Ein breiter Branchenmix und ein niedriger Gewerbesteuerhebesatz hilft Gerlingen nach eigenen Angaben auch derzeit. Foto: Simon Granville

Die Prognose für 2026 weist zwar erneut ein sattes Minus von rund 4,6 Millionen Euro aus. Doch für unzufriedene Mienen sorgt das in Gerlingen nicht. Das hat gute Gründe.

Die Stadt Gerlingen erwartet auch für 2026 wieder ein Haushaltsdefizit. Rechnerisch liegt es bei genau 4 629 748 Euro, vorausgesetzt, alle Voraussagen treffen so ein, wie sie von den Mitarbeitern um Kämmerer Matthias Britsch errechnet worden sind.

 

Doch was man im Gerlinger Rathaus eben auch weiß: Negative Prognosen haben sich in der Strohgäukommune in den vergangenen Jahren zuletzt immer wieder wie von Geisterhand in ein Plus verwandelt oder sind wenigstens deutlich weniger schmerzhaft ausgefallen. Das macht Gerlingen, obgleich die wirklich fetten Jahre auch hier vorbei sind, im Vergleich zu vielen anderen benachbarten Städten und Gemeinden nach wie vor zu so etwas wie einer Insel der Seligen.

Gerlingen investiert 26 Millionen Euro trotz Defizit

Tatsächlich stehen dem Haushaltsdefizit massive Investitionen in die Infrastruktur gegenüber, die so nur die wenigsten vergleichbaren Kommunen aktuell stemmen können. 2026 werden sie ein Rekordvolumen von knapp 26 Millionen Euro erreichen. Gleichzeitig stiegen im laufenden Jahr in Gerlingen die Gewerbesteuereinnahmen überraschend üppig an und erreichen mit – vorläufig noch prognostizierten – 38 Millionen Euro den höchsten Stand seit dem Jahr 2020. Ursprünglich hatte Gerlingen wie auch für das kommende Jahr mit Einnahmen von 27,5 Millionen kalkuliert. Zur Wahrheit gehört aber auch: Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von rund 58 Millionen Euro, wie noch 2018 verbucht, liegen in weiter Ferne.

Stadtkämmerer Britsch macht vor allem den „guten Branchenmix“ dafür verantwortlich, dass sich die Stadt relativ „krisenresistent“ präsentiert. Hinzu käme ein „wettbewerbsfähiger Gewerbesteuerhebesatz“, der zweitniedrigste im gesamten Landkreis. Anders als noch 2024 sind in Gerlingen aufgrund dieser Entwicklung auch neue Schulden kein Thema mehr. Der Schuldenstand geht im zweiten Jahr in Folge zurück und liegt 2026 bei geplanten 5,1 Millionen Euro.

„Wir können das Baugebiet mit dem Rückenwind aus der Wirtschaft finanzieren“

Daran ändert auch nichts, dass Gerlingen für das künftige Neubaugebiet Bruhweg II im kommenden Jahr rund 9,3 Millionen Euro in die Hand nimmt. Es ist der mit Abstand größte Einzelposten in der Liste der geplanten Investitionen. „Wir können das Baugebiet mit dem Rückenwind aus der Wirtschaft finanzieren“, sagte Bürgermeister Dirk Oestringer (parteilos) am Mittwoch anlässlich der Einbringung des Haushalts im Gerlinger Gemeinderat. Freilich sinkt im Zuge der üppigen Investitionen die Liquidität der Stadt auf jetzt nur noch knapp 13,1 Millionen Euro.

Weitere Investitionsschwergewichte sind 2026 die Erweiterung einer Flüchtlingsunterkunft, die im Haushaltsjahr mit 1,8 Millionen Euro zu Buche schlägt, die Sanierung des Alten Rathauses für 2,2 Millionen Euro sowie der Neubau der Schulmensa für 2,5 Millionen Euro.

Dirk Oestringer Foto: benjaminknoblauch.de

Wie Bürgermeister Oestringer betonte, sei das Ergebnis im Haushaltsentwurf unterm Strich zwar defizitär. Das Minus bewege sich jedoch „im Rahmen der Abschreibungen“. Dass die Stadt trotz der zuletzt angestiegenen Gewerbesteuereinnahmen und einer für 2026 geplanten Netto-Steuereinnahme von knapp mehr als 26 Millionen Euro nicht noch besser dasteht, erklärte der Rathauschef nicht nur mit gestiegenen Umlagekosten und Gehältern.

Scharf kritisierte Oestringer Bund und Land dafür, dass sie die an die Kommunen zugewiesenen Aufgaben nicht ausreichend gegenfinanzieren, obwohl dies verfassungsmäßig vorgeschrieben wäre. „Es wird seit Jahren stetig und immer wieder missachtet, dass derjenige in der Politik, der bestellt, auch bezahlen muss“, so der Bürgermeister. Als Beispiel nennt er das Bundesteilhabegesetz, das auf Kreisebene zur Schaffung von 40 neuen Stellen im Sozialbereich führte, was sich nun auf eine Erhöhung der Kreisumlage auswirke.

Belastet werde der Haushalt zudem nach wie vor durch die „falsche Berechnung“ der Einwohnerzahl im Zensus 2022. Dies wirke sich unter anderem auf die Umlagezahlungen und die Berechnung des künftigen Gerlinger Anteils am Sondervermögen des Bundes für die Länder und Kommunen aus, das ab 2027 im Haushalt veranschlagt werde. Die amtlich im Zensus ermittelte Zahl von 18 375 Einwohnern sei zu gering. Zuletzt lag die Zahl der tatsächlich gemeldeten Gerlinger Bürger um mehr als tausend Einwohner höher. Oestringer nannte es einen „Skandal, wie innerhalb des Statistischen Landesamts mit den betroffenen Städten und Gemeinden umgegangen wird.“