Fahrzeugkontrolle nach dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im Jahr 1977. Foto: /imago stock&people

Die Pistole immer griffbereit, Drohungen gegen sich und seine Familie: Auch die Unternehmerikone Hans Peter Stihl stand einmal auf der Todesliste der RAF. 50 Jahre nach den Stammheim-Prozessen erinnert er sich an ein Leben unter Polizeischutz.

Im Jahr 1975 wurde den RAF-Terroristen in Stammheim der Prozess gemacht. Hans Peter Stihl, 92, persönlich haftender Gesellschafter des gleichnamigen Sägenherstellers, wurde selbst von der RAF mit dem Tode bedroht. Ein Gespräch über eine unfassbare Zeit und ein Leben unter Polizeischutz.

 

Herr Stihl, die Prozesse der RAF-Terroristen von Stammheim jähren sich 2025 zum 50. Mal. Sie waren Zeitzeuge und kannten einige der Opfer. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

1975 war ich 43 Jahre alt, zwei Jahre zuvor habe ich als alleiniger persönlich haftender Gesellschafter die Führung des Unternehmens übernommen, nachdem mein Vater früh verstorben war. Mein Fokus lag damals hauptsächlich auf der Firma.

Hans Peter Stihl (92). /Gottfried Stoppel

Es gab bereits Terroranschläge, und die Prozesse haben gewissermaßen vor Ihrer Haustür stattgefunden. Hat Sie das nicht interessiert?

Doch, sehr. Die RAF-Terroristen waren völlig irregeleitet, und ich konnte auch die Unterstützung durch die sogenannten Sympathisanten damals in keiner Weise verstehen. Diese Leute habe ich bewusst gemieden und abgelehnt.

Fühlten Sie sich selbst bedroht?

Nicht direkt. Aber ich habe natürlich aufgepasst und versucht, mich so weit wie möglich abzusichern.

Inwieweit hatten Sie mit dem 1977 erst entführten und dann ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zu tun?

Ich kannte Hanns Martin Schleyer sehr gut. Wir haben oft über Tarifpolitik diskutiert. Ich war sehr froh, dass er die Interessen der Arbeitgeber vertreten hat. Er hatte mich 1973 angesprochen, ob ich sein Nachfolger als Vorsitzender der Tarifkommission der Metallarbeitgeber in Stuttgart werden wollte. Er wurde in jener Zeit Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände. Ich war damals aber intensiv in der Gründungsphase unserer weltweiten Stihl-Niederlassungen und habe abgesagt. Heinz Dürr, der spätere Chef von AEG und der Deutschen Bahn, wurde dann sein Nachfolger.

Wie war es, als Schleyer ermordet wurde? Wie erinnern Sie sich an die Situation?

Das war der 19. Oktober 1977. Meine Frau und ich waren völlig entsetzt.


War es so, dass jeder, der solch ein öffentliches Amt übernommen hatte, automatisch im Visier der RAF stand? War das auch ein Grund, warum Sie abgelehnt hatten?

Ich habe das nicht so empfunden, und das spielte für mich seinerzeit auch keine Rolle. Ich wurde dann ja später auch Nachfolger von Heinz Dürr als Vorstandsvorsitzender des Verbands der Metallindustrie Baden-Württemberg – heute Südwestmetall. Was dann wirklich auf mich zukam in Sachen Bedrohung, habe ich erst in den 1980er Jahren gemerkt.

Was denn?

1984 wurden im RAF-Umfeld in Karlsruhe Zeitungsausschnitte im Zusammenhang mit Gesamtmetall gefunden, auf denen mein Name stand. Da kam die Polizei sofort hierher und hat gesagt: wir müssen ihnen Polizeischutz verordnen. Ich war völlig unvorbereitet, aber dagegen wehren konnte ich mich nicht, selbst wenn ich es gewollt hätte. Der Polizeischutz war notwendig.

Wie muss man sich das vorstellen?

Anfangs fuhren Streifenwagen gelegentlich an meinem Haus vorbei, später wurden die Sicherheitsstufen höher.

Warum?

Weil sich die Bedrohungslage offensichtlich verschärft hatte. 1986 war das Siemens-Vorstandsmitglied Kurt Beckurts ermordet worden, und 1988 wurde ich Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT). Seitdem hatte ich rund um die Uhr Polizeischutz: Wenn ich irgendwo hingefahren bin, waren Polizisten im Auto hinter oder vor mir. Und auch vor meinem Haus standen immer zwei Polizisten, die haben mir sehr leid getan, weil das so langweilig war. Gleichzeitig war ich den Polizeibeamten sehr dankbar. Wenn ich morgens das Haus verlassen habe, hat die Polizei mich in einem gepanzerten Fahrzeug abgeholt. Ich selbst hatte erst einmal ein normales Auto. Auf dem Weg in die Firma haben wir immer unterschiedliche Routen genommen, damit wir nicht berechenbar waren. Ich habe dann schnell einen neuen Fahrer eingestellt, der vorher den Stuttgarter Polizeipräsidenten gefahren hatte.

