Die Sonderausstellung mit dem Titel "Auf nackter Haut" zeigt in Stuttgart Textilien aus drei Jahrhunderten. Foto: dpa

Vor hundert Jahren sollte Unterwäsche kratzen - um die Durchblutung zu fördern. Solche und ähnliche Geschichten erzählt die Ausstellung „Auf nackter Haut“ in Stuttgart. Ein Hoch auf den Feinripp.

Stuttgart - Frühe Büstenhalter, klassischer Feinripp, reizvolle Spitzenwäsche: Dies präsentiert die Ausstellung „Auf nackter Haut“. „Geschichte ist nicht immer Mord und Totschlag“, sagt Thomas Schnabel beim Blick auf die Schaufenster. Und der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg fügt hinzu: „Geschichte kann auch Spaß machen.“

Die ungewöhnliche Ausstellung ist ein Exkurs sowohl in die deutsche Kultur- und Sittengeschichte als auch in die Wirtschaftsgeschichte des Südwesten. Hier boomte nach dem Krieg die Maschenindustrie. Gewürdigt wird in der Ausstellung das Untendrunter. Was verrät die Unterwäsche über ihre jeweilige Zeit? Lange spießige, dann immer raffiniertere Textilien aus drei Jahrhunderten erzählen von gesellschaftlichen Trends, von Körperidealen, Geschlechterrollen und Moralvorstellungen. „Zeit und eine Gesellschaft spiegeln sich nicht nur in großen Staatsaktionen.

Blick darunter verrät viel

Manchmal verrät der Blick darunter mehr über die jeweilige Epoche“, sagt Schnabel. So ein Blick erzähle eine ganze Menge über die Gesellschaft - etwa, wenn man sehe, dass die Menschen nach dem Krieg verklemmter gewesen seien als davor. Und wer hat’s erfunden? Die Franzosen. Vom Nachbarn kam vor zwei Jahrhunderten der Zirkular- oder Rundwirkstuhl in den Südwesten. Er revolutionierte vor zwei Jahrhunderten die Welt der Unterwäsche. Die Maschinenbau-Innovation ermöglichte die Produktion von elastischen Geweben. Auf der Schwäbischen Alb, am Bodensee und in Stuttgart entstanden zahlreiche Betriebe.

Der Südwesten entwickelte sich zum Kerngebiet der deutschen Maschenindustrie - Ende der 50er Jahre mit mehr als 230.000 Beschäftigten. Heute sind es noch 23.000, mit kaum noch vier Prozent des Umsatzes, den die Fahrzeugindustrie schafft.

Zum Großteil stammen die Ausstellungsstücke aus dem Produktarchiv der Firmen Schiesser (Radolfzell) und Benger (Stuttgart). Als Schiesser 2009 Insolvenz beantragen musste, gab der Insolvenzverwalter die Musterkollektion der Traditionsfirma mit weit über 5000 Wäschestücken aus 135 Jahren als Leihgabe ans Haus der Geschichte.

Wäsche für den Herren war Spätzünder

Aus heutiger Sicht kurios wirken etwa Untertrikotagen für Frauen mit taschenartigen Einsätzen für die Brüste, rosa Männerunterhosen, Badeanzüge aus Wolle aus den 1930er Jahren. Filmausschnitte zeigen parallel, wie die intime Hülle Film und Werbung eroberte. Sich wandelnde Wäscheideale werden durch Kino- und Popstars verkörpert. Bodywear auch mal für Obendrüber und Shapewear gegen Problemzonen sind die Themen heute.

Wäsche aus Papiergarn stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Verschiedene schweißtreibende Kunststoffe setzten sich im Laufe der Zeit nicht durch. Ebenso wenig wie die Idee vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dass Unterwäsche kratzen müsse, um die Durchblutung zu fördern. Auffällig: Modische Schnitte und Farbe für Herren-Unterwäsche gab es erst in den 1980er Jahren, deutlich später als für Frauen. So raffiniert und vielfältig die Damen untendrunter gekleidet waren, so konservativ und spießig-unerotisch blieb lange der Herr.

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