Wo viele Jüngere wegziehen, bleibt sie: die 25-jährige Bestattermeisterin Emily Maichle arbeitet im Familienbetrieb in Geislingen an der Steige. Was erlebt sie, was treibt sie an?
Gestorben wird überall, zu Hause, auf der Straße, im Pflegeheim. Der Tod ist mitten in uns, schrieb Rilke, auch wenn wir uns mitten im Leben meinen. Emily Maichle nimmt einen Anruf entgegen. Die Juniorchefin des Bestattungsunternehmens in Geislingen an der Steige ist 25, schafft im Familienbetrieb, den ihre Urgroßeltern nach dem Krieg gründeten.
Maichle ist herzlich, groß, sportlich, drückt die Hand kräftig beim Gruß. „Frauen werden unterschätzt“, sagt sie bald im Gespräch. Als Maichle elf war, wollte sie zum ersten Mal mitfahren, einen Toten holen. Ein Kind als Beifahrerin im Leichenwagen, das hatte man noch nicht gesehen. Es erinnerte ein bisschen an den amerikanischen Film „My Girl“, in dem ein Mädchen im Bestattungsunternehmen ihres Vaters aufwächst und das als Alltag erlebt. Auch heute noch wird Emilys Vater manchmal gefragt: „Und wer trägt den Opa mit Ihnen die Treppen runter?“ Der Vater sagt: „Das kann meine Tochter, keine Sorge.“
Was hat der Verstorbene erlebt, was für ein Mensch war er?
Wenn einer stirbt, wissen wir nicht, was geschehen ist, der Tod kommt plötzlich. Die Bestatterin sieht nur einen Körper. Das Leben des Menschen ist verschlossen. Eine Tür ist zugegangen. Dahinter ein ganzes Universum an Spuren. Was hat er erlebt, welche Fußabdrücke hinterlassen?
Ein alter Mann war irgendwann ein Kind, war ein Säugling, der im Schoß seiner Mutter lag. Er war ein Jugendlicher in einer Lederjacke auf einem Mofa. Vielleicht war er ein Vater, der dem kleinen Sohn nach einem Sturz die Tränen trocknete. Ein Urlauber an der Promenade von Cannes oder ein Hobby-Gärtner mit frischen Tomaten im Garten. Gebrüllt hat er, als die Tochter mit 17 zu spät abends heim kam. Und geweint, als der Enkel geboren wurde. Richtig dick war der Mann in seinen besten Jahren und ganz schmal am Ende auf der Terrasse mit Decke über den Beinen und Blick auf den Kirschbaum.
Emily Maichle will schaffen, das Handwerk ihrer Eltern und Großeltern lernen
Was überlebt von all dem? Es bleibt bestehen in den Erinnerungen und Erzählungen der Nachgeborenen. Die Bestatterin hört viele Lebensgeschichten, verbringt Zeit mit Angehörigen. Nichts Menschliches ist ihr fremd. Sie kann helfen, die schweren Tage nach dem Tod eines geliebten Menschen erträglicher werden zu lassen.
Emily Maichle schreibt 2019 ein hervorragendes Abitur, sie überlegt, Medizin zu studieren. Doch dann beschließt sie zu bleiben, in Geislingen, wo die meisten nach der Schule schnell das Weite suchen. Maichle will schaffen, das Handwerk ihrer Eltern und Großeltern lernen – und beginnt eine Ausbildung zur Bestatterin. Aufregend sei das und auch abwechslungsreich. Manchmal kommt ein Anruf von der Feuerwehr, der Polizei oder dem Ordnungsamt. Nicht immer schläft eine 90-Jährige im Ehebett friedlich ein. Es kann hart werden: Manche Verstorbenen haben keine Angehörigen mehr, manche sterben einen tragischen, plötzlichen Tod. Nicht jeder könnte das aushalten, ist aus solchem Holz geschnitzt wie Emily Maichle.
