Lars Henrik Gass ist Gründungsdirektor am Haus für Film und Medien in Stuttgart, das 2029 eröffnen soll. Was dieser Ort für die Stadt und darüber hinaus leisten will, davon hat der Film- und Festivalexperte eine klare Vorstellung. Antrittsbesuch mit Baustellenblick.
Noch ist nichts von dem neuen Haus für Film und Medien (HFM) in der Stadt zu sehen – außer einer Baustelle und Umleitungen. Im Netz, auf Instagram und der HFM-Website, gibt es dagegen laufend Neuigkeiten zur Einrichtung und zu Veranstaltungen rund um das geplante Haus. Baubeginn für den Kulturbau, der auf der Fläche des ehemaligen Breuninger-Parkhauses entstehen soll, ist für Mitte dieses Jahres geplant. Gerade begonnen mit seiner neuen Aufgabe hat der Gründungsdirektor am Haus für Film und Medien, Lars Henrik Gass. Nach 27 Jahren als Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen steuert er fortan die neue Stuttgarter Einrichtung, die 2029 eröffnen soll. Der 59-Jährige aus Nordrhein-Westfalen ist von Stuttgarts Einsatz für das HFM begeistert, bezeichnet dies gar als historische Leistung. Ein Grund, weswegen er sich für die Aufgabe im Kessel entschieden habe, sagt er beim Gespräch in seinem Büro gegenüber dem Hauptbahnhof.
„Das Vorhaben ist aus meiner Sicht schon eine historische Leistung“
„Stuttgart bekommt das, was sich Berlin gewünscht und nicht bekommen hat. Ein Haus als wichtige Medien- und Filminstitution der Stadt, das auch eine entsprechende Ausstrahlung über die Stadt hinaus hat – das Vorhaben an sich ist aus meiner Sicht schon eine historische Leistung. Denn in Deutschland wurde seit dem Filmmuseum in Frankfurt am Main, seit 1971, kein Filmmuseum oder kein Haus etabliert, das sich der Geschichte und Zukunft der Medien widmet. Ich finde es toll, Teil dieses Vorhabens zu sein. Ob es mir gelingen wird, da etwas Tolles draus zu machen, bleibt abzuwarten“, sagt er.
Gass kennt sich mit Kino, Film und Filmgeschichte aus. Hat Literatur- und Theaterwissenschaften sowie Philosophie studiert, schreibt Essays und Bücher, Filmkritiken und hält Vorträge. Anfang März ist sein neustes Werk mit dem Titel „Objektverlust – Film in der narzisstischen Gesellschaft“ erschienen. Gass betrachtet den Wandel der Filmkunst, die Veränderung von Filmen, Inhalten und Wirkweisen, die Veränderung der Gesellschaft und der Rezeption von Medien und Film im Spiegel der medientechnologischen Veränderungen. Auch außerhalb seiner publizistischen Tätigkeit.
„Es gibt auf den Film bezogen, ein historisches Versäumnis“, sagt er. „Denn für andere Künste haben wir in Deutschland einen Prozess der Musealisierung vollzogen. Für das Theater, für die Bildenden Künste. Für Film und Medien ist das nie gelungen. In den 70er Jahren gab es ein Momentum für Filmmuseen, in Frankfurt etwa und München. Dieser Prozess kam ins Stocken und wurde dann ganz eingestellt. In der Folge sind auch in den letzten 20 Jahren viele Kommunale Kinos verschwunden“, so Gass. Das war bekanntlich auch der Auftakt für den Initiationsverein in Stuttgart, der sich nach dem Aus des Kommunalen Kinos 2008 gegründet hat und heute hinter dem Projekt Haus für Film und Medien steht.
Bildung, Vermittlung, spielerische Annäherung: Junge Menschen stehen besonders im Fokus
Die Einrichtung soll jedoch kein Museum werden, betont er. Geplant sind Workshop-Räume, Studios, Kinosäle. Dazu kommen Ausstellungen und Veranstaltungen. Gass’ Vision sieht so aus: „Ich glaube, dass es in einer Stadt wie Stuttgart wichtig ist, Filmgeschichte präsent zu halten. Wir arbeiten im Moment an der Frage: Wie kann man auf lebendige und nicht didaktische Weise Medientechnologie, Medienkunst erfahrbar machen?“, sagt er und nennt ein Beispiel aus dem Gaming-Bereich. „Ich stelle mir hier etwa Formate und Räume vor, als junger Mensch Gaming anders zu erfahren, als im gewerblichen oder im privaten Raum. So ein Ort sollte im Idealfall die Stadtgesellschaft durch neue Impulse energetisieren, sodass die Leute aus den privaten Räumen in den öffentlichen Raum zurückkommen. Und in Reibung mit anderen und Angeboten die Welt neu sehen. Das ist das Ziel. Das muss es leisten. Sonst muss ich so ein Haus nicht bauen.“ Das ist nicht gerade tief gegriffen. Gass strebt an, das Haus für Film und Medien zu einem Dritten Ort zu machen, wie er ausführt: „Zu einem Ort an dem man weder zuhause, noch im öffentlichen Raum ist, sondern wo man eine andere Aufenthaltsqualität wahrnimmt und nutzen kann. Wo man nicht unbedingt konsumieren muss, wo man eventuell auch mal arbeiten kann.“
Er will den Zugang zu Kultur und Film erleichtern und für alle öffnen. Das kommt auch seinen publizistischen Theorien recht nahe. Er ist überzeugt davon: „Man muss die Gesellschaft der Zumutung aussetzen, dass sie etwas sieht, liest, wahrnimmt, was sie nicht gesucht hat, was sie nicht will. Es geht um die Bereitschaft, sich stören zu lassen. Es ist bedauerlich, dass so was schwindet. Ich finde es toll, das Radio anzumachen und etwas zu hören, das ich nicht kannte.“ Auf diese Art solle auch das HFM agieren und funktionieren, wenn es nach dem Direktor geht. Entgegen der Algorithmen im Netz und der persönlichen Auswahl, die am Ende bekanntlich immer mehr vom Gleichen bieten.
