Ein lebenslanges Hausverbot erschüttert eine Familie in Rohrdorf. Nach einem Arbeitsrechtsstreit trifft die harte Strafe nun auch die Kinder. Ihr Alltag ist massiv eingeschränkt.
Wenn die Söhne von Denis Dzemaili morgens in Rohrdorf (Landkreis Calw) zum Schulbus nach Nagold und Altensteig laufen, können sie nicht noch schnell beim Bäcker reinspringen. Wollen sie eine Brezel, müssen sie einen Freund beauftragen. Aber das ist eigentlich viel zu peinlich. Auch der Automatenladen gegenüber der Bäckerei ist für die beiden Jungs tabu. An einem Besuch im benachbarten großen Elektrogeschäft ist sowieso nicht zu denken. Es ist, als ob die beiden – 12 und 15 Jahre alt – beim Klauen erwischt worden wären. Dabei können sie überhaupt nichts für ihr Hausverbot.
Es ist ein Brief, der das Leben von Familie Dzemaili auf den Kopf gestellt hat. Vor einigen Wochen kam er per Einschreiben. Absender: Elektro Seeger. Dort hatte Papa Denis gearbeitet, war aber mittlerweile ausgeschieden. „Ich habe mich natürlich gewundert“, sagt der 40-Jährige. Über den Inhalt wunderte er sich dann noch mehr. „Hiermit sprechen wir Ihnen mit sofortiger Wirkung, lebenslang, für sämtliche Privat- und Firmengelände der Elektro Seeger GmbH ein Betretungs- und Hausverbot aus“, hieß es darin. Und nicht nur er, auch seine Frau, seine Kinder, seine Eltern und sogar die Familie seiner Schwägerin sollten sich nicht mehr blicken lassen. Bei Zuwiderhandlung „werden wir Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten.“
Traditionsfirma Seeger verhängt umfassendes Hausverbot
Nun muss man wissen, dass die Firma Seeger in Rohrdorf nicht irgendein Unternehmen ist, sondern eines der wichtigsten mit 100-jähriger Tradition. In den vergangenen Jahren hat Heiko Seeger entlang der ehemaligen Bundesstraße rund um sein großes Elektrogeschäft in Millionenhöhe investiert und ein Ladenzentrum realisiert – mit Geldautomat, einem großen Bäckerei-Café und einem Automatenverkauf, an dem sich die Dorfjugend trifft. Dass auch die verpachteten Flächen vom Betretungsverbot betroffen sind, daran lässt das Schreiben keinen Zweifel. Neben Heiko Seeger und seiner Frau hat es auch der Chef der Bäckerei unterschrieben.
Für den Ludwigsburger Rechtsanwalt Patrick Kammerer ist der Vorgang schlicht „Sippenhaft“, die es in Deutschland doch eigentlich längst nicht mehr gebe. Er hat für das Verhalten des Unternehmer-Ehepaars eine Erklärung: „Es scheint ein Machtspiel schlechter Verlierer zu sein, die versuchen, ihre Niederlage nachträglich durch Einbezug Unbeteiligter zu kompensieren.“
Eigentlich sei es ein ganz normaler Arbeitsrechtsstreit gewesen, in dem er Dzemaili gegen seinen damaligen Arbeitgeber – die Firma Seeger – vertreten habe. Sein Mandant sei krank geschrieben gewesen, der Chef zweifelte an der Krankheit und behielt den Lohn ein. Kammerer klagte auf Entgeltfortzahlung, schließlich einigte man sich vor dem Arbeitsgericht auf einen Vergleich. Dzemaili erhielt eine Nachzahlung.
Seeger setzt auf private Ermittlungen gegen Ex-Mitarbeiter
Schon während des Verfahrens habe er sich allerdings über das Agieren der Gegenseite gewundert, sagt Kammerer. Seeger habe private Ermittlungen angestellt, seinen Mandaten verfolgt, Fotos gemacht und Fahrzeugkennzeichen notiert. Dzemaili hatte während seiner Krankschreibung weiterhin die Meisterschule besucht. Das sei mit dem Arbeitgeber und dem behandelnden Arzt aber abgesprochen gewesen.*
Die Firma Seeger lässt eine schriftliche Nachfrage unserer Redaktion unbeantwortet. Auch Matthias Raisch, Mitinhaber der Bäckerei Raisch, will sich nicht dazu äußern, wie eine Unterschrift aus seinem Betrieb auf das Papier gekommen ist. Die örtliche Raiffeisenbank, deren Geldautomat für Familie Dzemaili nicht mehr zugänglich ist, reagiert ratlos auf die Anfrage. Ob sie überhaupt von dem Hausverbot weiß, ist unklar.
Er habe erst den Kopf geschüttelt und sich über das Schreiben amüsiert, sagt Dzemaili. Doch mittlerweile ist ihm die Tragweite des Hausverbots bewusst geworden. „Meine Frau und ich können mit dem Auto schnell ins Nachbardorf fahren und dort Brötchen holen.“ Doch als er seine Kinder über das Hausverbot informiert habe, da habe sein Jüngster gleich gesagt: „Die bestrafen ja gar nicht dich. Eigentlich bestrafen sie uns.“
*Anmerkung der Redaktion: „Die Elektro Seeger GmbH betont, dass sie Herrn Dzemaili zu keinem Zeitpunkt die Zustimmung erteilt habe, während seiner 7-monatigen Arbeitsunfähigkeit die Meisterschule zu besuchen. Der Besuch der Meisterschule habe deshalb ihrer Auffassung nach die arbeitsrechtlichen Pflichten des Herrn Dzemaili verletzt und deshalb sei es zu der Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Mitarbeiter gekommen.“