Komiker Michael Gaedt moderiert den ersten Stuttgarter Hate-Slam. Er selbst hat in seinem 55-jährigen Leben bisher nur einen Leserbrief geschrieben. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Max Kovalenko/PPF

Groß war der Ansturm auf den ersten Stuttgarter Hate-Slam, bei dem sechs Journalisten am Donnerstagabend die bösesten Leserbriefe im Club Schräglage vorgetragen haben.

Stuttgart - „Affenärsche“ wurden einige von ihnen genannt, und „Vollidioten“. Oder sie bekamen mittgeteilt: „Sie Schreiberlein – bei Ihnen werde ich hasskrank.“ Sechs Stuttgarter Journalisten, die sonst beobachten und andere machen lassen, stehen nun selbst auf der Bühne. Abwechselnd lesen sie vor einem johlenden Publikum des Clubs Schräglage Leserbriefe vor, die es nie in die Zeitung geschafft haben.

Böse Briefe sind das, manche beleidigend, manche in einer Fäkalsprache verfasst. Fast immer ist von den Verfassern ernstgemeint, worüber an diesem Slam-Abend alle lachen. Kein Wunder, wo ’s doch unter anderem um Fasnet geht. Da hört seit je der Spaß auf!

Mit einem Bericht über die Rottweiler Fasnacht waren einige Betroffene ganz und gar nicht einverstanden. „Schreiben Sie doch lieber über Beerdigungen“, forderte der Ober-Narr in seinem erzürnten Brief an unsere Zeitung, „das können Sie besser!“

Hilmar Pfister, Redakteur in der Landespolitik der Stuttgarter Nachrichten, eröffnet mit dieser Fasnet- Post aus Rottweil den ersten Stuttgarter Hate-Slam. „Wer oder wo bitte ist da lautes Geschrei“, heißt es darin weiter. Kollege Pfister hatte die Idee, den bereits in Berlin und Augsburg äußerst beliebten Wettstreit mit Journalisten um die bösesten Leserzuschriften nach Stuttgart zu holen. Am Anfang dachte der Landesredakteur, „wir machen das für ein paar Kumpel“. Doch dann ging’s im Internet rund – mit Hunderten von Klicks in Blogs und bei Facebook. Am Donnerstag berichtete obendrein noch die Presseagentur dpa bundesweit darüber: „Redakteure geben schrille Leserbriefe zum Besten.“ Die Namen der Verfasser, hieß es in der Agenturmeldung, würden die Journalisten „aus nachvollziehbaren Gründen“ verschweigen.

Manchmal sind die Namen auch gar nicht bekannt. Anonyme Briefe haben keine Chance, veröffentlicht zu werden. Die Zahl der bösen Leserbriefe, die bei den Stuttgarter Nachrichten eingehen, ist „sehr gering“, sagt Joachim Volk, Chef vom Dienst unserer Zeitung und verantwortlich für unsere Leserbriefseite. Im Jahr käme vielleicht „eine Hand voll“ davon an. Die Vorgaben sind klar. Volksverhetzende Inhalte werden nicht abgedruckt – die Redaktion hat die presserechtliche Verantwortung für alles, was im Blatt steht. „Unsere Leser“, versichert Pfister dem Pu­blikum in der Schräglage, „verfügen über ein enormes Detailwissen.“

Was wären wir Journalisten ohne unsere Leser? Aus dem Kreise der Leserschaft kommen immer wieder wichtige Hinweise, Ergänzungen, neue Sichtweisen. Leserbriefe können auch politisch einiges bewirken. „Wir Künstler haben den Applaus“, sagt Entertainer Michael Gaedt, der Moderator des Hate-Slams, „ihr Journalisten braucht die Leserbriefe.“ Der Mann muss es wissen. Er ist mit einer Journalistin verheiratet. In seinem mittlerweile 55-jährigen Leben hat der Comedian der Kleinen Tierschau bisher nur einen einzigen Leserbrief geschrieben – an den Chefredakteur einer Motorradzeitung. Zweiradfan Gaedt meinte, dem Fachblatt ergänzende Informationen schicken zu müssen. Auf Verrisse reagiert er dagegen nicht. „Ich hab’ noch nie einen Kritiker verprügelt, der unqualifiziert über uns berichtet hat“, sagt Gaedt. Auch nach seiner über 20-jährigen Beziehung mit einer Journalistin ist er immer wieder überrascht, „wie Geschichten für Zeitungen entstehen, was euch wichtig ist und was nicht“. Ohne Resonanz des Pu­blikums geht nichts – auch nicht als Komiker auf der Bühne. Gaedt: „Es ist keineswegs so, dass ich nur meine liebsten Nummern aufführe, sondern vor allem die Nummern, die am besten ankommen.“

Für Redaktionsleiterin Sabrina Schuler vom Stadtmagazin „Lift“ erfüllt sich ein Wunsch: „Wir wollten schon immer die liebevollsten Beschimpfungen mit dem Rest der Welt teilen – Hach, Leserbriefe sind was Schönes!“ Für das Stadtmagazin lesen Schulers Kolleginnen Jana Braun und Kathrin Waldow. Für die „Süddeutsche Zeitung“ gehen Roman Deininger und Max Hägler ins Rennen. Für die Stuttgarter Nachrichten tritt mit Hilmar Pfister die Kollegin Lisa Welzhofer an. Das Publikum entscheidet mit dem Klatsch-Ted, wer den irrsten oder blödesten Brief vorgetragen hat. Veranstaltet wird der Hate-Slam von der Edition Randgruppe und der Agentur Südhang, finanziell unterstützt vom interkulturellen Beratungsbüro change project – nach dem großen Interesse bei der Premiere bestimmt nicht zum letzten Mal.

Jeder Journalist weiß, wie leicht es fällt, Verrisse zu schreiben – und wie hart es ist, selbst kritisiert zu werden. Leser müssen ernst genommen werden, keine Frage. Denn sie sind die Kunden, die wir bedienen. Wenn wir uns über sie lustig machen, werden wir sie verlieren. Aber andererseits: Ein Journalist, der es allen recht machen will, kann langweilig werden, er könnte dann nicht seinen Wächterpflichten nachkommen. Deshalb ist es gut, wenn man hin und wieder Proteste aus der Leserschaft erntet. In Sachen Fasnacht sind wir bestimmt noch lernfähig.

Die bösesten Briefe hat nach Meinung der Jury übrigens die Süddeutsche Zeitung bekommen, gefolgt von den Stuttgarter Nachrichten und Lift.

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