Als Maichles Urgroßvater das Bestattungsunternehmen gründete, war Geislingen im Landkreis Göppingen eine andere Stadt. Hier an der steil abfallenden Albkante hat man viele Jahrzehnte lang nur Wachstum erlebt. Einst haben der Bau der Geislinger Steige und die Eisenbahn Firmengründungen und Arbeitsplätze gebracht, etwa bei der Württembergischen Metallwarenfabrik. Die Bebauung der Stadt hat sich bis an die Ränder des Talkessels ausgewachsen. Nach dem Krieg kamen die Rucksackdeutschen, wie man damals sagte. Und bald Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, nach der Wende die Spätaussiedler aus Russland.
Doch seit den 1980er Jahren schwindet der Wohlstand Geislingens. Große Unternehmen wie die Heidelberger Druckmaschinen zogen weg, mittelständische Betriebe bluteten aus. Die Stadt mit heute 27 000 Einwohnern zählt inzwischen zu den ärmsten Mittelstädten Baden-Württembergs. Unter Protest hat in Geislingen 2023 die stationäre Abteilung der Helfenstein-Klinik geschlossen. Die missglückte Millionen-Sanierung des Michelberg-Gymnasiums und ein dadurch benötigter Neubau belasten die Finanzen der Stadt. Und wenn wieder der Albaufstieg auf der A8 bei Aichelberg dicht ist, rauschen die Autokolonnen durch Geislingens Mitte. Man ist hier einiges gewöhnt, doch damit es weitergeht, nicht nur mit dem Sterben, sondern vielmehr mit dem Leben, müssen die Jüngeren bleiben. Wenn sie das wollen, sollten sie gut überlegen, welchen Beruf sie wählen. Was hat hier noch Zukunft?
Das Familienunternehmen der Maichles hat wie nur wenige in dieser Gegend allen Stürmen getrotzt. Gestorben, das stimmt nun einmal, wird immer. „Koi Leichle ohne Maichle“, sagt man hier. Strukturwandel und Künstliche Intelligenz hin oder her, ein Ort braucht Dienstleister und Handwerker.
Emily Maichle findet ihre Arbeit sinnstiftend, sie erzählt viel von Wertschätzung, die sie von Angehörigen bekomme. Maichle hat kürzlich an dem bundesweiten Wettbewerb „Miss Handwerk“ teilgenommen – und gewonnen. Als Botschafterin wirbt sie nun ein Jahr lang für Handwerksberufe. Jungen Menschen will sie Perspektiven aufzeigen. Und in Orten wie Geislingen braucht es wohl Leute wie Emily Maichle. Sonst liegen die Städte selbst im Sterben. Einige von Maichles Freunden, die geblieben sind, engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wer sollte das übernehmen, wenn alle weggehen?
Das Unternehmen der Maichles ist stetig gewachsen. Vor 12 Jahren ließen sie ein Gebäude im Industriegebiet bauen, mit Trauerhalle, Trauercafé, umgeben von großen Fenstern und Bäumen im Hof. Emily Maichle, die Deutschlands jüngste Bestattermeisterin war, hat Neuerungen durchgesetzt: digitale Trauergespräche zum Beispiel. „Angehörige wohnen oft nicht mehr hier, manche sind in Amerika“, sagt sie. Corona habe dazu viel Gutes getan. Denn anfangs sei es schwierig gewesen, den Großeltern klarzumachen, dass man Trauergespräche über den Computer führen könne. Als es nicht mehr anders ging, erübrigten sich die Diskussionen.
Über den Tod werde in vielen Familien heute nicht mehr gesprochen
Das Geschäft mit dem Tod hat sich verändert. Früher pflegten die Angehörigen jahrzehntelang die Gräber ihrer Mütter und Väter, heute sind fast 80 Prozent der Beerdigungen Feuerbestattungen. Niemand habe mehr Zeit, ein Grab am Friedhof zu bepflanzen, erzählt Maichle. Und die Bestatterin erlebt eine große Unsicherheit gegenüber dem Tod. „Viele Leute können nicht damit umgehen, wenn einer stirbt, haben nie einen Toten gesehen, wissen nicht, was zu sagen und zu tun ist.“ Es gab schon einmal eine Zeit, in der man alles unter den Teppich kehrte. „Nach dem Krieg, das hat der Opa immer erzählt, wollten die Menschen nur noch leben, nichts mehr vom Tod wissen“, sagt Maichle. So sei ein Tabu entstanden, über den Tod werde in vielen Familien heute nicht mehr gesprochen. Emily Maichle sagt: „Vom Drüberreden ist aber noch keiner gestorben.“
Hier im Bestattungsunternehmen bereitet die Familie Maichle in großen Hallen die Särge vor. Ein Mitarbeiter bringt innen Folie an, darüber kommt später Holzwolle, schönes weißes Tuch und ein Kissen. „So betten wir die Toten weich“, sagt Emily Maichle. Im Klimaraum liegen heute acht Verstorbene und warten auf ihre Trauerfeier. Maichle hat nebenan noch Bereiche, in denen sie die Toten wäscht und einbettet.
