif Piechowski

Das Image des Bibliothekars ist angestaubt. Das zumindest findet eine Gruppe von Studenten und hat auf dem Kronprinzplatz unter anderem Schnaps im Gegenzug fürs Vortragen von Gedichten an Passanten ausgeschenkt. Mit der Aktion wollen die Studenten zeigen, dass sie keine Langweiler sind.

Das Image des Bibliothekars ist angestaubt. Das zumindest findet eine Gruppe von Studenten und hat auf dem Kronprinzplatz unter anderem Schnaps im Gegenzug fürs Vortragen von Gedichten an Passanten ausgeschenkt. Mit der Aktion wollen die Studenten zeigen, dass sie keine Langweiler sind.

Stuttgart - Eigentlich ist Patrick Sander ein hübscher Bursche, und auf den Mund gefallen ist er auch nicht. Trotzdem ist der 21-Jährige Single – und das nicht aus Überzeugung. Der Student des Studiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien (HdM), glaubt, dass der piefige Ruf des Bibliothekars schuld an den Frustmomenten mit den Frauen ist. „Wenn ich am Wochenende im Klub feiern bin, ein Mädchen kennenlerne und gefragt werde, was ich studiere, kommt es oft vor, dass sie mich für einen Spießer hält.“ Dabei sei er ganz anders, sagt Sander.

Dass Bibliothekare keineswegs die Langweiler unter den Studenten sind, wollten Sander und seine Kommilitonen mit der ­Aktion „Schnap(s) dir ein Gedicht“ vor ­kurzem auf dem Kronprinzplatz im Rahmen der Vorlesung zum Thema Public Management beweisen. Dort haben sie mit Schnaps, Wein, aber auch alkoholfreien Getränken und Häppchen versucht, Passanten zu überreden, Gedichte vor Publikum vorzutragen. Wer kein Gedicht auswendig konnte, für den haben die Studenten Gedichtvorlagen wie Schillers Klassiker „Die Glocke“ parat gehabt. Knapp hundert Passanten haben sich auf das Spiel eingelassen. „Knapp fünf ­Prozent, die wir angesprochen haben, haben mitgemacht“, resümiert Martin Götz, Professor an der Hochschuld der Medien. „Einige Häppchen müssen wir wohl selber essen.“ Trotzdem ist er stolz auf seine Truppe, wie sie sich als Party-Bibliothekare ein wenig selbst verschaukelt.

Dass der Andrang größer sein könnte, stört Sander und seine Kommilitonen aber nicht. Wenn gerade keine Passanten am Mikrofon sind, tragen sie eben selbst Gedichte vor. Und dass Schnaps nicht die beliebteste Wahl bei den Passanten ist, stört die Studenten nicht im geringsten. „Der kommt schon weg“, sagt Sander schmunzelnd.

Wäre es nach Sander gegangen, hätte man mit einer noch heftigeren Aktion für Protest gesorgt. „Die Idee, eine Erotiklesung in einem Striplokal zu machen, fand viel Zuspruch, konnte sich bei unserer Abstimmung mit Platz zwei aber nicht gegen Schnäpse und Gedichte durchsetzen“, sagt Sander. Zuerst war alles als Flashmob geplant, was die Stadt jedoch nicht genehmigte. „Eine Konzession für den Ausschank von hartem Alkohol zu bekommen, war dagegen kein Problem“, sagt Sander.

Es geht Sander aber um mehr, als einfach nur darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu zeigen, dass auch angehende Bibliothekare einen trinken gehen können. „Mittlerweile hat sich das Berufsbild total geändert. Viele von uns wollen nach dem Studium in Unternehmen als Dokumentare arbeiten. In der Informationsbranche haben wir mit modernen Technologien und ausgefeilten Recherchetechniken zu tun“, verteidigt Sander den Berufsstand. Damit das in der Öffentlichkeit ankomme, müsse man eben provozieren. Ihr Professor Martin Götz steht hinter dem Studententeam.

Ein klassischer Bibliothekar, selbst wenn er auch mehr ein Dienstleister als ein ­Bücherhüter ist, will Sander nicht werden. „ich würde gerne Bildungseinrichtungen in der Dritten Welt aufbauen“, sagt er.