Hans-Ulrich Volz aus Ludwigsburg pflegt seine Mutter Marianne. Sein eigenes Leben, seine eigenen Träume und Bedürfnisse haben da fast keinen Platz mehr.
Er steht wieder auf der Brücke. Seine Unterarme lehnen auf dem Geländer, als sich ein Güterzug nähert. Sobald er ein Gesicht im Führerhäuschen ausmachen kann, hebt er die Hand. Der Lokführer beantwortet den Gruß mit einem Hupen. „Die pure Freiheit“, sagt Hans-Ulrich Volz.
Volz, der sich als HU vorstellt, verbringt seit gut 20 Jahren seine Frühstückspausen auf dieser Brücke. Seine Arbeitsstätte, der Kunststoffhersteller Hünersdorff in Ludwigsburg, ist ganz in der Nähe. Wenn er hier steht und die Züge beobachtet, kann er für eine halbe Stunde alles vergessen.
Seit drei Jahren pflegt er seine Mutter Marianne. Seine Beziehung zu ihr ist das Einzige, was ihn für den Job qualifiziert. So geht es vielen Familien in Deutschland. Die Hälfte aller Pflegebedürftigen wird von Angehörigen versorgt.
Über eine Rampe zum Hauseingang
Bei Volz zuhause. „Der frühe Vogel kann mich mal“, steht auf dem T-Shirt, das sich der 59-Jährige an diesem Tag angezogen hat. Er schaut noch mal nach den Spinat auf dem Herd und dann auf die Uhr. Gleich ist es 11.30 Uhr. Ein Taxi fährt vor. „Ist die Lieferung da?“, ruft Volz aus dem Fenster. Die Lieferung, damit meint er seine Mutter.
Marianne Volz muss dienstags, donnerstags, samstags zur Dialyse. Morgens um halb sieben wird sie abgeholt, um halb zwölf kommt sie zurück. „War alles gut?“, fragt Hans-Ulrich Volz, als er auf seine Mutter im Rollstuhl zugeht. „Zwei Kilo waren es heute“, antwortet sie.
Über eine Rampe rollt er seine Mutter in den Hauseingang, hilft ihr, in den Treppenlift umzusteigen. In der Wohnung gibt es erst mal eine Spezi, die von Paulaner, die sei nicht so süß. Ein Glas jeden Tag, damit ihr Motor wieder läuft, sagt HU. Nach der Dialyse sei sie immer sehr müde, sagt Marianne Volz. Ihr Sohn teilt sich die Spezi mit ihr.
Samstagmorgen ist jetzt auch gestrichen
Früher gehörte der Samstagmorgen noch ihm. Er nutzte die Stunden, um in einen Modellbauladen zu fahren. Schon als Junge bastelte er Bausätze für Züge zusammen. Noch heute bemalt er die Modelle mit großer Leidenschaft und feinem Pinsel, schließt glasnudeldicke Käbelchen an und lässt die Miniaturen leuchten wie die Originale.
Dann aber hat seine Mutter ihn gebeten, auch samstags lieber zu Hause zu bleiben. Sie könne ja nie ganz sicher sein, dass er da ist, wenn sie von der Dialyse wiederkommt. Was, wenn sie dann im Hof stehe, hilflos und unfähig, ins Haus zu kommen? Vorgekommen ist das noch nie. HU hat damals kurz protestiert. Seine Mutter habe aber zu weinen begonnen und gesagt, sie könne doch auch nichts dafür, dass sie noch da sei. „Samstagmorgen ist jetzt also auch gestrichen“, sagt er.
Marianne Volz ist 88 Jahre alt. Sie hat kurze weiße Haare und trägt eine Brille, die nur noch dem linken Auge hilft, das rechte ist blind. Aus eigener Kraft kann sie sich kaum mehr auf den Beinen halten. Gestützt auf den Rollator schafft sie es für fünf Minuten. Das reicht gerade für die Dusche am Sonntag. Doch wenn sie sich festhält, kann sie sich nicht gleichzeitig einseifen. Das übernimmt ihr Sohn. Er sage dann „Mutti, Achtung, vorne“ und „Mutti,Achtung, jetzt hinten“.
