Erwik Jost leitet einen Handwerksbetrieb, Tatjana Geßler moderiert die Nachrichtensendung „SWR aktuell“. Hausbesuch bei einem vermeintlich ungleichen Ehepaar.
Diese Liebesgeschichte beginnt an Heilige Drei Könige anno 2013 im Noodle one. Das vietnamesische Restaurant am Stuttgarter Wilhelmsplatz ist wieder mal proppenvoll, die Gäste kommen sich von selbst nahe. „Könnten Sie mir bitte die Sojasoße reichen?“, fragt Tatjana Geßler den Herrn am Nebentisch. So kommt sie mit Erwik Jost ins Gespräch. Am Ende des Abends tauscht man Telefonnummern aus und verabredet, demnächst gemeinsam „Der Hobbit“ im Kino zu schauen. Einen Monat später sind die SWR-Moderatorin Geßler und der mittelständische Unternehmer Jost ein Paar.
Althütte, Rems-Murr-Kreis, 4200 Einwohner, ringsum Wald. Im hintersten Winkel des Dorfs wohnen die Eheleute Jost/Geßler in einem Eigenheim. Auf das Drücken des Klingelknopfs folgt hysterisches Gebell. Der Hausherr öffnet. Erwik Jost ist 64 Jahre alt, wirkt aber zehn Jahre jünger – volles Haar, athletische Figur. Die Hündchen zu seinen Füßen stellt er als Fini und Flocke vor. Drinnen im Wohnzimmer wartet seine Ehefrau. Tatjana Geßler sieht genau so aus, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: lässig gestylt mit engen Jeans, gelbem Top und roten Pumps, Haare und Make-up wirken so perfekt, als wäre sie gerade von einer Profi-Visagistin zurechtgemacht worden.
Erwik Jost beginnt, von sich zu erzählen. Seit bald drei Jahrzehnten ist er Boss der Firma Klaeger Präzision, die sich auf computergesteuertes Drehen, Fräsen, Bohren und Schleifen spezialisiert hat: „Ein total spannendes, hochtechnologisches Metier.“ Wenn abends um halb acht die Nachrichtensendung „SWR aktuell“ beginnt, kümmert er sich meistens noch um die Akquise von Kunden, in deren Auftrag sein 16-Leute-Betrieb Teile produziert. Den Namen Tatjana Geßler hatte Jost noch nie gehört, als ihn vor gut neun Jahren die Frau vom Nebentisch um die Sojasoße bat. „Das war sein Glück“, sagt sie, „denn so wusste ich, dass er sich für mich als Mensch interessiert und nicht für das, was ich darstelle.“
Gegenpol zur aufgeregten Medienwelt
Tatjana Geßler zählt zu den bekanntesten TV-Gesichtern im Land. Seit 1998 arbeitet sie für den SWR. Sie war die Anchorwoman von Sendungen wie der „Landesschau“, „Tatjanas Tiervermittlung“ und „natürlich!“, zurzeit moderiert sie regelmäßig „SWR aktuell“. Über Social Media folgen der 48-Jährigen rund 185 000 Menschen. Es gibt einen Geßler-Fanclub, und wenn sie zum Arzt muss, weil sie Schlieren sieht, titelt die „Bild“-Zeitung: „Tatjana Geßler – Angst ums Augenlicht“.
Ihr Mann bildet den Gegenpol zu dieser aufgeregten Medienwelt. „Seine ruhige, gelassene Art hat mich fasziniert. Ich habe mich vom ersten Moment an superwohl gefühlt in seiner Gegenwart“, sagt sie. „Ich bin stolz auf das, was meine Frau erreicht hat, aber der Promifaktor ist mir wurscht. Das Sehen und Gesehenwerden brauche ich nicht“, sagt er. Wenn sich Erwik Jost doch mal für die Fotografen neben seine Tatjana auf den roten Teppich stellt, dann „nur meiner Frau zuliebe“.
