An der Wolfgang-Brumme-Allee in Böblingen (im Bild links) werden zurzeit ein Kreisverkehr und ein neues Abwassersystem gebaut. In diesem Bereich (rechts) hat ein Bagger am Donnerstag eine Gasfernleitung leckgeschlagen. Im City-Center im Hintergrund blieben Fenster und Türen nach Nordwesten geschlossen, das Möbelhaus Mömax (links von der Brumme-Allee, nicht im Bild) wurde evakuiert. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: Peter-Michael Petsch

Baggerfahrer beschädigt Hauptleitung: Zum Einsatz in Böblingen sind Spezialisten der ENBW gekommen.

Böblingen - Um 9.15 Uhr rufen die Mitarbeiter einer Baufirma, die an der Kreuzung Wolfgang-Brumme-Allee/Talstraße einen großen Kreisverkehr anlegen, die Notrufnummer der Feuerwehr an: Gasalarm! Auf der vierspurigen Hauptzufahrt nach Böblingen von der A 81 und Sindelfingen her hat ein Baggerfahrer mit den Zinken seiner Schaufel offenbar eine Gasleitung getroffen. Der Verdacht bestätigt sich. Die Feuerwehrleute hören schon auf der Anfahrt ein Zischen wie beim Öffnen der Gasflasche am heimischen Grill – allerdings bereits aus 150 Meter Entfernung. So erinnert sich Feuerwehrmann Marco Meyer an den Einsatz.

„Das Gas war auch im Freien deutlich zu riechen“, berichtet Meyer vom Eintreffen am Einsatzort. Unweit des Bahndamms auf der Seite, auf der noch in diesem Jahr der Bau eines 100-Millionen-Euro-Einkaufszentrums beginnt, strömt aus einem sieben Zentimeter großen Loch in einer doppelt so starken Gasleitung viel Erdgas aus.

Zur Explosion kommt es nur bei bestimmtem Mischungsverhältnis

Wie eine Sprecherin des Energiekonzerns EnBW, der das Gasnetz in Böblingen betreibt, später zu Protokoll gibt, handelt es sich um eine sogenannte Hochdruckgasleitung. Während der Brennstoff über Mittel- und Niederdruckleitungen in den Haushalten ankommt, sind die Hochdruckleitungen mit einem Druck von drei Bar so etwas wie die Hochgeschwindigkeitstrassen oder Überlandleitungen für Gas. Deshalb riecht Marco Meyer das explosive Gemisch so intensiv.

Den Feuerwehrmann beruhigt, dass es sich um Methangas handelt, das nur bei einem bestimmten Mischungsverhältnis mit Sauerstoff explodieren kann. Dieses kommt unter freiem Himmel kaum vor. Trotzdem gehen Feuerwehr und Polizei auf Nummer sicher, sperren die Hauptverkehrsader in beiden Richtungen in einem Umkreis von etwa hundert Metern ab, wie Polizeisprecher Frank Natterer berichtet : „Wir haben versucht, die Gefahr nach Möglichkeit zu minimieren.“

Zwischen Konrad-Zuse-Straße und Friedrich-List-Platz, zwischen Bahnhof und Sindelfinger Straße bewegt sich in der ganzen Innenstadt, so Natterer, „binnen weniger Minuten kein Rad mehr“. Das Gleiche gilt für den örtlichen Teil der Bahnstrecke Stuttgart–Singen, auf der ansonsten auch die S-Bahn-Linie 1 fährt. Die Radiosender werden gebeten, Warnmeldungen über den Äther zu schicken. Die Nachbarn werden informiert. Die Feuerwehr misst mit mehreren Geräten im abgesperrten Umkreis die Gaskonzentration. „Sie lag allerdings nirgends in dem Bereich, in dem Methangas zündfähig ist“, sagt Marco Meyer, „eine wirkliche Explosions­gefahr bestand nicht.“

Daimler-Werkfeuerwehr hilft mit

Die Mitarbeiter im fast hundert Meter entfernten City-Center können in ihren Geschäften bleiben, die Polizei sperrt einzig die Ausgänge nach Norden. Die Fenster sollen geschlossen bleiben. Das näher gelegene Möbelhaus Mömax evakuiert die Feuerwehr sicherheitshalber. Da es erst um 10 Uhr öffnet, sind etwa 20 Mitarbeiter da, berichtet Filialleiter Enrico von Würzen: „Das lief alles sehr ruhig ab, die Feuerwehr hat uns ganz normal beiseitegeschickt und bis zur Tankstelle am Friedrich-List-Platz geleitet.“

Die Einsatzkräfte bringen Ventilatoren mit einem Durchmesser von einem Meter in Stellung. Normalerweise entlüften sie damit verrauchte Wohnungen, dieses Mal soll das Gas-Luft-Gemisch notfalls verdünnt werden. Außerdem bitten sie die Kollegen von der nahe gelegenen Daimler-Werkfeuerwehr dazu, die über vier Zwei-Meter-Rotoren verfügen, um ganze Hallen entlüften zu können. Ihr Einsatz wird allerdings ebenso wenig nötig wie jener der Löschschläuche, die die Floriansjünger vorsorglich entrollen. Der böige Wind verweht das Gas rasch.

Spezialisten aus Stuttgart kommen mit Blaulicht

Die EnBW hat zwar Techniker in ihrem Bezirkszentrum im Röhrer Weg. Doch für das Leck im Hochdrucknetz müssen Spezialisten aus Stuttgart ran, die mit einer Sondergenehmigung unter Blaulicht anfahren. Sie schließen um 9.40 Uhr einen Absperrschieber an der Zufahrt zum Flugfeld und einen weiteren an der Lyon-Sussmann-Straße. Bis das verbliebene Gas aus dem 900-Meter-Teilstück dazwischen in die Böblinger Luft entwichen ist, vergehen laut EnBW-Sprecherin Dagmar Jordan weitere zehn Minuten. Gegen 10 Uhr ist das Leck dicht, eine Dreiviertelstunde nach dem Baggerbiss die Gefahr gebannt.

Die Straßen und die Bahnstrecke werden um 10.05 Uhr wieder geöffnet. Laut einem Bahn-Sprecher hatten 16 Züge bis zu 20 Minuten Verspätung, sechs Züge endeten vorzeitig und fuhren zurück. Die Mömax-Mitarbeiter kehren um 10.10 Uhr zurück und öffnen kurz darauf die Pforten. Die Kunden lassen nach dieser Aufregung aber länger als sonst auf sich warten. Der Energieversorger ersetzt bis zum Abend ein etwa drei Meter langes Stück der Hochdruckgasleitung. Die Höhe des Sachschadens ist noch unklar. Laut Dagmar Jordan hat sich die Panne nicht auf die Heizungen der Kunden ausgewirkt.

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