Er bleibt in Hörweite
In ein Heim möchte Marianne Volz nicht. Sie will ihr Haus erst verlassen, wenn sie „es mit den Füßen voran tut“. Immer, wenn Marianne gerade keine Hilfe braucht, wenn sie Sudoku spielt, strickt oder die Überschriften in der Zeitung liest, für den ganzen Artikel reicht das Augenlicht nicht mehr, zieht sich HU in seine Einliegerwohnung im zweiten Stock des Elternhauses zurück. So bleibt er in Hörweite und kann sich dennoch ein bisschen um sich selbst kümmern.
Oben, zwischen den Kisten, die sich bis zur Decke stapeln, macht er sich dann ein Hörbuch an und widmet seine ganze Aufmerksamkeit Zügen in Miniaturformat. Auf eine Partnerin hoffe er längst nicht mehr, sagt er. Wer akzeptiere denn, dass er abends nie was unternehmen könne und auch am Wochenende zu Hause sein müsse?
Von Montag bis Freitag betritt er jeden Morgen um halb sechs die Fertigungshalle des Kunststoffherstellers in Ludwigsburg. „Morgen, Mike. Morgen, Thomas. Willkommen in der Anstalt“, sagt er dann. Handschlag für Vladi und Klaus. Küsschen für seinen Sonnenschein Edith, Small Talk mit Nihan. Hans-Ulrich Volz putzt den Maschinen die Zähne, wie er das Entfernen des eingetrockneten Kunststoffs nennt, und sorgt so dafür, dass sie makellose Wasserkanister und Schläuche produzieren. Gibt es Probleme, schaut er sich die Einstellungen an, prüft, stellt um, bis es wieder reibungslos funktioniert.
Seine Schwester hat sich zurückgezogen
Demnächst aber muss er seine Arbeitszeit bei Hünersdorff halbieren, nur an drei statt fünf Tagen arbeiten, 18 statt 40 Stunden pro Woche. Seine Schwester, die drei Jahre lang von Montag bis Donnerstag für die Mutter da war, hat sich aus der Pflege zurückgezogen.
Die Schwester, die namentlich nicht genannt werden möchte, ist nach einer Krebserkrankung in Frührente. Zeit, sich zu kümmern, hatte sie. Doch bald brauchte die Mutter nicht mehr nur ein bisschen Hilfe im Haushalt. Die Schwester vernachlässigte ihre Freunde, ihre Hobbys, das Wandern, das Radfahren. „Pflege macht einsam“, sagt sie.
Aus Gutmütigkeit und anerzogenem Gehorsam sei sie jedoch dabei geblieben, bis sie die Bremse habe ziehen müssen. Ihr Arzt habe gesagt: Wenn sie so weitermache, kippe sie bald um. Sie ist Mitte 60. Die Pflege habe sie krank gemacht, sagt sie. „Wenn man sich um einen so engen Verwandten wie die eigene Mutter kümmert, kann man seine Gefühle nicht einfach ausschalten.“ Auch wenn ihr das immer wieder empfohlen worden sei. Ihr Vorschlag, eine 24-Stunden-Pflegekraft anzustellen, habe die Mutter abgelehnt. Sie hätten gestritten. Das Gespräch habe damit geendet, dass Hans-Ulrich Volz sagte, dann übernehme er die Pflege eben. Also Teilzeit. „Ist jetzt halt so“, sagt er.
Seine Kollegen wird er vermissen
Doch er hat Angst, dass er durch die Teilzeit nicht mehr gefragt wird, wenn sie im Betrieb etwas ändern. Bislang konnte er immer mitentscheiden. „Ich will nicht, dass es irgendwann heißt: Den kannst du nur noch einfache Sachen machen lassen“, sagt er. Mit seinen Kollegen spricht er über das Leben und die Liebe. Über Dinge, über die er mit seiner Mutter nicht spricht. Einige sind Freunde. Er wird sie weniger sehen.
Zu Hause serviert HU seiner Mutter zur Spezi Salzkartoffeln, Spiegelei und Rahmspinat aus dem Tiefkühlabteil, den er mit etwas Sahne verfeinert hat. Direkt aus der Packung sei da zu wenig Blubb drin, findet er. „Den Spinat hast du geschmacklich gut hinbekommen“, sagt Marianne Volz, „fast wie bei mir früher.“ Auch die Spiegeleier seien perfekt gebraten. Sie bringe ihm gerade noch bei, so zu kochen, wie sie es immer getan hat, sagt Marianne Volz. Ihr Sohn verdreht die Augen, grinst aber.
