Allgemein bekannte Handwerksberufe haben es etwas leichter, neue Auszubildende zu finden. zum Beispiel das Frisörhandwerk. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Händeringend suchen die Betriebe in der Region nach Nachwuchs. Dadurch sinken einerseits die Qualitätsansprüche, andererseits steigt der Betreuungsbedarf für die Auszubildenden. Was können die Betriebe tun?

Aus Sicht der Arbeitgeber ist die Situation auf dem Handwerker-Ausbildungsmarkt noch nie so problematisch gewesen wie heute. Deutschlandweit sind noch jetzt, zwei Monate nach dem offiziellen Beginn des Ausbildungsjahrs am 1. September, rund 18 000 Stellen unbesetzt. Auch in der Region Stuttgart ist die Kluft zwischen Nachfrage und Stellenangebot so groß wie nie: „Auf jeden abgeschlossenen Ausbildungsvertrag im Handwerk in der Region Stuttgart kommen in diesem Jahr 1,4 Stellenangebote“, macht Jan Deike, der Geschäftsführer im Bereich Berufliche Bildung der Handwerkskammer Region Stuttgart, die Dimension deutlich.

 

Allerdings bedeutet das nicht, dass jeder Bewerber überall eine Stelle findet. Unter den rund 140 Handwerksberufen gibt es einige sehr bekannte wie Mechatroniker, Schreiner oder Friseurin, aber eben auch andere, von deren Existenz in der Öffentlichkeit seltener die Rede ist. „Die haben es besonders schwer“, beschreibt Deike das Problem und fasst zusammen: „Der Kampf um qualifizierten Nachwuchs bleibt nicht nur im Handwerk, sondern auch wegen der Angebote in der Industrie, im Handel und in den Hochschulen und Universitäten ein harter Wettbewerb.“

Die Zahl der Abbrüche ist rückläufig

Die an manchen Stellen geäußerte Vermutung, die aktuelle Situation könne junge Menschen schneller als bisher dazu verleiten, bei einer gewissen Unzufriedenheit mit der Ausbildungsstelle den Vertrag bereits nach wenigen Monaten zu kündigen und sich nach einem aus ihrer Sicht besseren Ausbildungsplatz umzusehen, lässt sich zahlenmäßig aber noch nicht belegen. „Natürlich kommt es immer wieder vor, dass Auszubildende bereits nach wenigen Wochen sich nach einem neuen Job umsehen“, sagt Jan Deike. Aber insgesamt sei die Zahl der Ausbildungsabbrüche in den vergangenen Jahren sogar eher rückläufig.

So lag die Quote der Abbrüche – gemessen an der Zahl der Neuverträge – im Jahr 2020 bei 17,9 Prozent. 2021 waren es lediglich 14,1 Prozent. Zum Vergleich: Die Abbrecherquote an den Universitäten und Hochschulen liegt bei 28 Prozent. Deike: „So gesehen stehen wir sogar recht gut da.“ Insgesamt gab es zum Jahresende 2021 in der Region Stuttgart rund 11 000 Auszubildende in den Handwerksberufen. Noch ist es zu früh für eine endgültige Bilanz: Aber Peter Friedrich, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, geht davon aus, dass nach ohnehin schwachen Ausbildungsjahren die Zahl der neuen Lehrlinge noch einmal um fünf Prozent zurückgehen wird. Zum Ausbildungsstart am 1. September hatten sich knapp 3400 junge Menschen für eine Ausbildung in einem Handwerksberuf entschieden.

Jeder Abbruch stellt Betriebe vor neue Probleme

Friedrich spricht von „Hunderten freier Stellen“ und den damit verbundenen Problemen der Ausbildungsbetriebe: „Die aktuelle Situation führt dazu, dass Unternehmen heute eher bereit sind, auch solchen jungen Menschen eine Chance zu geben, die in ihrer Persönlichkeitsreife noch nicht so weit sind, wie das eigentlich nötig wäre, um eine Ausbildung zu beginnen.“ Dadurch wachse der Bedarf an Begleitung und Betreuung der Betriebe, aber auch der Auszubildenden, die schnell an ihre Grenzen stießen. „Jeder Abbruch ist nicht nur für die Auszubildenden ein Einschnitt. Er stellt auch die Betriebe vor neue Probleme.“

Um frühzeitige Abbrüche zu vermeiden, hat die Handwerkskammer einen ganzen Baukasten an Maßnahmen und Angeboten geschaffen. Teilweise zielen sie wie Speeddatings, digitale Elterncafés oder Praktika darauf, dass die Jugendlichen und ihre Angehörigen sich so umfassend informieren können, dass sie tatsächlich den jeweils für sie geeigneten Ausbildungsplatz wählen. Teilweise kümmern sich aber auch hauptberufliche professionelle Ausbildungsbegleiter um Auszubildende, die den Anschluss zu verlieren drohen.

Vera hilft ehrenamtlich jungen Menschen

Gerade in diesem Bereich arbeitet die Handwerkskammer auch eng mit der ehrenamtlichen Initiative „Vera – Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen“ zusammen. Vor mehr als zehn Jahren hat Hans-Dieter Mechler die Stuttgarter Gruppe ins Leben gerufen. Das Ziel ist es, junge Menschen, denen die Ausbildung schwerfällt, mit Fachleuten des Senior Experten Services (SES) zusammenzubringen, die sie dann individuell betreuen. Seit der Gründung konnten die mittlerweile 300 Senioren von Vera 1400 junge Menschen vor dem Abbruch bewahren. „Unsere Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent“, sagt Hans-Dieter Mechler nicht ohne Stolz und führt das auch darauf zurück, dass die SES-Mitstreiter die jungen Menschen jenseits des Arbeitsplatzes und in ihrer Freizeit begleiten.

All diese Maßnahmen der Handwerkskammer können, sagt Deike, einen Beitrag dazu leisten, um auftretende Probleme in den Griff zu bekommen. Die wichtigste Funktion, das macht er deutlich, komme aber den Betrieben selbst zu. Manche arbeiteten dabei vorbildlich und hätten auch den Wunsch der Jugendlichen nach einer vernünftigen Work-Life-Balance im Auge, der den jungen Leuten immer wichtiger wird. Deike: „Aber leider sind sich nicht alle Betriebe im Klaren darüber, dass sie der Dreh- und Angelpunkt sind und welch wichtigen Beitrag sie selber zur Rekrutierung der Jugendlichen leisten können.“