Hans Dieter Huber arbeitet aktuell an seinem Buch „Die ästhetische Situation“ Foto: hdh/abk

Was haben Bob Dylan, New Order oder auch der Gegenwarts-Beschleuniger Internet mit Kunst zu tun? Hans Dieter Huber erforscht es. Seit 1999 lehrt er in Stuttgart, jetzt hört er auf – zum Finale kommt Liam Gillick.

Stuttgart - Der Antritt hat es in sich: Im Oktober 1999 übernimmt Hans Dieter Huber in der Nachfolge von Wolfgang Kermer an der Stuttgarter Kunstakademie den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Gegenwart, Ästhetik und Kunsttheorie.

Künstler, Kurator und Wissenschaftler

Huber, 1953 in München geboren, kommt aus Leipzig nach Stuttgart. Auf dem Weißenhof erhofft sich Akademierektor Paul Uwe Dreyer von Huber eine Neuausrichtung – und eine engere Verknüpfung zwischen Hochschule und aktuellen Kunsttendenzen. Auch, weil Huber selbst Kunstproduktion, Kunstvermittlung und Kunstwissenschaft verbindet, als Künstler, Kurator und Wissenschaftler agiert.

„Es reicht nicht, im zweiten Gang durch ein Studium zu gondeln“

Bald wird klar: Dieser Grenzgänger hat vor allem eines – hohe Erwartungen. Auch und gerade an die Studierenden. Und noch neun Jahre später wird eine gewisse Ungeduld spürbar, wenn Huber als erster Gast der im Oktober 2008 von unserer Zeitung in der Galerie Klaus Gerrit Friese gestarteten Gesprächsreihe „Über Kunst“ einerseits mehr Flexibilität und Tempo der Hochschulen einfordert: „Da gibt es ein Fach für Messer, eines für Gabeln, eines für Löffel – die jungen Künstler aber nutzen alles selbstverständlich gleichzeitig“, und dieser Entwicklung müssten die Kunsthochschulen „noch mehr als bisher gerecht werden“. Umgekehrt, sagt Huber bei der „Über Kunst“-Premiere, seien aber auch die Studierenden gefordert. „Es reicht nicht, im zweiten Gang durch ein Studium zu gondeln. Da erwarte ich schon, dass man Vollgas gibt.“

„Meine Lehre hat sich geändert“

Und wie sieht er die Situation heute, noch einmal elf Jahre später? Die Antwort überrascht: „Als ich nach Stuttgart kam“, sagt Huber, „hatte ich eine eher traditionelle ­­Vorstellung von Lehre“ – mit dem Ziel, „eine tiefe und breite Ausbildung zu gewähr­leisten“. „Von 2009 an“, so Huber weiter, „ändert sich da etwas“. Der Wissenschaftler versucht, „das künstlerische Werk der Studierenden in den Mittelpunkt zu rücken“.

Zentrales Thema: Visuelle Kompetenz

„Ich bin ganz nah ran an die Gegenwart“, sagt Huber – aus einem einfachen Grund: „Die Gegenwartskunst ist komplex, ist sehr dynamisch, ist als System für junge Menschen kaum durchschaubar.“ Eben dies sei aber notwendig. Folgerichtig wird die „visuelle Kompetenz im Medienzeitalter“ ein zentrales Thema Hubers, die Frage, „wie Bilder in der beschleunigten Realität entstehen und wirken“.

Begegnung mit dem Original durch nichts zu ersetzen

Um diese Kompetenz zu erreichen, sei aber eines „unumgänglich“: „Die Begegnung mit dem Original ist durch nichts zu ersetzen“, sagt er – und so sind für Studierende von Hans Dieter Huber die internationalen Gegenwartskunst-Foren Documenta, Biennale Venedig, Berlin Biennale, Istanbul Biennale, „aber natürlich auch die ‚Manifesta’“ Pflichttermine , bei denen sie oft genug Arbeiten prominenter Künstlerinnen und Künstler erstmals im Original sehen.

Bob Dylans Pastelle als Entdeckung

Doch auch Huber selbst lässt sich bis heute gerne überraschen. Am liebsten von Kunst – etwa von Pastellen von Bob Dylan. Aber auch, wie und von wem seine Diskussion von Fragen der Wahrnehmung im Medienzeitalter diskutiert werden. Breit etwa von der „immer noch jungen Kunsttherapie“.

„Freiheit der Kunst ist bedroht“

Und was ist seine aktuelle Fragestellung? „Die ästhetische Situation“ wird das neue Buch des 66-Jährigen heißen. Das klingt nach einer grundsätzlichen Bestandsaufnahme. Vorläufig bezieht Hans Dieter Huber noch einmal klar Position: „Die Freiheit der Kunst ist bedroht“, sagt er mit Blick auf einen „klar spürbaren Rechtsruck“. Dieser nehme die Kunst keineswegs aus, sei bereits bis hinein in die Kritik spürbar.

Herausfordrungen überall also. Und dann sagt er plötzlich: „Eigentlich ist meine eigene Entwicklung als Lehrer nicht abgeschlossen.“ Überlegt da einer doch noch einmal? „Nein“, sagt Hans Dieter Huber – „am 30. September ist Schluss“. Und dann? „Freue ich mich auf meine neue Freiheit.“

„Adieu Aka“ am 11. Juli mit Liam Gillick

„Adieu Aka – Prof. Huber verlässt die Akademie“ heißt eine Vortragsreihe zum Abschied von Hans Dieter Huber von der Kunstakademie Stuttgart. Sie endet an diesem Donnerstag, 11. Juli, mit dem britischen Künstler Liam Gillick. Beginn im Vortragsraum Neubau II ist um 19 Uhr.

Liam Gillick, 2002 für den britischen Turner-Preis nominiert, hat 2009 bei der Biennale Venedig den deutschen Pavillon gestaltet. Über Gattungen und Medien wie Skulptur,Installation, Wandmalerei, Design, Bücher und Musik entwickelt Gillick sein sich ständig wandelndes und erweiterndes Gesamtkunstwerk. Gillicks Vortrag (in englischer Sprache) zu Hans Dieter Hubers Abschied hat den Titel „We Lived and Thought Like Pigs“.