Die Zahl der Mitarbeiter soll nach oben gehen, sagen OB Fritz Kuhn (re.) und Finanzbürgermeister Michael Föll. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Statt unter 200 werden 2023 bereits 400 Mitarbeiter in den Ruhestand treten. 2018 soll es viele neue Stellen geben, aber auch neue Aufgaben.

Stuttgart - 513 neue Stellen in der Stadtverwaltung und dem Abfallwirtschaftsbetrieb AWS, das ist ein großer Schluck aus der Pulle, den Stadtchef Fritz Kuhn (Grüne) und Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) am Montag bei der Vorlage ihres Entwurfs für den Doppelhaushalt 2018/2019 zelebriert haben. 513 neue Stellen sind ein ungewohnter Zuwachs, 2016 beschloss der Gemeinderat für zwei Jahre 120 neue Stellen.

Doch nicht nur die Stellenzahl wächst, zuvor schnellen die Anforderungen nach oben. Darauf weist der Personalrat hin. Ein neues Glückspielgesetz, ein neues Prostituiertenschutzgesetz, Änderungen im Meldegesetz, neue Wohnformen in Altenheimen, die wegen der Terroranschläge erweiterte Sicherheitskonzepte bei Festen, die Erweiterung des Parkraummanagements auf zusätzliche Stadtteile (Bad Cannstatt und Ost), 418 zusätzliche Kita-Plätze für Kleinkinder unter drei Jahren und 850 neue Ganztagesplätze bedingen automatisch mehr Personal. Und wer den Einheimischen und den Gästen der Stadt künftig stärker hinterherräumen und ihnen eine blitzsaubere Umgebung bieten will, der schafft das nicht ohne zusätzliche Manpower. Allein 99 der 513 Stellen sind für die Stadtreinigung vorgesehen.

Rathausspitze ändert Taktik

In den Vorjahren überließ es die Verwaltung teils dem Gemeinderat, für die Pflichtaufgaben auch genügend Personal im Haushaltsplan zu verankern. Der Ärger der Fraktionen darüber entlud sich über Kuhn und Föll vor der Sommerpause. Nun hat die Rathausspitze ihre Taktik geändert.

Die bei der Verwaltung verbleibenden 414 neuen Stellen sind nicht alle neu. 102 davon gibt es schon, doch im Haushaltsplan steht, dass sie wegfallen sollen. Stellentechnisch ist von „kW-Vermerken“ (kann wegfallen) die Rede. 102 dieser Vermerke werden nun gestrichen, bleiben also 312 neue Stellen. 69 braucht die Stadt allein für die Kindertagesstätten, und weitere 24,5 für das Thema saubere Stadt. Weil Erzieherinnen absolute Mangelware sind, soll der außertarifliche 100-Euro-Zuschlag für sie übrigens um weitere zwei Jahre verlängert werden.

Eine Achillesferse der Verwaltung sind die dezentralen Bürgerbüros. Das bürgernahe Angebot wird allerorten gelobt. Der Job am Tresen scheint aber Stress pur zu sein. Manchmal geht es dabei auf der anderen Seite des Schalters um existenzielle Entscheidungen, um den Aufenthaltsstatus, eine Duldung oder das Gegenteil. Die Zahl der durchschnittlichen Krankheitstage pro Mitarbeiter stieg von 2015 auf 2016 nochmals an, von 29 auf 34 Tage. Nun soll es 29,4 Stellen zusätzlich geben. Netto blieben wegen kW-Vermerken zwischen 14 und 15 übrig, heißt es nicht nur bei der Personalvertretung. Weil 59 Dienstleistungen angeboten werden, könne man erst im Herbst 2018 tatsächlich mit Entlastung rechnen – die Einarbeitung dauert mindestens ein halbes Jahr.

Attraktiver Arbeitgeber Stadt

Von den 414 Stellen der Kernverwaltung sind laut einer neuen Vorlage von Mittwoch nur 269,11 nicht haushaltsneutral, der Rest muss sich also selbst tragen – über Zuschüsse, oder wie beim Parkraummanagement das fleißige Schreiben von Strafzetteln.

Insgesamt wird die Stadt mit ihren bald 11 000 Stellen als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. Auf 38 Ausschreibungen des Personalamtes gingen voriges Jahr 1396 Bewerbungen ein, von 308 Auszubildenden wurden 234 übernommen, die Kündigungsquote bei den Tarifbeschäftigten sank von drei (2014) auf 1,7 Prozent (2016). Dennoch stellt die demografische Entwicklung auch die Stadt vor eine Herausforderung. Ab 2019 werde sich laut Verwaltungsbürgermeister Fabian Mayer (CDU) die Zahl der Altersabgänge bis 2035 von jährlich 200 auf bis zu 450 Mitarbeiter verdoppeln. Eine erste Spitze ist bereit 2023 mit der Zahl 400 absehbar. Der Altersdurchschnitt liegt bei 45 Jahren, doch 22 Prozent der Beschäftigten sind schon älter als 55. Der Gang in die Rente wird mit durchschnittlich 63,7 Jahren angetreten. Jeder Bürger erwarte, dass die Verwaltung zügig arbeite und keine Fehler mache, heißt es beim Personalrat. Mit den zusätzlichen Stellen kann man sich diesem Idealfall annähern. Vollständig erreichen wird man ihn nie.

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