Jürgen Nuding betreibt in Vaihingen eine Schreinerei samt Küchenstudio. Seit Corona boomt das Geschäft – so sehr, dass Kunden teils lang warten müssen. Es fehlen unter anderem Geräte. Foto: Caroline Holowiecki

Wer viel zu Hause ist, dem fällt eher auf, dass die Tapete vergilbt ist oder der Herd zu klein. In der Pandemie haben viele Handwerker daher volle Auftragsbücher. Der Effekt für den Kunden: Wartezeiten. Auch, weil es Lieferengpässe gibt.

Filder - Jürgen Nuding wirkt etwas abgekämpft. Eigentlich sollte er jubilieren, denn er ist ein gefragter Mann. Der 50-Jährige betreibt in Stuttgart-Vaihingen eine Schreinerei plus Küchenstudio, und beides brummt, „schon vorher, aber jetzt extrem“. Das freut den Schreinermeister, aber es bringt auch Schwierigkeiten. Kunden müssen sich auf Wartezeiten einstellen. „Bei Küchen habe ich unter zwölf bis 14 Wochen keine Chance“, sagt Jürgen Nuding. Grund: Lieferengpässe. Es fehlt an Küchengeräten, an Holz, an Beschlägen, an fast allem. Termine könne er allenfalls jonglieren.

So wie Jürgen Nuding geht es aktuell etlichen Handwerkern. Seit Corona investieren viele Kunden ins Eigenheim. Motto: Wenn ich schon daheim hocke, will ich es hübsch haben. Durch gestrichene Reisen hat mancher Geld übrig, und durchs Homeoffice kann man Handwerker leicht hineinlassen. „Termine machen war noch nie so einfach“, sagt Jürgen Nuding. Gerd Kistenfeger, der Sprecher der Handwerkskammer Region Stuttgart, bestätigt, dass die Auftragslage in den Gewerken rund ums Haus gut ist. Der jüngste Konjunkturbericht zeige den Trend an. Die Zinsen sind niedrig, „da führt eins zum anderen, mit dem Ziel, ein schöneres, behaglicheres Wohnen zu haben“.

Die Leute merken, dass sie daheim nicht gut ausgestattet sind

Restaurants und Kantinen sind zu, das macht neue Küchen begehrt. Der Gerätehersteller Miele vermeldet für 2020 ein Umsatzplus von 6,5 Prozent. Auch die Firma Grob in Steinenbronn hat Zulauf. Seit mehr als 100 Jahren und in der vierten Generation werden hier Küchen nach Maß verkauft, und 2020 mussten tatsächlich mehr Anfragen bearbeitet und Angebote geschrieben werden, bestätigt Britta Grob. „Die Leute sind mehr daheim und merken, dass sie nicht so gut ausgestattet sind“, sagt sie. Reparaturen würden vermehrt angegangen, individuelle Umbauten und hochwertige Geräte seien gefragt. Allerdings: Es braucht auch Flexibilität. Muster etwa können Kunden nur nach Vereinbarung besichtigen. Laut Christian Grob läuft viel über Videokonferenzen. Das habe auch Vorteile. „Der Kunde kann kurz nachmessen gehen. Es ist eigentlich ganz cool.“

Auch Raumausstatter sind rege gebucht. Ein neuer Boden, moderne Gardinen, ein frischer Look für die Wände: Benjamin Brill aus Plieningen arbeitet aktuell sieben Tage die Woche, wie er sagt. Durch Corona seien ihm zwar Firmenkunden flöten gegangen, im Privatbereich wiederum sei die Nachfrage sehr gestiegen, Impfzentren habe er ebenso ausgestattet. Alles in allem spricht er für 2020 von einem Umsatzplus von 35 Prozent. „Ich habe mehr Anfragen als davor“, sagt er. Ähnlich gut zu tun haben die Branchenkollegen der Degerlocher Friz, „das ging schon den ganzen Winter durch“, sagt Susanne Munz. Aufgeschobene Investitionen würden jetzt getätigt. Sie sieht eine Kausalität zwischen Homeoffice und Auftragslage. Sprich: Wer im Gästezimmer arbeitet, bemerkt, dass dort ein Rollo fehlt.

Der Boom gehe so weit, dass sie Interessenten bei großen Renovierungen aktuell bis Juni vertrösten müsse, sagt sie. Susanne Munz freut sich, dass viele Menschen das Handwerk wiederentdecken. Allerdings komme das achtköpfige Team auch an seine Grenzen. Lieferungen der Hersteller dauerten zudem lang, es kämen viele Falschlieferungen, „die sind ebenfalls überlastet“.

Der letzte Schritt werde oft nicht gegangen

Mancher bemerkt aber auch Zurückhaltung. Bei Stitz in Heumaden, einem Maler- und Raumausstatterbetrieb, ist Luft nach oben. „Die Leute befassen sich mit dem Thema, Prospekte werden mitgenommen“, sagt Sandra Stitz-Epple, der letzte Schritt werde aktuell aber oft nicht gegangen. Sie glaubt, dass mancher zaudert, jemanden ins Haus zu lassen, „das Eigenheim wird als sichere Burg angesehen“. Stitz-Epple setzt darauf, dass im Frühling mehr Menschen Lust auf Neues bekommen und Handwerker ins Haus lassen. Bei der Arbeit würden Hygieneregeln eingehalten, Termine könnten jederzeit vereinbart werden, „da sind wir sehr flexibel“.

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