Eiskunstlauf bei Olympia 2018 Aljona Savchenkos Sehnsucht nach Gold

Von Jürgen Kemmner 

Aljona Savchenko (rechts) sehnt sich nach einer Goldmedaille bei Olympia 2018. Foto: dpa
Aljona Savchenko (rechts) sehnt sich nach einer Goldmedaille bei Olympia 2018. Foto: dpa

Die gebürtige Ukrainerin Aljona Savchenko will im Paarlauf mit ihrem neuen Partner Bruno Massot, der aus Frankreich stammt, endlich den Olympiasieg. Doch es gibt Probleme.

Pyeongchang - Am 12. Februar 2014, fast auf den Tag genau vor vier Jahren, da war Aljona Savchenko am Boden. An jenem Tag löste sich der Traum von einer Goldmedaille im Paarlauf auf wie eine lösliche Kopfschmerztablette in einem Glas Wasser. Wie schon 2010 in Vancouver war es der gebürtigen Ukrainerin mit ihrem Partner Robin Szolkowy nicht gelungen, zu ihren fünf goldenen Weltmeisterschafts-Plaketten sowie den vier goldenen von Europameisterschaften diese eine Medaille hinzuzufügen, die im Eiskunstlauf für den Legenden-Status so unerlässlich ist wie ein Oscar für einen Schauspieler.

Olympia-Gold!

Die Geschichte ist bekannt. Nach den Spielen von Sotschi hatte Robin Szolkowy genug vom Leistungssport und auch ein wenig von seiner Partnerin und dem gemeinsamen Trainer Ingo Steuer. Szolkowy suchte als Trainer ein neues Betätigungsfeld, und die bis in die Haar- und Zehenspitzen ehrgeizige Aljona Savchenko suchte einen neuen Partner. Ohne Olympia-Gold wollte, ja konnte sie nicht abtreten. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) suchte mit und fand den Franzosen Bruno Massot, der als Eiskunstläufer international für etwa so großes Aufsehen gesorgt hatte wie der VfB Stuttgart zuletzt international. Nämlich für gar keines.

Sie brauchte einen Mann fürs Eis, er sah eine einzigartige Chance. Man spannte die beiden also zusammen vor den Olympia­wagen, setzte in Alexander König einen neuen Trainer auf den Kutschbock und schlug die Richtung ein: Gold in Pyeongchang 2018.

Einbürgerungstest bestanden

Nun sind sie angekommen in Südkorea, Aljona Savchenko (34), Bruno Massot (29), der den Einbürgerungstest Ende 2017 gerade noch rechtzeitig bestanden hatte, und Trainer Alexander König (51). In der Nacht zum Mittwoch geht es in der Halle in Gangneung im Kurzprogramm darum, die Grundlage zu legen. In der Nacht zum Donnerstag folgt die entscheidende Kür.

Dummerweise hat der Jetlag der einstigen Ukrainerin zugesetzt, obwohl das Eislaufpaar in seinem Wettkampfkalender mit Reisen durch zahlreiche Zeitzonen bestens vertraut sein müsste. „Aljona kämpft mit einer Mischung aus Jetlag und Erkältung. Auf dem Eis ist es dann beim Paarlauf wie bei zwei Autos, die unterschiedlich schnell fahren“, erklärte der Coach, um die Öffentlichkeit darauf einzustimmen, dass die Mission Gold schwieriger werden könnte. Die Trainingszuschauer verfolgten mit Staunen, dass die fünfmalige Weltmeisterin einmal fast in ihren Partner hineinsprang, dann wurde auch mehrfach lautstark auf dem Eis diskutiert.

Ein Paar auf dünnem Eis. Ausgerechnet jetzt bei Olympia. Denn in den vergangenen vier Jahren hatte sich so viel zum Guten gewendet, so viel erfolgreich im Ringen um eine goldene Kür entwickelt. Aljona Savchenko, die aus der russischen Eislaufkaderschmiede stammte, die stets gnadenlose Disziplin erfahren hatte und deshalb gnadenlose Disziplin einforderte, deren unbändiger Ehrgeiz oft zu Dissonanzen mit Partner Robin Szolkowy geführt hatte – diese Aljona Savchenko hat sich menschlich gewandelt, was vor allem an Trainer König liegen dürfte. „Der Trainer hat mir die Freiheit gegeben, mich frei zu fühlen und zu machen, was ich eigentlich kann“, sagt die zierliche Frau: „Er hat mir den Raum gegeben, wirklich meinen Traum zu verfolgen.“

Ost-West-Vereinigung

Alexander König, in der DDR groß geworden und zum Eiskunstläufer herangezogen sowie zu Bronze im Paarlauf bei der EM 1988 getrimmt, kennt nicht nur den Sport-Sozialismus, sondern weiß auch die Freiheit zu schätzen, die in einem künstlerischen Metier wie beim Pirouetten-Drehen auf dem Eis nötig ist. „Als ost- und westdeutscher Bürger habe ich Verständnis für beide Richtungen entwickelt“, ­bemerkt der renommierte Trainer und ­beschreibt damit auch die Tatsache, dass es ihm tatsächlich gelungen ist, die resolute Savchenko mit dem eher lockeren Franzosen Massot zu vereinigen. Eine Ost-West-Vereinigung, eine sanfte Revolution auf dem Eis. Denn der Monsieur aus Caen in der Normandie hatte zu Beginn der Symbiose Probleme in der Akzeptanz, dass die Partnerin im sportlichen Niveau weit über ihm thront. „Bruno hat es verstanden, mehr und mehr auf Aljona einzugehen“, sagt König, „er hat sich bemüht, sie zu verstehen – das war seine schwerste Aufgabe.“ Harmonie, zumindest weitgehende.

Die Jahre bis 2014 im Triumvirat Savchenko/Szolkowy/Steuer dagegen waren geprägt von Egoismen, Reibereien und finanzieller Unsicherheit. Durch die Stasi-Vergangenheit Steuers gab es an mannigfaltigen Fronten (DEU, Deutsches Olympisches Komitee, Medien) Streit über den Olympiastart 2006 in Turin, es folgte Geldnot, weil die Förderung wegen Steuers Vergangenheit versiegte, und auch die Alphatiere Savchenko und Steuer kamen sich regelmäßig ins Revier. Eine Atmosphäre, in der sich alle Beteiligten sehr disziplinieren mussten, um überhaupt erfolgreich sein zu können. Doch mit neuem Partner, neuem Trainer, neuem Lebensumfeld in Oberstdorf, da schien der Spätsommer der Karriere der Aljona Savchenko eine reiche Ernte zu versprechen.

Die Kür der beiden, die den Paarlauf mit dem Eistanz verbindet – auch deshalb übrigens, weil Ex-Star-Eistänzer Christopher Dean („Bolero“ mit Jane Torville) sie choreografiert hatte –, diese Kür wurde beim Grand-Prix-Finale in Nagoya mit 157,25 Punkten bedacht. Weltrekord. Es schien so vieles, ja fast sogar alles auf einem guten Weg, auf dem richtigen Weg zu sein für Aljona Savchenko. Und nun ausgerechnet eine Petitesse wie eine Erkältung.

Was wird er bringen, der 15. Februar 2018? Gold? Die Endstation der Sehnsucht? Oder etwa die Herausforderung, bis 2022 weitermachen zu müssen?

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