Josef Martin in seiner Werft Foto: Uli Fricker

In der Werft von Josef Martin auf der Halbinsel Mettnau entstehen edle Holzboote für den Bodensee und anderswo.

In diesem Büro riecht es so, wie es früher in den meisten Arbeitsstätten gerochen hat. So, wie es noch riechen durfte, weil das Personal zwischen Schreibmaschine und Filterkaffeeautomat rauchen konnte, weil der Tabakgenuss noch unverdächtig und gesellschaftlich angesagt war und zudem wertvolle Kontakte stiftete, siehe Raucherecke.

 

Auch Josef Martin pafft leidenschaftlich in seinem geräumigen Studio. Seine Zigaretten stecken griffbereit in einem schwarzen Etui, einem Requisit mit Innenband, das fast schon archäologisch anmutet. In Gesprächspausen fischt er einen Stängel heraus, steckt ihn bedächtig an und freut sich am ersten Zug. Der Geruch amerikanischer Tabakblätter verbreitet sich in dem hohen Raum, es duftet überraschend gut.

Die teuerste Blüte des Freizeitbetriebs am Bodensee

Martin ist Chef des kleinen Betriebs, der auf der Halbinsel Mettnau liegt. Der 75-Jährige arbeitet dort, wo andere Urlaub machen. Seine Firma ist umgeben von Wasser, einem kleinen Hafen und Sportplätzen. Im Sommer tummeln sich dort die Hobbykapitäne, im Winter herrscht Ruhe. Die Firma ist selbst Teil des Freizeitbetriebs, gewissermaßen dessen edelste und auch teuerste Blüte.

Martins Mitarbeiter und er stellen Holzboote her, die allermeisten davon mit Segel. Zwölf bis 18 Monate benötigt die Mannschaft für jedes Unikat. In Handarbeit werden die Gefährte aufgebaut, wird das Mahagoniholz verleimt, lackiert, mit Aufbauten versehen. „Ein Segelschiff ist mehr als ein Fortbewegungsmittel“, sagt der Seebär, „es ist ein Stück Kulturgut.“ In seinem Büro-Atelier lässt sich das schon an der Ausstattung ablesen. Zierliche, detailgetreue Modelle aller seiner Schiffe verteilen sich im Raum, hängen als Halbreliefs an der Wand oder stehen unter Glashauben. Sie wirken selbst im Kleinmaßstab noch imposant. Wie Spinnennetze greifen Mast und Segel in den Himmel, um den Wind einzufangen.

Josef Martin ist mit Wasser und Schiffen aufgewachsen. Und mit dem Wind als der unberechenbaren Energiequelle, die er so häufig zitiert wie der Bäcker die Brezel. Bereits sein Vater zimmerte an diesem ruhigen Winkel des Bodensees seine Segelboote und Gundele (alemannisch für Ruderboot). Ein Luftbild im Büro zeigt, wie es damals aussah: Eine hölzerne Halle und ein Naturhafen, mehr nicht. Das war Anfang der 60er Jahre.

Der Vater starb früh, und wie selbstverständlich übernahm der Sohn die kleine Werft. Diese wuchs mit dem Wirtschaftswunder, dessen Glanz auch über den Bodensee kam. Nach Jahren der Not entdeckten die Süddeutschen den Urlaub. Menschen aus Oberschwaben, Stuttgart oder Südbaden kamen zum Schwimmen und suchten die Wirtshäuser heim. Der See entwickelte sich zum schnell erreichbaren Ziel. Wer es sich leisten konnte, legte sich ein handgefertigtes Segelboot zu – und landete schnell bei der Firma Martin. Die Aufmerksamkeit auf dem See ist damit gesichert: Der hölzerne Rumpf fällt auf unter der Masse der Kunststoffboote. Es ist wie der Unterschied zwischen Laminat und Ahornparkett.

Mit 14 Jahren also stand Josef Martin bereits in der Verantwortung. Acht Klassen Volksschule, wie das damals hieß, waren seine ganze schulische Ausbildung. Vieles habe er sich selbst beigebracht, berichtet der drahtige Mann mit Stolz. Seine Schiffe entwirft er meistens selbst. An seinem Zeichentisch arbeitet er bis heute wie ein Maschinenbauer oder Zeppelin-Ingenieur vor 100 Jahren. Transparentpapier, Tuschestift, Lineal und einige Zeichenhilfen genügen ihm.

