Merkel-Fan und Altmaier-Versteher: Harald Schmidt Foto: dpa

Lange war’s ruhig um Harald Schmidt. Keine großen Shows mehr, keine bissigen Satire-Sendungen. Wir haben den TV-Entertainer getroffen – das große Interview mit dem Merkel-Fan über Flüchtlinge, Nürtingen, Luft holen und seine Rolle als Polizeichef im neuen SWR-„Tatort“.

Stuttgart - Herr Schmidt, nächste Woche ist Weihnachten. Was machen die Geschenke?
Keine Ahnung, ich habe meine Frau noch nicht gefragt.
Es soll Leute geben, die in diesem Jahr an Heiligabend Flüchtlinge einladen. Es heißt, Sie haben ein großes Herz. Machen Sie das auch?
Es wurde diskutiert, ist aber noch nicht final entschieden.
Was würden Sie denen schenken?
Liebe.
Darf man in diesen Zeiten überhaupt Satire über das Thema Flüchtlinge machen?
Ich bin ja in der wunderbaren Lage, dass sich diese Frage mir nicht mehr stellt, weil ich keine Satire-Sendung mehr mache. Wie das die Kollegen handhaben, die mit Satire ihren Lebensunterhalt verdienen, weiß ich nicht.
Wo, bitte, gibt es im deutschen Fernsehen noch politische Satire? Es gibt nur noch Comedy, mal besser, mal schlechter.
Keine Ahnung, ich schaue das alles nicht an. Schon früher nicht, und jetzt auch nicht. Da ist mir die Zeit zu schade, und es interessiert mich nicht.
Vermissen Sie nichts?
Von meiner Show?
Ja. Es war Ihre Welt, den Menschen aufs Maul zu schauen und den Politikern auf die Finger zu klopfen.
Ich wundere mich manchmal zwar selber über mich, aber das ist ein Kapitel, das ich in voller Zufriedenheit abgeschlossen habe.
In der aktuellen politischen Großwetterlage gäbe es genug Stoff.
Das stimmt schon. Aber ich habe die Gewichte jetzt verschoben. Diese Woche habe ich mir im Fernsehen komplett die Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim CDU-Parteitag in Karlsruhe und auch den Auftritt von Horst Seehofer angeschaut.
Nicht im Ernst?
Doch. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir in Deutschland sehr qualifiziertes politisches Personal haben. Die Lage insgesamt wird ja nicht einfacher. Wenn ich sehe, was so in unseren befreundeten Nationen los ist, kann ich nur sagen: Wir sind vom Schicksal wieder mal belohnt worden.
Sie sind ein richtiger Merkel-Fan?
Aber ja. Und in Teilen auch ein Seehofer-Anhänger. Bei ihm überrascht mich manchmal sein schneller Meinungswechsel.
Wie würden Sie das Ansehen Deutschlands in der Welt gerade beschreiben?
Sehr gut. Und mit einer Portion Neid, die als Anerkennung gewertet werden kann.
Nun ja, Merkels Kurs in der Flüchtlingskrise hat das Ansehen nicht nur gefördert.
Niemand kann in die Zukunft schauen und vorhersagen, wie sich die Lage entwickelt. Insofern halte ich den Satz von Wolfgang Schäuble für regelrecht genial, dass „Deutschland gerade ein Rendezvous mit der Globalisierung“ erlebt.
Die Sorgen vieler Bürger, die Angst haben vor einer Überforderung und Überfremdung, sehen Sie nicht?
Doch. Aber wir sollten die Sache nicht unnötig dramatisieren. Ich habe neulich mal eine wunderbare Formulierung gelesen. „Die Zukunft ist doppelt anders: Erstens als die Gegenwart und zweitens als man denkt.“
Interessant.
Ich bin ein Freund der knappen Sätze geworden. Das ersetzt das Lesen von zehnbändigen Werken. Horst Seehofer hat in Karlsruhe auch so einen Satz gesagt: „Realität schafft Zustimmung.“ Und man merkte, wie der CDU-Parteitag ein bisschen brauchte, bis der Satz sickerte. Aber dann nickte man sich zu nach dem Motto „a Hund is er scho“.
Macht Ihnen das Erstarken der rechten Parteien in der Flüchtlingsdebatte keine Sorge?