Was hat ihn zu einem bodenständigen Mann gemacht? Erwik Jost wird am 2. April 1958 unter dem Sternzeichen Widder im Stuttgarter Bethesda-Krankenhaus geboren. Sein Großvater ist mit seiner Familie am Ende des Kriegs aus Schlesien geflüchtet und hat sich in der Leonberger Gartenstadt ein Eigenheim gebaut, das exakt seinem Haus in der alten Heimat glich. Das Kellergeschoss wurde eigenhändig mit einer Schaufel ausgegraben und das Baumaterial kilometerweit per klapprigem Leiterwagen von einem Steinbruch herangekarrt. Erwik Jost erzählt diese Familiengeschichte, um zu verdeutlichen, dass in ihm die Gene seiner fleißigen Vorfahren stecken.
Keine Sperenzchen
Die ersten fünf Jahre seiner Kindheit verbringt er bei seinen Großeltern in Leonberg. Seine Mutter Hilde Jost geb. Gaudl arbeitet als Sekretärin, sein Vater Erhard Jost studiert noch: „Das Geld war damals sehr knapp.“ Anfang der 70er Jahre ziehen die Josts nach Remseck-Hochdorf, um dem Familienoberhaupt, das sich mittlerweile zum Geschäftsführer der Hermann Klaeger Maschinenfabrik hochgeschafft hat, den Arbeitsweg nach Untertürkheim zu verkürzen. Sein Sohn kommt ganz nach ihm, auch Erwik ist einer, der sich keine Sperenzchen erlaubt: Er macht Abitur am Ludwigsburger Friedrich-Schiller-Gymnasium, spielt Wasserball beim örtlichen Schwimmverein, leistet den Wehrdienst und studiert im Anschluss an eine Banklehre BWL mit Schwerpunkt Informatik. Kaum hat er das Diplom in der Tasche, holt sein Vater den 27-jährigen Berufsanfänger als kaufmännischen Leiter in seine Firma, die die Produktion mittlerweile von Untertürkheim nach Althütte verlegt hat: „Ich wurde damals ins kalte Wasser geschmissen.“
1994 erkrankt Hilde Jost an Hautkrebs. Als sie in die Klinik kommt, erleidet ihr geschockter Mann einen schweren Herzinfarkt. Die Mutter stirbt, der Vater überlebt – ist aber bis auf Weiteres nicht mehr in der Lage, eine Firma zu leiten. Erwik Jost übernimmt die Geschäftsleitung. 1998 zahlt die Familie die anderen Teilhaber aus.
Seit dem Tod seines Vaters ist Erwik Jost alleiniger Gesellschafter. Es macht ihm Spaß, in einer Branche tätig zu sein, wo sich viele bärenstarke Konkurrenten tummeln. Fertigungsbetriebe gebe es in Baden-Württemberg en masse, erzählt Jost: „Man muss ständig präsent sein, um sich am Markt behaupten zu können.“
Der einzige Konfliktpunkt
Das bekommt auch seine Frau zu spüren. Neben ihrer TV-Tätigkeit steht Tatjana Geßler als Sängerin auf der Bühne. In diesem Sommer gab sie in der Wilhelma ein Open-Air-Konzert, begleitet von den SWR Swing All Stars. Natürlich hätte sie gerne gehabt, dass auch ihr Liebster lauscht, während sie mit souliger Stimme „Fly me to the Moon“ ins Mikrofon haucht. Aber Erwik war mal wieder in seinem Betrieb unabkömmlich. Eine Maschine hatte plötzlich den Geist aufgegeben, und mehrere Mitarbeiter waren wegen Corona krankgeschrieben. In einer solch prekären Lage kann der Chef nicht pünktlich Feierabend machen. „Wenn wir mal uneins sind, dann, weil der eine sich darüber beschwert, dass der andere zu wenig Zeit für ihn hat“, erzählt Tatjana Geßler.
