Die drei Handballverbände in Baden-Württemberg haben fest vor, zum 1. Juli 2025 zu fusionieren. „Zu viele Gliederungen sind oftmals zeitraubend und umständlich“, sagt Hans Artschwager, Präsident des HVW und Triebfeder des Projekts, das eine Vorreiterrolle übernehmen könnte.
„Es bringt ganz grundsätzlich Vorteile, wenn der Sport im Land mit einer mächtigen Stimme spricht“, sagt Hans Artschwager, der Präsident des Handballverbandes Württemberg (HVW). Er äußert sich im Interview nicht nur zu den Vorteilen der Fusion, sondern auch zum künftigen Leistungssportdirektor Eckard Nothdurft, seiner persönlichen Zukunft und zu einem möglichen Frauen-Bundestrainer Markus Gaugisch.
Herr Artschwager, zum 1. Juli 2025 soll es den Handballverband Baden-Württemberg geben. Wie kam es dazu?
Da muss ich etwas ausholen. Es gibt ja bereits seit 2000 den jetzt eingetragenen Verein Handball Baden-Württemberg, dessen Mitglieder der Handballverband Württemberg (HVW), der Badische Handballverband (BHV) und der Südbadische Handballverband (SHV) sind. Von daher gibt es schon länger eine gute und konstruktive Zusammenarbeit in vielen Bereichen.
Zum Beispiel?
Der gemeinsame Spielbetrieb in den Baden-Württemberg Oberligen bei den Männern, Frauen und der Jugend ist seit Beginn ein Erfolgsmodell. Genauso die übergreifende Arbeit im Bereich Beach-Handball. Der nächste Schritt steht am 1. Juli 2022 an. Dann wird Eckard Nothdurft Leistungssportdirektor bei Handball Baden-Württemberg e.V.
Lesen Sie aus unserem Angebot: TVB Stuttgart gewinnt Schwaben-Derby in Balingen
„Nothdurft ist innovativ“
Was versprechen Sie sich konkret von ihm?
Ecki Nothdurft ist als Ex-Bundesligaspieler, A-Lizenz-Inhaber, Sportpädagoge und bisheriger Studienleiter des Württembergischen Landessportbundes der ideale Mann. Er wird zukünftig einem Team aus leitenden Landestrainern, Landesstützpunkttrainern und weiteren Honorarkräften vorstehen. Mit seiner Erfahrung im Leistungssport versprechen wir uns vor allem neue Impulse in der Nachwuchsförderung. Zudem ist er sehr innovativ.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Doppelinterview mit Jürgen Schweikardt und Wolfgang Strobel
Woran machen Sie das fest?
Das zeigt nicht zuletzt auch sein Engagement im Projekt CoCoAnDa („Coaching support by Collecting and Analyzing Data“) in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt am Beispiel des Hallenhandballs die Mechanismen der Digitalisierung für die automatisierte Erfassung von Spiel- und Spielerinformationen zu erschließen.
„Benefit für die Vereine“
Was sind für Sie die konkreten Vorteile eines gemeinsamen Handball-Verbandes Baden-Württemberg?
Es bringt ganz grundsätzlich Vorteile, wenn der Sport im Land mit einer mächtigen Stimme spricht. Demzufolge finde ich es gut, die Einheit des Sport auch strukturell zu unterlegen. Zu viele Gliederungen sind oftmals zeitraubend und umständlich. Konkret auf den Handball bezogen können wir verschiedene Dinge wie zum Beispiel den Spielbetrieb ökonomischer und ökologischer gestalten. Wir können die Gebührenordnung harmonisieren. Das alles bringt Synergieeffekte und auf jeden Fall auch einen Benefit für die Vereine. Die Suche nach Ehrenamtlichen fällt immer schwerer. Um so wichtiger ist es, dass die Fusion die Hauptamtlichkeit stärken wird – und entsprechend auch professioneller arbeiten können.
Fusionen werden doch aber meistens abgelehnt, weil um lieb gewordene Posten gebangt wird.
