Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin arbeitet noch immer so wie vor 250 Jahren – und ist doch modern. Es braucht 29 Arbeitsschritte, bis ein Stück fertig ist.
Berlin - Paul Rusch ist professioneller Blaumacher. In der Produktionshalle bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur, kurz KPM, in Berlin-Charlottenburg steht der 19-Jährige mit Gummihandschuhen an einem Bottich und taucht alles hinein, was gerade aus dem Brennofen kommt. Teller, Tassen, Vasen kommen ins große Tintenfass. Dann betrachtet er jedes Teil genau: „Durch die Farbe werden mögliche Fehler oder Risse sichtbar“, erklärt er. Wenn Paul Rusch zufrieden ist, wandert das halb fertige Stück auf einen Regalwagen und rollt weiter zur Glasur. Auch die wird eingebrannt, dabei verschwindet die Farbe, und das Geschirr ist wieder strahlend weiß.
Firmengründer König Friedrich II. war selbst sein bester Kunde
Porzellanherstellung ist aufwendig und teuer. Jedenfalls bei der hohen Qualität, die Betriebe wie die KPM produzieren. Wer im 18. Jahrhundert als europäischer Regent etwas auf sich hielt, ließ in Palastnähe zerbrechliche Schätze produzieren. 1710 gründete August der Starke die Meissener Manufaktur, der bayerische Kurfürst Max III. Joseph rief 1747 in München die Marke Nymphenburg ins Leben. 1758 eröffnete Herzog Carl Eugen von Württemberg die Ludwigsburger Porzellanmanufaktur, und König Friedrich II. von Preußen kaufte 1763 eine bestehende Werkstatt an der Spree auf und ließ sie zum Hoflieferanten ausbauen. Einige Marken gibt es noch immer.
Der „Alte Fritz“ war selbst sein bester Kunde: Für seine Schlösser in Berlin und Potsdam bestellte er 21 Tafelservice mit je 36 Gedecken. Im Laufe der Geschichte waren sieben Kaiser und Könige Besitzer des Unternehmens. 1918 nach dem Ende der Monarchie wurde die Firma staatlich, heute befindet sie sich in Privatbesitz.
Hier ist wirklich alles noch handgemacht
Die KPM ist der älteste noch existierende Handwerksbetrieb in Berlin. Seit 1871 gibt es den Standort am Tiergarten, zuvor lag der Sitz am Potsdamer Platz, musste aber dem Preußischen Landtag weichen. Die Porzellanproduktion überstand Kriege und Krisen. Dank des Berliner Bankiers Jörg Woltmann, der die Firma 2006 kaufte und seither als alleiniger Gesellschafter führt, wird nach wie vor im Herzen der Hauptstadt produziert. Woltmann investiert sogar und hat im Herbst 2019 nebenan ein Hotel eröffnet. Natürlich wird dort nur von feinstem Geschirr aus eigener Herstellung gegessen.
Die KPM ist eine Manufaktur, in der wirklich im Wortsinn mit der Hand gearbeitet wird, so wie seit über 250 Jahren und fast ohne automatisierte Fertigungsprozesse. Für eine weiße Porzellantasse braucht es 29 Arbeitsschritte, die in 14 Arbeitstagen von 25 verschiedenen Manufakturisten ausgeführt werden. Zehnmal wird die Qualität kontrolliert. Erst dann darf das Gefäß das KPM-Markenzeichen tragen: ein kobaltblaues Zepter.
Das Rezept für das weiße Gold ist geheim
Porzellan besteht aus der weißen Tonerde Kaolin, gemischt mit den Mineralien Feldspat und Quarz. Die genaue Zusammensetzung hält die KPM geheim. Nur so viel wird verraten: Die drei pulverartigen Stoffe rührt man in der hauseigenen Schlämmerei mit gefiltertem Berliner Leitungswasser an. So entsteht eine Masse, die muffig riecht wie ein Gewölbekeller und wie Kuchenteig ruhen muss, bis man sie weiterverarbeiten kann.
Porzellan formt man nicht wie Ton, es wird in handgemachte Formen gegossen. Nach einer Trockenphase ist das Material zunächst hart wie Leder. Jetzt schlägt die Stunde der Garnierer. „Beim Garnieren werden einzeln gegossene Teile zusammengesetzt, zum Beispiel Henkel und Tasse“, sagt Theresa Haala-Hirt (35), die bei KPM für das Marketing zuständig ist.