Und Ihr Haus und Ihr Büro wurden auch besonders geschützt?

Wir haben in unser Haus eine Alarmanlage und schusssichere Türen einbauen lassen. Außerdem gab es ein Zimmer, das als eine Art Sicherheitskäfig fungierte, mit Panzerglas und einer schusssicheren Tür. Um mein Büro im sechsten Stock hier im Werk in Waiblingen, das ich mir mit meiner Schwester Eva Mayr-Stihl geteilt habe, wurden Stahlplatten gegen Explosionen eingebaut. Hinzu kamen schusssichere Fenster, weil man von der Anhöhe gegenüber hier reinschauen und -schießen könnte. Und für den Fall einer Entführung hatte das BKA Stimm- und Schriftproben von mir genommen, um die Authentizität von Nachrichten überprüfen zu können.

Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass jemand einen umbringen oder entführen will?

Ich bin relativ stabil in diesen Dingen und hatte keine Angst. Als überzeugter Anhänger von Demokratie und Sozialer Marktwirtschaft war es mir wichtig, unsere Wirtschaftsordnung als Unternehmer in Ehrenämtern zu verteidigen. Ich habe mich geschützt und der Herausforderung gestellt. Ich dachte immer: Du lässt Dich nicht einfach umlegen. Ich habe mir dann auch selbst ein gepanzertes Auto gekauft, was erstaunlich teuer war. Aber man fühlt sich dann sicherer. Und mein Fahrer hatte immer eine Waffe bei sich.

Haben Sie eine Waffe getragen?

Ja, die hatte ich immer bei mir, in der Aktentasche. Sie war immer geladen. Und ich hätte sie auch benutzt. Ich bin Jäger, da kann man sowieso schießen. Und ich habe dann noch ein spezielles Pistolen-Training absolviert.

Das alles muss ihr Leben massiv beeinträchtigt haben.

Ja, wenngleich ich mir etwa bei privaten Abendterminen polizeiliche Begleitung verbeten habe. Aber meistens war ich abends ohnehin zu Hause.

Es waren nicht nur Sie bedroht, sondern auch Ihre Familie. Ihr Sohn Nikolas Stihl, der heute den Firmenbeirat führt, hat einmal gesagt, dass er als Kind schon vorsichtiger sein musste als andere. Wie war das?

Ich habe ihm und unseren anderen Kindern gesagt, es könne sein, dass wir angegriffen werden oder dass jemand versuchen kann, ein Familienmitglied zu entführen.

Und wie fanden das Ihre Frau und Kinder? Wollten die, dass Sie Ihre Verbandsämter niederlegten, die Sie ins Fadenkreuz gerückt haben?

Ja, den Wunsch gab es. Aber ich habe ihnen erklärt, dass ich auch als bekannter Unternehmer gefährdet sei und meine öffentlichen Ämter keinen großen Unterschied machten. Im Übrigen bin ich der Auffassung, dass man als Familienunternehmer auch gesellschaftliche Verantwortung trägt.

Bei Ihnen ist die Bedrohung nach dem sogenannten Deutschen Herbst im Jahr 1977 nicht verschwunden, sondern hat sich noch aufgebaut. Die dritte Generation der RAF hat sie 1990 auf eine Todesliste gesetzt, zusammen etwa mit dem damaligen Chef von Daimler-Benz, Edzard Reuter, oder dem späteren Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer.

Es hörte nicht auf, aber ich war über die Jahre daran gewöhnt. Man hält nicht durch, wenn man viele Jahre Angstzustände hat. Es ging darum, meinen Job zu erledigen und meine Verantwortung zu erfüllen.

Gab es den einen Moment, an dem Sie sich nicht mehr bedroht fühlten?

Das war erst 1998, als die RAF sich offiziell aufgelöst hat. Da endete auch mein Personenschutz.

Zur dritten RAF-Generation gehörte auch Daniela Klette, die nach vielen Jahren des Untertauchens Anfang 2024 gefasst worden. Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg werden weiterhin gesucht. Das sind die Leute, die Sie auf ihre Todesliste gesetzt haben. Was löst das bei Ihnen aus?

Große Befriedigung bei der Festnahme. Sie waren es mutmaßlich auch, die für die feige Ermordung von Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder 1991 verantwortlich waren. Sein Tod hat mich sehr berührt.

Fühlen Sie sich heute noch bedroht?

Nein. Und falls mir doch jemand etwas Böses will: Mein Fahrer trägt immer noch eine Waffe.