Dabei, das räumt sie selbst ein, ist sie ja mindestens genauso umtriebig wie ihr Mann: Tatjana Geßler moderiert, produziert Sendereihen, singt in einer Band, schreibt Kinderbücher und engagiert sich als Tierschützerin. Womit wir wieder bei Fini und Flocke wären. „Ich wollte schon immer Hunde, aber erst, als ich zu Erwik gezogen war, konnte ich mir diesen Wunsch erfüllen“, erzählt Tatjana Geßler, die als Tochter eines Tierarztes in einem Dörflein namens Mückenloch aufgewachsen ist. Fini rettete sie aus einer ungarischen Tötungsstation, Flocke kommt aus Rumänien. Nun genießen die beiden Hunde ein komfortables Leben mit Joggingrunden durchs Strümpfelbachtal und Urlauben in der Toskana, auf Usedom oder am Chiemsee. Wenn ihr Frauchen im Stuttgarter Funkhaus arbeitet, nimmt sie Herrchen mit ins Büro – obwohl sich Erwik Jost wohl niemals aus eigenem Antrieb ein Haustier angeschafft hätte. Auch seine Ernährung hat er umgestellt: Früher liebte er Rostbraten, heute ist er Veganer. Die Argumente seiner Frau gegen Fleisch- und Milchprodukte haben ihn überzeugt.
Als sich Erwik Jost und Tatjana Geßler 2013 begegnen, haben beide bereits das Auf und Ab der Liebe kennengelernt: Er ist zweimal geschieden, auch sie hat langjährige Beziehungen hinter sich (wenn auch ohne Trauschein). „Die Erfahrungen, die wir im Laufe der Jahrzehnte gemacht haben, sind sicherlich ein Grund dafür, weshalb unser Zusammenleben von Anfang an harmonisch verlief“, sagt Tatjana Geßler. Jeder akzeptiert die Bedürfnisse des anderen. Wenn sie beispielsweise beschließt, ihre blonde Barbie-Mähne abzuschneiden, bescheinigt er ihr nach dem Friseurbesuch: „Die kurzen Haare stehen dir super und passen auch viel besser zu dir!“ Denn seine Tatjana ist ja kein braves Püppchen, sondern eine freche, selbstbewusste Frau von Mitte vierzig.
Hochzeit zwischen Schmerz und Glück
Auch Eifersucht ist kein Thema. Erwik Josts erste Ehefrau Gabi arbeitet noch heute in seiner Firma. An Weihnachten sitzen er, seine Ex, die gemeinsamen Töchter Eileen und Elissa sowie seine jetzige Ehefrau gemeinsam am festlich geschmückten Tisch. „Es ist sehr schön, dass wir uns alle so gut verstehen“, sagt Tatjana Geßler.
Eigentlich wollte sie niemals heiraten. Aber für ihren Erwik verabschiedet sich Tatjana Geßler von diesem Dogma. Die Hochzeit findet am 7. August 2015 in ihrer Geburtsstadt Heidelberg statt. Es ist der heißeste Tag des Jahres, und Tatjana Geßler leidet unter einem Bandscheibenvorfall. Um die Zeremonie einigermaßen zu überstehen, nimmt sie alles, was ihr der Orthopäde verschrieben hat: ein Opioid, ein Kortisonpräparat, ein Schmerzgel. Zum Brautkleid trägt sie Turnschuhe – in ihrem Zustand könnte sie in Pumps keinen Schritt gehen. Nach dem Jawort auf dem Standesamt wird es dann aber doch noch der schönste Tag ihres Lebens: Mit 60 Hochzeitsgästen feiert das Brautpaar vor einer Trattoria am Marktplatz, Touristen aus aller Welt gratulieren. „Ich habe meine Schmerzen nicht mehr gespürt, sondern nur noch mein Glück“, erzählt Tatjana Geßler.
Die großen Gefühle füreinander sind bis heute geblieben, beteuern beide. „Wir passen einfach gut zusammen, weil wir ähnlich gestrickt sind“, sagt er. Wo liegen die größten Schnittmengen? „Wir sind zwei Dickköpfe, beide sportbegeistert, arbeiten sehr viel und haben den gleichen Humor“, antwortet sie. Wenn sich die Eheleute Jost/Geßler heftig foppen, reagieren Bekannte manchmal irritiert. „Neulich musste ich sogar einer guten Freundin erklären, dass Erwik und ich uns einfach nur gerne gegenseitig aufziehen“, erzählt Tatjana Geßler. „Wir führen seit über neun Jahren eine Beziehung, und bis heute hat sie noch keinen einzigen Kratzer abbekommen.“