Garnierer spielen also von Berufs wegen jeden Tag Puzzle. Am aufwendigsten sind dekorative Porzellanfiguren wie die „Prinzessinnengruppe“. Die 55 Zentimeter große Nachbildung einer lebensgroßen Marmorskulptur des Bildhauers Johann Gottfried Schadow aus dem Jahr 1795 besteht aus 88 Einzelteilen. Sie zeigt die preußische Kronprinzessin Luise mit ihrer Schwester Friederike. Das Original steht in der Alten Nationalgalerie Berlin. Das Mini-Doppelstandbild entstand bereits kurz nach Schadows Kunstwerk und wird bis heute produziert. Man kann es für stolze 22 000 Euro bestellen.
Lebenslang kann man alles nachkaufen
Die Manufaktur rühmt sich, dass nie ein Produkt aus dem Programm genommen wird. Die Kunden können ihr Leben lang alles nachkaufen. Der Verkaufsschlager ist noch immer ein Tafelservice namens „Kurland“, das 1790 entworfen und nach dem gleichnamigen Herzog benannt wurde. Dennoch gibt es inzwischen auch Modernes wie eine Linie, die von Porzellanformen aus dem Chemielabor inspiriert ist.
Auf das Garnieren folgt der erste Brennvorgang. Über 20 Stunden schmurgelt das Porzellan im Ofen, in der Spitze bei Temperaturen von 980 Grad Celsius. Dabei schrumpft das Material um 16 Prozent. Den Verlust durch das sogenannte Sintern muss man von Anfang an mit bedenken. Die Abwärme aus den Brennöfen speist KPM ins Berliner Fernwärmenetz ein und sorgt so pro Jahr für 150 000 heiße Duschen.
Nach dem Brennen wird verschönert. Das raue Material bekommt eine Glasur. Manchmal soll eine Stelle aber mit Absicht nicht glatt und glänzend werden, der Rand eines Tellers zum Beispiel oder ein Medaillon auf dem Bauch einer Teekanne. Diese Bereiche malt Heike Roßmeisl (54) mit einem Siebdrucklack an. „An den Stellen, die im Moment gelb sind, perlt die Glasur ab“, erklärt sie. So bleibt das Porzellan wie gewünscht samtig-matt. Bei allen rau belassenen Stellen hat Heike Roßmeisl den Pinsel im Spiel. Sie ist seit 35 Jahren mit Begeisterung dabei, 300 Teller dekoriert sie pro Woche.
Die Farbpigmente werden mit ätherischen Ölen angerührt
An der Optik arbeitet auch Daniel Koplin (40). Er ist für die bunte Farbe zuständig, etwa bei den auf den Tassen aus der Serie „Colors of Berlin“. Koplin sprüht die Becher mit der Airbrush-Methode an und brennt sie dann noch mal. „Die Farben sehen erst alle bräunlich aus. Im Muffelofen entwickelt sich das dann zu Lila, Rot oder Grün“, erklärt er.
Neben all den Handwerksberufen gibt es noch die künstlerische Abteilung. 20 Prozent des Geschirrs bei KPM werden bemalt. Im Atelier riecht es an diesem Tag nach Anis, manchmal liegt auch der Geruch von Lavendel in der Luft. „Die Farbpigmente werden mit ätherischen Ölen angerührt“, erklärt Anette Reimann (56). Sie gehört seit 37 Jahren zu einem Team von rund 40 Porzellanmalern. Jeder hat sein Spezialgebiet: Der eine malt Grafisches, der nächste Landschaft, der dritte Monogramme. Anette Reimann hat sich auf die Natur spezialisiert. Sie malt ein selbst entworfenes Motiv mit Bienen und Blüten auf Gefäße, die von Weitem wie Vasen aussehen. Doch Moment, das sind ja Coffee-to-go-Becher. Wenn das der Alte Fritz wüsste.
Info
Führungen
Die Manufaktur bietet verschiedene Touren an – allgemein gehalten oder zu Themenschwerpunkten, öffentlich (Preis: 9 Euro pro Person) oder privat (Preis: 72 Euro für vier Personen). In der Mitmachmanufaktur kann man Workshops für Erwachsene und für Kinder besuchen und selbst formen und gestalten. Beispiel Workshop „Henkel an Tasse“, 256 Euro für 4 Personen. www.kpm-berlin.com/manufaktur/kpm-quartier/erlebniswelt-manufaktur/besuch-der-ausstellung/
Hotel
Im September 2019 hat in direkter Nachbarschaft zur Produktion das KPM Hotel eröffnet. Das Haus ist nicht nur mit Produkten aus der Manufaktur dekoriert, man isst von hauseigenem Porzellan. Preis pro Nacht ab 150 Euro inkl. Frühstück, www.kpmhotel.de.