Das ist in der Tat oftmals so, doch alle drei Verbände aber haben den Mitarbeitern die Weiterbeschäftigung garantiert.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Zwei Schwestern vom Bodensee pfeifen in der Männer-Handball-Bundesliga
Wo wird künftig die Zentrale sitzen?
Ob die Zentrale in Stuttgart, Karlsruhe oder Freiburg sein wird, ist nicht entscheidend. Mir persönlich schweben vielmehr Servicezentren verteilt über Baden-Württemberg vor. Gerade an den Rändern unserer Verbandsgebiete müssen wir die Vereine stärken und unterstützen.
„Sport geprägt von Traditionen“
Der Handball nimmt mit der geplanten Fusion eine gewisse Vorreiterrolle ein. Warum tun sich andere große Verbände und auch die Sportbünde so schwer damit?
Dass dies ein sehr spannendes Thema ist, zeigen die Anfragen von Kollegen anderer Fachverbände, die mich erreichen. Nun ja, der Sport ist eben geprägt von Traditionen, mit Veränderungsprozessen tun sich viele schwer, aber es ist das Gebot der Stunde, etwas zu ändern.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Daniel Rebmann rettet Frisch Auf den Sieg bei der MT Melsungen
Wie ist nun der konkrete zeitliche Ablauf bis zum geplanten Start des Handballverbandes Baden-Württemberg am 1. Juli 2025.
Vorreiter wird der Südbadische HV mit seinem ordentlichen Verbandstag im Juli 2022 sein. Bei einem außerordentlichen Verbandstag Ende 2022 wird es bei uns in Württemberg um die Zustimmung gehen, das Projekt weiter voranzutreiben. Der ordentliche Verbandstag 2023 sowie die vorgelagerten Bezirkstage sollen den Stand der Verhandlungen aufgreifen. Auch die Kollegen aus Baden und Südbaden gehen ähnlich vor. Im ersten Quartal 2024 entscheiden die außerordentlichen Verbandstage von BHV, HVW sowie SHV über die Fusion.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ein Football-Ass in der Handball-Kreisliga
Sind noch Widerstände zu erwarten?
Nein, von der Sinnhaftigkeit der Konzentration der Kräfte sind alle drei Präsidien der Verbände absolut überzeugt. Letztendlich entscheiden die Vereine in Baden-Württemberg als Souverän die geplante Fusion. Diese gilt es in der Folge davon zu überzeugen den gemeinsamen Weg mitzugehen.
„Nach 16 Jahren ist Schluss“
Sie sind noch bis 2023 als HVW-Präsident gewählt. Machen Sie weiter? Und reizt es Sie als Triebfeder des Projektes nicht, 2025 Präsident des Handball-Verbandes Baden-Württemberg zu werden?
Ich hatte angekündigt, dass ich 2023 für das Amt des HVW-Präsidenten nicht mehr zur Verfügung stehe. Erhalten wir den Auftrag, die Fusion weiterzutreiben, habe ich und zudem auch ein Großteil des HVW-Präsidiums sich bereit erklärt, den Prozess bis zum 1. Juli 2025 noch zu begleiten. Wer danach Präsident eines Handball-Verbandes Baden-Württemberg wird, ist offen. Für mich würde dann aber nach 16 Jahren definitiv Schluss sein.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Markus Gaugisch: „Frauen-Bundestrainer wäre eine sehr reizvolle Aufgabe“
Abschlussfrage an Sie als einer der Vizepräsidenten des Deutschen Handballbundes (DHB). Das Amt des Frauenhandball-Bundestrainers ist derzeit vakant. Kommt der neue Mann in Person von Markus Gaugisch aus Württemberg und bis wann fällt die Entscheidung?
Ich bin der Findungskommission und bitte daher um Verständnis, dass ich dazu nichts sagen kann. Allzu lange dürfte es nicht mehr dauern. Unser Vorstand Sport Axel Kromer ist am Arbeiten.