Nein, einen solchen Rand hat man immer. Wir haben nun mal freie Wahlen, und dann muss man mit den Wahlergebnissen umgehen. Erfahrungsgemäß ist da die mediale Aufregung deutlich größer als die parlamentarische Auswirkung.
Aber es könnte sein, dass ab März 2016 in Ihrem Heimatland Baden-Württemberg die AfD im Landtag sitzt.
Ich wundere mich bei dieser Debatte immer, dass man dem Wähler übel nimmt, wie er wählt. Entweder man hat freie Wahlen, dann muss man mit den Ergebnissen umgehen. Oder man schafft Wahlen ab. Das sehen wir gerade ja auch in befreundeten Staaten in der EU, wo sozusagen so lange gewählt wird, bis es stimmt, oder wo nach Wahlen die Europafahne abgehängt wird. Letzten Endes haben sich doch alle diese neuen Parteien im parlamentarischen Alltag irgendwann selbst zerlegt, allein schon weil sie die Sitzungssäle nicht gefunden haben.
Was machen Sie derzeit eigentlich den ganzen Tag, nachdem Sie keine Fernsehshow mehr haben?
Ich gehe viel spazieren, schaue viel Börse und verfolge interessiert so etwas wie Parteitage. Das macht mir wahnsinnigen Spaß.
Das glaube ich nicht.
Doch ehrlich. Ich bin definitiv jemand, der weiß, dass unser politisches System nicht auf Bäumen wächst oder von Natur aus haltbar ist. Ich frage mich zum Beispiel, wie unsere politische Elite das jeden Tag körperlich schafft, wenn sie in der ganzen Welt unterwegs ist und von einer Sitzung in die nächste eilt. Wenn zum normalen Alltag dann auch noch Katastrophen wie das Massaker in Paris oder der Germanwings-Absturz dazukommen und bewältigt werden müssen, nötigt mir das großen Respekt ab.
Früher hätten Sie in Ihrer Late-Night-Show gesagt, diese Leute müssen Drogen nehmen, um das aushalten zu können.
Vielleicht machen sie das ja. Andere nehmen auch Drogen und spielen nur in der Vorabendserie. Da fühlt man sich dann fast noch heimatlich verbunden, wenn Seehofer auf dem CDU-Parteitag vom „Guuido“ Wolf spricht. Wobei ich schon sagen muss: Wie der „Guuido“ der Frau Merkel den Wolf als Stofftier überreicht hat, das war schon sehr provinziell.
Zum einen ist der „ Tatort“ die wahrscheinlich erfolgreichste Marke im deutschen Fernsehen und ich freue mich, dass ich mal wieder mit dem SWR zusammenarbeiten kann. Zum anderen finde ich es großartig, dass der „Tatort“ in Freiburg und im Schwarzwald spielt.
Das heißt, Sie fühlen sich im Schwarzwald zu Hause.
Sagen wir in Baden-Württemberg, weil ich im Schwarzwald genauso gerne unterwegs bin wie auf der Schwäbischen Alb.
Was verbindet Sie mit dem Land noch? In Nürtingen lebt ja noch Ihre Mutter.
Alle paar Wochen bin ich mal dort. Ich habe sie auch nach der Pressekonferenz in Stuttgart und der Vorstellung des neuen „Tatort“-Teams besucht und dort übernachtet. Am nächsten Morgen haben wir uns am Bahnhofskiosk in Nürtingen alle Zeitungen gekauft, die ich bekommen konnte. Es war für meine Mutter wunderbar, dass auf vielen Titelseiten das Foto ihres Sohnes abgedruckt war. Das hat sie jetzt kurz vor Weihnachten mehr gefreut als Bargeld.
Was bedeutet Ihnen Heimat?
Die ist extrem wichtig für mich. Was ohne Heimat passiert, sehen wir doch alle gerade an der Situation mit den Flüchtlingen. Viele glauben doch immer, man wäre Malibu oder Toronto oder Kapstadt. Aber im Grunde bleiben wir alle Erkenbrechtsweiler.
Nürtingen oder Ihr Wohnort Köln: Wo ist Heimat für Sie?
Schon eher in Nürtingen.
Was verbinden Sie mit dem Ort?