Alle werden schön hergerichtet, erzählt sie, auch ohne offenen Sarg. Das verleihe den Verstorbenen eine besondere Würde. Was noch kommt für die Familien, die oft durcheinander und überfordert sind, übernimmt die Bestatterin, so weit möglich. Sie sorgt sich um Trauerkarten, Todesanzeigen, das Begräbnis, auch die Abmeldung beim Amt, die Blumen am Sarg, die Dekoration beim Leichenschmaus, die Sterbeurkunde.
Man könnte fragen, was weiß denn eine 25-Jährige vom Tod, die vielleicht noch nicht einmal etwas vom Leben weiß? Doch Emily Maichle sieht viel, und manche Schicksalsschläge gehen ihr nah. Etwa der einer alten Frau, deren verstorbenen Mann sie abholt. Mehr als 70 Jahre waren die beiden verheiratet und immer zusammen. „Die Frau trauerte so sehr, fragte mich: Was soll ich denn jetzt tun ohne ihn?“ Immer wieder sterben Ehepartner nur ein oder zwei Tage nacheinander, erzählt Maichle. Während man gerade mit den Kindern das Begräbnis des Vaters bespreche, komme der Anruf, die Mutter sei im Krankenhaus, es gehe zu Ende.
Vor dem Einkaufszentrum mit dem südländischen Namen Nel-Mezzo in der Geislinger Ortsmitte trinken heute ein paar Männer Bier. Vorbei rauscht hier mehrspurig der Verkehr. Die Umgehungsstraße zur Entlastung des Stadtkerns ist – kein Witz – schon seit den 1950er Jahren geplant. Immer kam etwas dazwischen, fehlte in Berlin das Geld für die Bundesstraßenverlegung.
Am Rand der rauen Alb lebt ein besonders zäher Menschenschlag
Doch man gibt nicht auf, es tut sich hier auch Gutes, nicht umsonst sind manche von Emily Maichles Freunden dageblieben oder wiedergekommen. Am Rand der rauen Alb lebt offenbar ein besonders zäher Menschenschlag. An der Fachhochschule Nürtingen-Geislingen kann man mittlerweile innovative Studiengänge wie Nachhaltiges Zukunftsmanagement studieren, Neubauprojekte schaffen Mietwohnungen, und ein Outlet-Center soll Tagestouristen in die Stadt locken, genauso wie die „Löwenpfade“ Wanderfreudige. Geislingens neuer Oberbürgermeister Ignazio Ceffalia soll bei der Einbringung des Haushalts diesen Februar gesagt haben: „Die Herausforderungen sind groß, aber wir sind größer.“
Emily Maichle meint: „Ich sehe jeden Tag, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“ Und bei ihr stimmt dieser etwas ausgeleierte Satz. Am Sarg hört sie oft: „Wir wollten doch noch.“ Oder: „Wir wären in drei Wochen in Urlaub gefahren.“ Die Bestatterin erklärt, sie versuche, weniger schlechte Laune zu haben und nicht so oft zu motzen. Und sie regt sich furchtbar auf, wenn jemand angetrunken Auto fährt. Zu ihren Freunden sagt sie dann: „Weißt du, wie viele ich schon vom Baum gekratzt habe?“ Was, wenn jeder Tag der letzte sein könnte? So ist es doch. Nur die Leute von der Feuerwehr verstünden das auch.