Passage zwischen HFM und Breuninger soll medial bespielt werden
Konkrete Vorstellungen hat er auch: „Ich stelle mir zum Beispiel für das HFM auch einen Raum vor, den man schwellenlos betreten kann und in einen laufenden Film gehen kann. Ich stelle mir das Haus als etwas vor, das ständig im Wandel ist. Das muss es auch sein, weil die Medienentwicklung ist ja derart beschleunigt, dass wir kaum nachkommen.“ Die Einrichtung soll auch über sich hinauswirken und gleichzeitig mit der Stadt eine Verbindung eingehen: „Das Haus soll über den Bau hinausstrahlen, in das Quartier, insbesondere das Bohnenviertel soll profitieren, das leidet ja sehr unter den Baumaßen. Da ist auch eine Wiedergutmachung für dieses Viertel fällig“, sagt er.
Wie die aussieht, darauf wird man gespannt sein dürfen. Gass verspricht sich Strahlkraft und plant, die Passage zwischen dem HFM und dem Kaufhaus Breuninger medial bespielen zu lassen werden, genauso wie die Hausfassade selbst. Eine besonders wichtige Rolle spielen junge Menschen und der Bildungsaspekt, wie an den Ideen für die Ausrichtung schnell auffällt. Gass schweben Programmformate für Schulen in der Region vor, zudem will er eine Kinderfläche etablieren – „nicht um schon Vorschulkinder zu Mediengenies zu ertüchtigen, sondern, um sie spielerisch an das Thema Film heranzuführen. Etwa mit Daumenkinos oder vorkinematografischen Amaturen.“ Und ist überzeugt: „Das Haus muss ein Ort sein, der sehr stark in die Zukunft weist, der wirklich aktuelle Entwicklungen im Medien- und Filmbereich darstellt, einerseits. Und andererseits wichtigen Medieninstitution in Stuttgart und der Region ein neues Zuhause gibt. Denn das alte Filmhaus wurde ja schmerzlich vermisst und soll auch in gewisserweise ersetzt werden.“ Filmfestivals in der Stadt sollen in seinem Haus einen Platz finden: „Ich wünsche mir absolut, dass das HFM künftig auch für große Veranstaltungen wie FMX und Trickfilmfestival ein geeigneter Ort sein wird“. Und betont: „Es gibt jetzt die Chance, einen Ort zu erfinden, der auch Ausdruck für Film und Medien ist und nicht nur Film und Medien beherbergt.“
„Diese Stadt tut etwas“
Eine Menge vorgenommen hat sich der Film- und Festivalexperte für seine neue Wirkungsstätte. Bleibt abzuwarten, ob er alles in seinem Zeitplan von vier Jahren bis zur Eröffnung wird umsetzen können. Auftrieb gibt ihm dabei eine etwas überraschende Entdeckung: „Was ich wirklich angenehm hier finde, ist die Professionalität in dem ganzen Umfeld in dem ich hier arbeite. Was ich verblüffend finde, ist diese extreme Freundlichkeit hier in Stuttgart. Ich habe zehn Jahre in Berlin gewohnt, fast 30 Jahre im Ruhrgebiet, da ist man was anderes gewohnt. Da gibt es im sozialen Raum einen etwas ruppigeren Ton.“
Und dann hat er noch eine Mahnung an die freundlichen Stuttgarter: „Ich glaube es gibt hier eine Problemfokussierung was Bauen in dieser Stadt angeht, das kann man ja auch nachvollziehen mit Stuttgart 21 und so. Ich glaube aber, man muss ein bisschen Vorfreude generieren, wir sind dabei die Dinge in die Hand zu nehmen. Wir wollen eine Verkehrswende, wir wollen eine lebenswerte Stadt und wir tun was dafür. Das finde ich so toll an Stuttgart. Ich habe jetzt 30 Jahre lang in einer Stadt gelebt, die sich das nicht leisten kann. Und so kann man es ja auch mal betrachten. Stuttgart bekommt ein Haus, dass sich Berlin gewünscht hat. Das darf man nicht vergessen.“
Ein neuer Kulturort für Stuttgart
HFM
Das Haus für Film Medien entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Breuninger-Parkhauses zwischen B14 und der Esslinger Straße in Stuttgarts Leonhardsviertel. Es soll 2029 eröffnen. Sitz der Stabstelle ist derzeit die Jägerstraße 2.
Verein Der Verein hinter dem Haus für Film und Medien hat sich 2008 gegründet. Ihm gehören rund 25 Mitglieder an, darunter etwa die Staatliche Akademie der Bildenden Künste, das Filmbüro Baden-Württemberg, Forum der Kulturen Stuttgart, Haus des Dokumentarfilms und das Lindenmuseum Stuttgart.
Finanzierung Für den Bau mit über 4000 Quadratmeter Fläche investiert die Stadt Stuttgart 115 Millionen Euro. Das Projekt wird kommunal getragen.