Die Projektgegner gehen hart mit den Verantwortlichen des Bahnhofsumbaus ins Gericht. Für Gemeinderatsmitglieder stehen die Sicherheit der Baustelle und der Respekt vorm Denkmalschutz im Fokus.
Stuttgart - Der Fassadenschaden am Stuttgarter Hauptbahnhof beschäftigt natürlich die Projektgegner. Aber auch die Kommunalpolitiker machen sich ihre Gedanken zu dem Thema. Auf der Montagsdemo befasste sich Norbert Bongartz, der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, damit. Unter dem Titel „Ein Loch ist im Bahnhof – nur eins?“ formulierte Bongartz am Schlossplatz mit leichtem Spott im Unterton seine Kritik: „Sollte hier eine Abbruchmethode ausprobiert werden, die ohne Bagger auskommt?“
Ein Fehler beim Entkernen soll die Ursache sein
Die Bahn hatte am Freitag mitgeteilt, dass ein Fehler beim Entkernen die Ursache des Schadens gewesen sei. Es sei versehentlich eine tragende Wand herausgeschlagen worden. Dadurch sei ein Dachträger abgestürzt und habe die Fassade von innen beschädigt. Bongartz sagte, die Projektgegnergruppe Ingenieure 22 habe diesen Fehler auf Fotos in starker Vergrößerung erkannt und öffentlich gemacht, das habe die Bauleitung nicht länger verheimlichen können. Von Dienstag bis Freitag hatte es keine Auskunft zur Schadensursache gegeben. „Für die Bauleitung ist so ein beschönigend als Versehen etikettiertes Ereignis ein kapitaler Bock, ein Versagen“, schloss Bongartz.
Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Petra Rühle, ordnet die Kommunikation der Bahn in dem Fall als „schwierig“ ein. Für sie steht nun im Vordergrund, die Ursache gründlich aufzuklären. Das müsse Vorrang vor dem Baufortschritt haben. „So etwas darf nicht noch einmal passieren“, betont sie. Es sei „ein Wunder“, dass niemand zu Schaden gekommen sei. Die Gefährdung von Menschenleben müsse ausgeschlossen werden.
Wie geht die Bahn mit dem denkmalgeschützten Bonatzbau um?
Für Luigi Pantisano (SÖS/Die Fraktion) ist es ein Muss, zu verhindern, dass der „letzte noch denkmalgeschützte Teil des Bonatzbaus nicht auch noch beschädigt wird. Die Flügel fehlen schon. Es muss dafür Sorge getragen werden, dass die Fassade wieder hergestellt wird“, betont er. Beim angeblich „am besten geplanten Projekt aller Zeiten“ dürfe es nicht passieren, dass nicht klar sei, ob eine Wand tragend sei oder nicht, fügt er hinzu.
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Wie Pantisano fühlt sich auch Thorsten Puttenat (Stadtisten) rein optisch an die Tiefgarage der Staatsgalerie mit den herausgebrochenen Steinen als dort gestalterisches Element erinnert. „Das Loch steht für uns Projektgegnerinnen und -gegner symbolisch dafür, wie man mit dem Gebäude umgeht. Es fehlt die Wertschätzung“, sagt er. Puttenat denkt wie seine Kollegen auch „am liebsten nicht daran, was alles hätte passieren können, wenn das tagsüber passiert wäre und dort Menschen gegangen wären.“
Ein Gefahrenpotenzial im öffentlichen Raum
Für CDU-Fraktionschef Alexander Kotz hat der Unfall „keine politische Komponente. Das muss man losgelöst vom Projekt betrachten“. Bevor man den Planern Vorwürfe mache, müsse man klären, ob es ein Planungsfehler war oder ob Handwerker einen Fehler gemacht hätten. „So etwas passiert auf Baustellen leider, das weiß ich als Inhaber eines Handwerksbetriebs.“ Auch Alexander Kotz ist sehr erleichtert, dass kein Mensch zu Schaden kam.
„Das darf nicht passieren, das kann man durch nichts entschuldigen. Da haben Ingenieure geschlafen, Pläne nicht angeschaut“, sagt Konrad Zaiß (Freie Wähler). Solch ein Gefahrenpotenzial dürfe es im öffentlichen Raum nicht geben. Das ganze Projekt dürfe man deswegen aber nicht infrage stellen.
„Das war ein deutlicher Warnschuss“, sagt Susanne Kletzin von der SPD. Die Verantwortlichen sollten sich ihrer Meinung nach jetzt auch darum kümmern, dass alle Wege gut abgesichert sind. Als Architektin wisse sie, dass auf Baustellen Unfälle passieren können. „Aber es müssen nun Konsequenzen gezogen werden.“