Das ist die Basis für mein gesamtes Wirken. Die wichtigste Station meiner Ausbildung war das sogenannte Trinkstüble im katholischen Gemeindehaus.
Warum das?
Da habe ich die Nächte in meinem Zivildienst verbracht. Da war sozusagen von „Macbeth“ bis „Breaking Bad“ alles mit dem Personal der katholischen Gemeinde vorhanden. Die ganzen Geschichten, die ich da erlebt habe, konnte ich in meiner Show verbraten. Davor zehre ich noch heute.
Da schwelt jetzt aber schon Wehmut in Ihrer Stimme mit. Sie vermissen wirklich nicht den Bildschirm, das Publikum?
Wirklich, ich vermisse nichts. Ich habe stattdessen für mich die Flash-Performance erfunden.
Was darf man darunter verstehen?
Ich treffe Leute auf dem Bahnhof, auf dem Flughafen oder im Supermarkt. Die sind teilweise überrascht, dass sie mich sehen, und sprechen mich auf irgendwas an. Dann mache ich eine zweiminütige Privat-Performance für die. Im Regelfall sind die Leute total begeistert . . .
. . . und sagen Ihnen, wie sehr sie Ihre Late-Night-Show im Fernsehen vermissen.
Ja, durchaus. Die Leute sind trotzdem happy. Das ist die unmittelbarste und schnellste Form der Unterhaltung, die es gibt. Vor allem braucht man keinen Sender, keinen Medienkonzern, kein Facebook. Das ist die persönliche Vier-Augen-Show. Das macht mir und den Leuten Spaß.
Von zwei „Tatort“-Ausgaben ab 2016 werden Sie aber allein nicht leben wollen.
Nein, es gibt ja auch noch zweimal „Traumschiff“. Und dieses Jahr war ja auch noch einmal Pilcher dabei.
Und das alles lässt Sie jeden Tag zufrieden aufstehen.
Absolut. Ich hatte doch alles. Wenn Sie dreimal die Champions League gewonnen haben, Welt- und Europameister waren, dann kann man eigentlich nur noch ehrenamtlich für den DFB arbeiten. Aber da habe ich jetzt keine Ambitionen.
Und Ihr Vorsatz fürs neue Jahr?
Habe ich keinen. Ich freue mich am Alltag.
Was heißt das?
Ich freue mich, dass wir hier problemlos atmen können. Im Herbst war ich in Singapur, bin aber nach drei Tagen zurück. Die Luft war so schlecht, dass die Schulen geschlossen waren und der öffentliche Betrieb durch Rauchschwaden, die von Indonesien herübergezogen sind, lahmgelegt war. Ähnlich ist die Lage in Peking. Womit wir wieder auf der Alb und im Schwarzwald sind. Das Thema Rausgehen und Luftholen wird künftig eine noch größere Bedeutung bekommen als höhere Zinsen.
Dann werden Sie sich im „Tatort“ aus dem Schwarzwald ja besonders wohlfühlen.
Richtig, noch einmal kräftig durchatmen, bevor das Bolzenschussgerät kommt.
Werden Sie als TV-Kriminaloberrat eigentlich in Freiburg mit dem Rad unterwegs sein?
Nein, meistens mit der Straßenbahn. Der echte Polizeichef in Freiburg hat gesagt, er nehme immer die Straßenbahn, weil er keinen Parkplatz für den Dienstwagen findet.
Kann ein Harald Schmidt überhaupt den harten Vorgesetzten gegenüber den beiden TV-Kommissaren spielen?
Ich werde mich bemühen, das Drehbuch zu erfüllen. Vielleicht bin ich der harte Hund, vielleicht bin ich psychologisch einfühlsam. Eigentlich bin ich ja davon ausgegangen, einen Typ wie Innenminister de Maizière zu spielen, aber vielleicht wird es auch eine Art Peter Altmaier (der Kanzleramtsminister, die Redaktion), der vermitteln muss.
Eine andere Figur haben Sie aber.
Stimmt. Aber ich mag ihn sehr. Alle Welt hat jetzt einen Drei-Tage-Bart, lässt sich Haare transplantieren und trägt zentimeterdicke Hornbrillen. Altmaier aber sieht aus wie Altmaier, ernährt sich wie Altmaier, spricht wie Altmaier. Das ist noch ein Charakter.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: