Jung Nam Kim und Alois Uhl verstehen sich gut, nicht nur beim gemeinsamen Singen. Foto:  

Ein Vormittag im Alten- und Pflegeheim zwischen Frühstück, Gesang, Blutdruckmessen und Mittagessen. Im Haus am Kappelberg ist ganz schön was los.

Fellbach - Von wegen beschauliche Ruhe im Alter. Lebhafte Betriebsamkeit trifft es wohl eher. Im Erdgeschoss im Haus am Kappelberg tauschen zwei Arbeiter kaputte Bodenfliesen aus, was mit einer Menge Lärm verbunden ist. Die automatischen Eingangstüren sind ständig in Bewegung, um Menschen herein und hinaus zu lassen, in allen Fluren des mehrstöckigen Gebäudes ist Bewegung, und auf vielen Etagen singt und klingt es.

Es gibt auch eine Kurzzeitpflege, falls Angehörige im Urlaub sind

Norbert Weicht hat sein Keyboard aus dem Schrank geholt und am großen Tisch im Wohnzimmer der Wohngemeinschaft 1 (WG) aufgebaut, in der die Kurzzeitpflege untergebracht ist. Er schlägt die ersten Töne von „Die Gedanken sind frei“ an. Sofort stimmen die älteren Herrschaften am Tisch mit ein. Der Kirchenorganist kommt zweimal die Woche ins Haus am Kappelberg, um nach dem Frühstück eine Stunde lang mit Bewohnern zu musizieren. „Ich komme gern und lasse mein Keyboard auch immer gleich fürs nächste Mal da.“ Die Musikstunde mit Norbert Weicht ist eines von vielen Angeboten, die Abwechslung in den Heimalltag bringen sollen. „In der Kurzzeitpflege haben wir Gäste, die für Tage oder Wochen kommen, weil die Angehörigen, die sie sonst pflegen im Urlaub sind, oder mal eine Auszeit brauchen“, sagt Claudia Schütt-Laurenz, die leitende Alltagsbegleiterin im Haus am Kappelberg. Dabei helfen Menschen wie Jung Nam Kim. „Betreuungsassistenz“ steht auf dem Schild, das sie an ihrem pinkfarbenen T-Shirt befestigt hat. Jung Nam Kim steht hinter dem Rollstuhl von Alois Uhl und hat ihre Hände um die Schultern des ehemaligen CDU-Gemeinderats gelegt. Beide singen. „Es ist einmalig hier. Wir könnten nicht besser aufgehoben sein, aber wir müssen uns für die Menschen aus anderen Kulturen öffnen“, sagt der 97-Jährige aus Schmiden. Er lebt seit mehr als einem Jahr im Haus am Kappelberg und ist wegen des musikalischen Angebots von Norbert Weicht aus seiner WG in die Kurzzeitpflege gekommen.

Die vielen Gemeinschaftsangebote werden gerne und viel genutzt

Auch in der Wohngemeinschaft 2 wird nach dem Frühstück gesungen. Betreuungsassistentin Angela Pastor hat ihre Gitarre mitgebracht. Der Chor versammelt sich im Wohnbereich des Gemeinschaftsraumes, in dem ein großer Fernseher, eine gemütliche Couchgarnitur sowie einige Tischgruppen stehen. Am liebsten singen sie gemeinsam alte Volkslieder. Die meisten nutzen solche Gemeinschaftsangebote, von denen es viele gibt. Nur wenige verbringen die Zeit lieber allein in ihren Zimmern. Jede der acht Wohngemeinschaften hat eine separate Küche. In der von WG 2 werkeln Andreas Hugo und Celina Rauschmeier vor sich hin. Linsen mit Spätzle stehen an diesem Tag auf dem Speiseplan, den sich jede Wohngemeinschaft nach dem Geschmack ihrer Bewohner wochenweise individuell zusammenstellt. Auch die Zimmer sind individuell eingerichtet. Nur das Bett, das im Pflegefall mit allen dafür notwendigen Schikanen ausgestattet ist, ist überall das gleiche. Die restlichen Möbel stammen von den Bewohnern. Sie haben sie mitgebracht oder eigens gekauft. Es ist ein Spagat zwischen Hygiene und anderen Vorschriften und der gewünschten Gemütlichkeit, sagt Susanne Hägele, die Hauswirtschaftliche Qualitätsbeauftragte. „Aber wir wollen, dass unsere Einrichtung einen privaten Charakter hat.“ Bei Horst Bernhardt hängen viele Erinnerungsfotos an den Wänden sowie eine Ehrenurkunde für das treue Mitglied des Fußballvereins VfB Stuttgart. Auf dem Tisch liegt die Fellbacher Zeitung, die er abonniert hat und täglich liest. Er will noch so viel wie möglich von draußen mitkriegen. Horst Bernhardt hadert häufig mit seinem Schicksal. Früher hat er Musik gemacht, ist viel unterwegs gewesen, hat viele Leute gekannt, doch ein Schlaganfall hat den 76-Jährigen ins Haus am Kappelberg gebracht.

Die Bewohnerinnen und Bewohner zeigen sich politisch interessiert

Anneliese Jentzsch lässt sich im Friseursalon von Rita Kerber die Haare machen. Foto: Eva Herschmann
Anneliese Jentzsch sitzt beim hauseigenen Friseur. Mehrmals in der Woche öffnet Rita Kerber ihren kleinen Salon, der immer gut ausgebucht ist. Anneliese Jentzsch, die eigentlich aus Rommelshausen kommt, ist seit einem Sturz vor etwas mehr als einem Jahr ins Haus am Kappelberg gekommen und lebt in der WG 5. „Ich bin leider auf den Rollstuhl angewiesen, aber auf meine Friseurbesuche verzichte ich nicht, und mich schiebt dann immer jemand nach unten“, sagt die 86-Jährige. Unweit vom Friseurladen ist der Treffpunkt, an dem an jedem Dienstag die vergangene Woche mit Hilfe von Zeitungsartikeln aufgearbeitet wird. „Zurzeit interessiert unsere Bewohner alles, was mit Flüchtlingen zu tun hat. Viele von ihnen kennen diese Situation ja aus eigener Erfahrung und zeigen viel Verständnis“, sagt Brigitte Preuß-Yahiaoui vom Sozialdienst. Jinky Sabalza-Wanner kommt von den Philippinen. Seit 2005 arbeitet sie als Pflegefachkraft im Haus am Kappelberg und kümmert sich liebevoll um ihre Schützlinge, von denen auch einige bettlägerig sind. Dass sie bei der Arbeit unter Zeitdruck steht, lässt sie ihre Patienten nicht spüren, und während des Blutdruckmessens bleibt immer Zeit für einen kurzen, aufmunternden Händedruck.

Das Haus am Kappelberg ist vergleichbar mit einem kleinen Dorf

Helene Stoll, 107 Jahre, ist die älteste Bewohnerin. Foto: Brigitte Hess
In der Einrichtung, die vor 50 Jahren eingeweiht wurde, leben an die 300 Senioren. Zudem arbeiten 150 Menschen aus 20 Nationen in der Einrichtung, ergänzt Claudia Schütt-Laurenz. Sie kümmert sich um die knapp 100 Bewohner der Wohngemeinschaften. Doch da sind außerdem noch etwa 90 Frauen und Männer im Betreuten Wohnen, an die 110 Menschen im Pflegeheim und ein gutes Dutzend in der Tagesspflege. „Wir sind ein kleines Dorf“, sagt Hausleiter Urs Bruhn. Es ist Essenszeit. Im großen Saal im Erdgeschoss decken Mitarbeiter der Senioreneinrichtung die Tische. Ein Mann hat derweil am Klavier auf der Bühne Platz genommen und klimpert vor sich hin, während die ersten Gäste kommen. Auch in der Wohngruppe 2 bereiten sich die Bewohner fürs Mittagsmahl vor. Wer kann, holt sich sein Essen bei Andreas Hugo ab, der je nach Wunsch mal mehr mal weniger aus dem großen Topf schöpft. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, wird bedient. Gegessen wird in kleinen Tischgemeinschaften. Die meisten davon sind weiblich. Frauen sind im Haus am Kappelberg klar in der Überzahl. Horst Bernhardt hat sich zu einem der wenigen Männer in seiner WG an den Tisch gesetzt, der ebenfalls seit einem Schlaganfall auf fremde Hilfe angewiesen ist. Mit ihm kann er wenigstens über den VfB Stuttgart reden.
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