Eine Butterbrezel, handgemacht: Was wäre das Frühstück ohne sie? Foto: /Sandy Dinkelacker/Archiv

Das Handwerk steht von vielen Seiten unter Druck. Zeit, dass die Politik mit ihren Ankündigungen ernst macht. Bisher ist nicht viel zu sehen, meint unser Redakteur.

Es tut einem in der Seele weh: Seit Rund 200 Jahren rührt die Familie Schimpf in Schönaich Teige an und backt sie in ihrem Ofen zu Brezeln, Broten, „Bobbes“ und weiteren nahrhaften Knabbereien heraus. Als einer der Vorfahren der jetzigen Bäckerfamilie den Betrieb Anfang des 19. Jahrhunderts aufnahm, regierte in Stuttgart noch König Wilhelm I., weder das Telefon, noch das Auto waren erfunden. Zwei Jahrhunderte, das ist ein Wert, der selten geworden ist in den schnelllebigen Zeiten der Discount-Lebensmittel. Und der jetzt ein weiteres Mal schwindet: Vom 3. August an bleibt der Schimpf’sche Ofen für immer aus.

 

Die Bäckerei reiht sich ein in eine lange Reihe aufgebender Kleinbetriebe im Kreis Böblingen: Die Brezelbäckerei Späth in Böblingen im Frühjahr 2023, davor schon das Café Schall im Herbst 2022. Mit jedem von ihnen stirbt ein Stück kulturelle Vielfalt. Denn handwerklich hergestellte Lebensmittel machen nicht nur satt, sie sind auch Ausdruck, ja Markenzeichen einer Region. Doch wer wird es der Familie Schimpf verdenken können? Senior-Chefin Christa Schimpf zählt 69 Lenze, ihr Mann Bernd bereits 73. Beide haben sich ihren Ruhestand mehr als verdient. Dabei schließen die meisten Bäcker nicht, weil das Geschäft nicht läuft. Die Gründe sind viel vielschichtiger.

Da wäre zuvorderst das Personal, das immer schwerer zu finden ist. Bäcker-Sein ist ein Knochenjob, den man lieben muss, um ihn machen zu können. Die Nacht endet, kurz nachdem sie angefangen hat: Bäcker müssen um 2 Uhr raus und sich in die Backstube stellen. Geschlafen wird portionsweise, was eine Belastung für den Organismus ist – und das Sozialleben. Neben dem eigentlichen Handwerk warten tagsüber dann Verwaltungsaufgaben und immer mehr lästige Bürokratie.

Brötchen-Bürokratie frisst 4251 Arbeitsstunden

Insgesamt 4251 Arbeitsstunden frisst die Brötchen-Bürokratie laut Bäckerinnung pro Jahr. Tendenz steigend. Selbst kleine Betriebe müssen sich mittlerweile durch einen Wust an Verordnungen und Papierkram kämpfen, dass einem die Lust am Wecken vergehen kann. Zwar kündigte die Politik immer wieder Bürokratieabbau und Erleichterungen für das Handwerk an. Doch passiert ist bisher: wenig bis nichts.

Das beklagte vor einem Jahr auch der damalige Kreishandwerksmeister Wolfgang Gastel, als einer seiner Berufskollegen mit einer aufsehenerregenden Aktion von sich reden machte: „Den Bürokratieabbau haben wir schon seit 30 Jahren auf dem Tisch. Bisher ist es keiner Regierung gelungen, nennenswerte Fortschritte zu erzielen“, sagt er. Handwerker hätten Freude an der Arbeit, wollen raus, was tun. Aber nicht im Büro sitzen und Akten ausfüllen, die hinterher in Ordnern verschwinden. Nachvollziehbar.

Ein ähnliches Lied singen die Schreiner, die sich vom kommenden Montag an im Foyer der Kreissparkasse in Böblingen mit ihren diesjährigen Gesellenstücken präsentieren. Auch sie wünschen sich mehr Wertschätzung – und mehr Zulauf von jungen Menschen in die Ausbildung. Der goldene Boden des Handwerks, er strahlt heller denn je. Doch offenbar haben immer weniger Menschen Lust, ihn zu begehen. Schade.

Mehr Wertschätzung verdient

Dabei zeigt etwa das Beispiel der angehenden Schreinerin Leila Siewert aus Herrenberg, wie viel Leidenschaft in dem Beruf stecken kann. Mit viel Herzblut hat sie ihr Gesellenstück bearbeitet, bis es für sie perfekt war. Handwerk schafft bleibende Werte. Wie das Meisterstück ihres Urgroßvaters – ein handgefertigter Schreibtisch – der sie schon immer faszinierte und mit den Anstoß gab, den Beruf zu erlernen. In ihrem Beispiel lebt die Tradition fort. Im Falle der Bäckerei Schimpf in Schönaich wird sie bald für immer enden. Traurig.