Weißes Gold zum Schleuderpreis – Auch die Milchwirtschaft wird in der Ausstellung thematisiert Foto: Daniel Stauch Photography

Todsünde oder doch eher Tugend? Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart widmet sich in seiner neuen Ausstellung einem äußerst zwiespältigen Gefühl, von dem niemand frei ist: der Gier.

Stuttgart - Es könnte gut sein, dass in ein paar Wochen die Herzen höher schlagen. Wenn der Einzelhandel seine Lager räumt und verramscht, was die Regale hergeben, heißt es: auf zur Schnäppchenjagd und kaufen, kaufen, kaufen! Schön blöd, wer da nicht zugreift. Aber gehört sich das überhaupt? Nicht selten kommen sich Moral und Gier ins Gehege – denn das Streben nach immer mehr hat seine Schattenseiten. Leider.

 

Es geht also ums Eingemachte in der neuen Ausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das sich mit der Gier befasst. Das Stuttgarter Museum hat sich vorgenommen, die wichtigsten Gefühle, die uns Menschen antreiben, beflügeln wie plagen, genauer ins Visier zu nehmen und wird sich in den kommenden zwei Jahren auch noch der Liebe und dem Hass widmen. Der Auftakt der Trilogie macht schnell klar: Die Gier, die einstmals als Todsünde galt, ist durchaus salonfähig geworden. Wer viel für sein Geld will, macht Schnäppchen – und wer sein Unternehmen möglichst profitorientiert führt, gilt als tüchtig.

Der Sammler erfreut sich an seinen Schätzen

Besitz macht den Menschen offenbar zufrieden. „Tolles Gefühl, klar“, sagt Danijel Balasevicin einem Video. Den Stuttgarter hat die Gier dazu angetrieben, eine beachtliche Turnschuh-Sammlung zusammenzutragen. Obwohl er als junger Bursche kaum Geld hatte, legte Balasevic für sein erstes Paar Sneakers damals stolze 300 Mark hin. In der Ausstellung kann man nun meterweise Schuhe sehen, die sein Herz höher schlagen lassen. Aber die Kuratoren schwingen keineswegs die Moralkeule. Vielmehr zeigen sie, wie ambivalent die Gier ist, weil sie durchaus auch ein Motor zum Handeln sein kann.

Bei den Beispielen aus der Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs hatte die Gier einzelner Akteure allerdings fatale Folgen: Im Fall Imhausenwurde Giftgas an den libyschen Diktator Gaddafi geliefert – und nicht nur gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen, es wurden auch kräftig Steuern hinterzogen. „Der hässliche Deutsche ist mit einem Mal wieder da: als Giftgasschieber“ schrieb damals der „Spiegel“. Im Fall FlowTex wurden dagegen Horizontalbohrmaschinen im großen Stil verkauft – obwohl es gar keine Geräte gab. Deshalb schraubte man an die wenigen Exemplare einfach andere Typenschilder. Eines davon hängt nun im Haus der Geschichte.

Auch Doping ist angetrieben von der Gier nach Erfolg

Aber auch der württembergische Herzog Friedrich II war schon ein Raffzahn und beschlagnahmte in Klöstern kistenweise Gold und Silber. Die Pferdekutschen ächzten unter dem Gewicht der Schätze, die nach Stuttgart gebracht und eingeschmolzen wurden für ein Prunkservice aus vergoldetem Silber. Das weckte Jahre später erneut Begehrlichkeiten – und das Service wurde von einem gierigen NS-Reichsstatthalter beschlagnahmt.

Ob es um Doping geht, die Jagd nach Likes auf Instagram oder um Vorratsdatenspeicherung – die Gier kann an vielen Stellen zuschlagen, und die Bewertung ist nicht immer so einfach wie im Fall der Milchwirtschaft, die den armen Kühen mitunter immer mehr Milch abpresst, was die Tiere mit ihrer Gesundheit bezahlen. Als aber die isländische Kaupthing-Bank, die gigantische Zinsen versprochen hatte, pleiteging, waren ihre Kunden arme, geschädigte Sparer? Oder waren sie Opfer ihrer eigenen Gier nach Zinsen? Den Schaden, so viel ist gewiss, hatte nicht nur in diesem Fall die Allgemeinheit.

Gier ist keineswegs nur Privatsache

Die Ausstellung erinnert an viele bemerkenswerte Kapitel baden-württembergischer Geschichte. So hat der Karlsruher Chemiker Fritz Haber vielen Menschen das Überleben gesichert, indem er den Dünger revolutionierte und die BASF zur größten Düngerfirma der Welt machte. Nicht genug des Erfolgs, Haber stellte sein Wissen auch für mörderische Einsätze zur Verfügung. Er leitete im Ersten Weltkrieg das deutsche Chemiewaffenprogramm – ganz ohne moralische Bedenken.

Die Menschen stürzten sich erfreut auf die Habe des Nachbarn

Die Gier, die jedem Menschen innewohnt, ist eben nicht nur Privatsache. Die Ausstellung macht bewusst, dass manchmal eine beiläufige Entscheidung sehr wohl mit den großen, gesamtgesellschaftlichen Umständen in Zusammenhang stehen kann. Michael Bloch war ein Kaufmann aus Villingen, der 1939 in die Schweiz emigrierte. Seine Habe wurde beschlagnahmt und versteigert. Fotos zeigen, wie die Villinger sich freuten über die Schnäppchen, die sie machen konnten – und zum Beispiel für nur 13 Reichsmark eine kostbare Kristallkaraffe ihres früheren Nachbarn nach Hause tragen konnten.