„Uns fehlen ganz viele Azubi und die Betriebe suchen händeringend“, sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Göppingen. Foto: dpa

Die Handwerksbetriebe im Kreis Göppingen haben immer größere Schwierigkeiten, Auszubildende zu bekommen. Das gefährdet auch den Kampf gegen den Klimawandel. Örtliche Vertreter des Handwerks fordern ein Umdenken bei Schulabgängern und deren Eltern.

Der Start des Ausbildungsjahres wird im Kreis Göppingen von einem generellen Problem getrübt. Die Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber auf einen Ausbildungsplatz sind rückläufig. Und das, obwohl in etlichen Branchen ein eklatanter Fachkräftemangel herrscht und deshalb umso mehr Azubi gesucht werden. Das berichten die Regionalverbände von Handwerkskammer, IHK und dem Berufsschullehrerverband in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Sie äußern die Sorge, dass der Fachkräftemangel immer mehr zu einem volkswirtschaftlichen Problem wird.

 

Fachkräftemangel behindert Energiewende

Hans-Georg Ehekircher, ehemaliger Obermeister der Innung Sanitär-Heizung-Klempnerei Göppingen, teilt die Bedenken. Dabei sei unter anderem seine Branche maßgebend dafür, dass die Energiewende und damit der Kampf gegen den Klimawandel gelingt, sagt der Handwerksmeister aus Geislingen. „Der Nachwuchsmangel ist so enorm, wir wissen nicht, wie wir die Anforderungen der Politik umsetzen sollen“, sagt er. Weil es in der Branche zu wenig Fachkräfte gebe, müssten Kunden zum Beispiel auf eine neue Wärmepumpe mehr als ein halbes Jahr warten. Das Ziel der Bundesregierung sei es gewesen, bis zum Ende des Jahres 500 000 Wärmepumpen einzubauen. Laut Ehekircher erreiche man am Ende wohl nicht einmal 200 000 Stück.

Der Handwerksmeister ruft Berufsanfänger auf, in Handwerksberufe zu gehen, um an der Energiewende mitzuwirken. „Die jungen Menschen gehen lieber auf Demos für Klimaschutz, anstatt Berufe zu ergreifen, in denen man durch Handanlegen etwas für Klimaschutz tun kann“, bemängelt Ehekircher.

Auch Alexander Gonzalez, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Göppingen, ist alarmiert. „Uns fehlen ganz viele Azubi und die Betriebe suchen händeringend“, sagt er. „Derzeit spitzt sich die Lage des Fachkräftemangels immer mehr zu.“ Ein akutes Problem dabei: Dem Handwerk fehlten viele Schulabgänger der vergangenen zwei Jahrgänge. „Sie sind weg. Keiner weiß, wo sie hin sind“, stellt er fest. Warum sich generell zu wenig Schüler für einen Ausbildungsberuf bewerben? Geld allein könne kaum ein Grund dafür sein, so Gonzalez. Einen Anteil daran hätten die Eltern als große Meinungsmacher, die häufig ein falsches Bild vom Handwerk vermittelten.

Ausbildung statt Studium

Man müsse schon viel früher damit anfangen, junge Menschen auf Handwerksberufe aufmerksam zu machen, so Alexander Gonzalez. Deshalb gehe man nun außer den üblichen Angeboten für angehende Berufseinsteiger bereits in Kindergärten, um die Kleinen zu motivieren. Handwerkskammer, IHK und der Berufsschullehrerverband fordern Gymnasien dazu auf, Schülerinnen und Schüler auch auf Ausbildungsberufe vorzubereiten und nicht nur fürs Studium. Außer der Klima- und Energiewende brauche es auch eine Bildungswende. „Fachkräftesicherung und wirtschaftliche Transformation werden nur mit mehr beruflicher Bildung gelingen“, heißt es in der Pressemitteilung.

Zumindest im Technischen Gymnasium Göppingen würden die Schülerinnen und Schüler auf Berufsausbildungen vorbereitet, berichtet der Schulleiter Jürgen Wittlinger. Es gebe an seiner Schule immer wieder Abiturienten, die sich für eine Ausbildung statt für ein Studium entscheiden. Nach der Haupt- und Realschule habe es allerdings jüngst bei Corona nochmals einen verstärkten Trend gegeben, keine Ausbildung anzufangen, sondern weiter auf die Schule zu gehen. Ilse Messerschmid, Schulleiterin der Gewerblichen Schule Geislingen, kennt das Problem, dass die Azubi während Corona weniger geworden sind.

Wie sind die neusten Zahlen?

Trendwende
 Die neuesten Zahlen könnten ein erstes Anzeichen dafür gedeutet werden, dass sich zumindest die kurzfristigen negativen Effekte von Corona wieder ausbügeln lassen

Plus
Gewerbliche Schule in Geislingen: Dort gebe es bei den Friseuren 73 Prozent mehr neue Schülerinnen und Schüler, bei Schreinern verbucht sie ein Plus von zwölf Prozent und bei Sanitär/Heizung/Klima ein Plus von 20 Prozent.

Minus
 Das Sorgenkind ist momentan allerdings der Bau. Dort haben in Geislingen 25 Prozent Azubi weniger angefangen als noch im Jahr 2021.