Zurück in der Küche sagt er: „Sie sagt mir auch immer noch, ich soll auf das Haltbarkeitsdatum achten.“ Als ob er neun und nicht 59 sei. An guten Tagen wie heute kann er darüber schmunzeln.
Volz verspürt seinen drei Geschwistern gegenüber keinen Gram. Sie hätten 60-Stunden-Wochen, eigene Familien und längere Wege. Das Zuhause seiner Mutter ist auch sein Zuhause. Er habe hier alles, was er brauche. „Es ist“, sagt er, „eben jetzt so, wie es gekommen ist.“ Er hat keine Kinder, keine Frau mehr. Als seine Ehe vor 21 Jahren geschieden wurde, zog er zurück ins Elternhaus.
Manchmal überkommt ihn die Traurigkeit
Marianne Volz hat Pflegegrad 3. Sie bekommt Pflegegeld in Höhe von 573 Euro. Der Lohn ihres Sohnes wird sich durch die Teilzeit halbieren. Er macht sich Sorgen um seine eigene Rente – jetzt wo er wenig in die Kasse einzahlt.
An schlechten Tagen, da fühle sich sein Leben an wie ein Knast. Als hätte er nur Freigang, wenn er zur Arbeit gehe. Nachdem er das ausgesprochen hat, sagt er im nächsten Moment: „Ist unfair, das zu denken, ich weiß.“ Manchmal wünscht er sich jemanden, der ihm den Rücken kratzt und mit ihm einschläft. Er möchte in seinem Urlaub gern wegfahren können und einfach mal spontan tun, wonach ihm ist: nach Feierabend eine Limo mit den Kollegen trinken oder durch die Regale des Modellbaugeschäfts schlendern. „Aber eigentlich“, sagt Volz, „habe ich aufgehört, mir Dinge zu wünschen. Sie gehen sowieso nicht in Erfüllung.“
Manchmal überkomme ihn nachts die Traurigkeit. Dann liege er in seinem Bett und weine, weil die Welt so ungerecht sei. „Wenn du schluckst und schluckst, ist das Fass irgendwann voll“, sagt er. Die Tränen sind sein Überlauf.
Er war schon immer ein Harmoniemensch
Halb vier am Nachmittag. Joghurtzeit. Heute gibt es den mit der Ecke und den Schoko-Knusperflakes. Hans-Ulrich Volz leckt den Deckel ab, „so habe ich auch was davon“, sagt er, lacht und bringt den Becher zu seiner Mutter ins Wohnzimmer. Marianne Volz legt die bunt geringelten Wollsocken beiseite, an denen sie gerade strickt. Fragt man sie, warum es mit ihrem Hans-Ulrich so gut klappt, überlegt sie kurz und antwortet: „Na, es ist eben Hans-Ulrich.“ Als Kind habe er bei Streitereien immer unter den Geschwistern vermittelt, obwohl er der zweitjüngste ist.
Heute tut er es bei den Kollegen. Am Valentinstag verteilt er Duplo an die Menschen, die über sei ne Brücke laufen. Nach 20 Jahren kennt er viele von ihnen. Da ist Erika, die im Seniorenheim nebenan arbeitet. Oder der Besitzer vom Dönerimbiss gleich gegenüber. Wenn es den Menschen um ihm herum gut geht, geht es ihm auch gut.
Am Abend wird er mit seiner Mutter einen Film schauen – einen Krimi. Sie würde eine Naturdoku wählen, er einen James Bond, mit einem Krimi sind beide zufrieden. Er wird den Film kommentieren und sie zum Schmunzeln bringen. Wenn sie gemeinsam lachen, ist es am schönsten, sagt er.
Um 22 Uhr wird er seine Mutter ins Bett bringen und ihr einen Kuss auf die Wange geben. Sie wird sich bei ihm bedanken und sagen, er sei der beste Pfleger, den sie sich nur wünschen könne. Volz wird dann nach oben gehen und noch zwei Stunden bauen, pinseln, Käbelchen anschließen. Und morgen wird der Tag von neuem beginnen.