Planung und Design am Bildschirm? Das will er sich nicht mehr antun, sagt er und zieht an der Zigarette. Er hockt gerne am Reißbrett und fabriziert feine Linien aufs Papier. Schon der Entwurf wirkt wie ein Kunstwerk. Er sieht sich als Kulturschaffender, vielleicht als ferner Nachfahre des König Odysseus, der nicht nur König und Soldat war. Zehn Jahre lang trieb sich der listige Grieche in der östlichen Ägäis herum, bis er nach Hause durfte. Zehn Jahre lang mussten er und seine Gefährten ihre Schiffe immer wieder flicken, weil der Zorn der Götter böse Winde in die Segel getrieben hatten. Zehn Jahre lang war Odysseus ein Bootsbauer, wenn auch wider Willen.

Die Wintermonate werden für Reparaturen genutzt

Josef Martins Frau Silke streift am Zeichentisch vorbei. Sie bringt bringt einen frischen Tuschestift, er begutachtet das Gerät kurz. Silke stammt aus Bremen und spricht perlendes Hochdeutsch mit deutlichem Anklang von Platt. Auch sie ist Bootsbauerin, die Radolfzeller Werft war damals ihr Lehrbetrieb und ihr späterer Mann der Ausbilder. So lernten sie sich kennen und lieben – ein Bund zwischen Mahagoni und Steuerrad. „Er hat mich ins Büro verbannt“, berichtet die Frau lachend. Sie hat das Auge auf die Rechnungen, was auch wichtig ist.

Jetzt drängt der Chef in die große Halle, eine von dreien. Es riecht nach Farbe, Holz, Leim. Die Wintermonate nutzen seine Mitarbeiter für Reparaturen und Generalüberholung. Auf hohen Gestellen lagern die Schiffe aufgebockt, umstellt von Leitern und Gerüsten. Die Arbeit hier ist hochgradig kleinteilig. Sie unterscheidet sich kaum von der Arbeitsweise vor 200 Jahren, als noch flache Lädinen über das Schwäbische Meer zogen. Bootsbau dürfte eines der vielseitigsten Handwerke sein, vergleichbar vielleicht mit dem Orgelbau. „Materialkunde ist sehr wichtig“, sagt Josef Martin, es kommen Holz, Metalle und Stoffe für die Segel zum Einsatz. Für den Antrieb muss ein Motor verbaut werden, die Elektrik muss stimmen. Und mancher Kunde wünscht sich eine komplette Kocheinheit für die Kombüse.

Wie aufwändig die Montage eines Segelschiffes ist, verdeutlichen schlichte Zahlen: Bei einem Boot mit etwa zehn Meter Länge fallen 4000 bis 4500 Arbeitsstunden an. Wenn noch Sonderwünsche eingearbeitet werden, können es auch mehr sein, etwa wenn eine Klimaanlage für die Kajüte oder Finessen für die Kombüse gewünscht werden. Das hat seinen Preis, der Kreuzer kommt dann auf rund 700 000 Euro. Ein Schiff wie ein geräumiges Haus in guter Lage.

Josef Martin referiert die Zahlen trocken. Seine Erzeugnisse bewegen sich im Luxussegment, das weiß er natürlich. Die Werft wuchs mit der Wirtschaft im Südwesten. Doch er beobachtet einen Wandel. Aktuell lebt er von Reparaturen und dem Unterstellen von Booten auf dem weitläufigen Gelände. Das Auftragsbuch für Neufahrzeuge ist leer, kein einziges Segelboot bestellt.

„Das Konsumverhalten hat sich geändert“

Früher hobelten 24 Mitarbeiter an den Schiffen, heute sind es gerade noch zehn. Der altgediente Chef führt das auf die schwache konjunkturelle Lage zurück, aber nicht nur. „Die Leute wollen es bequem haben“, vermutet er. Segeln macht Arbeit. Tuch rein, Tuch runter, Wind beobachten und vieles mehr. Und das auf einem Deck, das von Technik und Masten vollgestellt ist und keinen Platz für die Außencouch bietet. Die meisten wollten das nicht mehr, sagt Martin. Ihm als Windmensch ist diese Sonnendeck-Mentalität fremd. Er schüttelt den Kopf. Aber es ist nun mal so. Das Interesse an motorisierten Booten steigt. „Aber es ist doch langweilig, mit dem Motorboot auf unserem kleinen See zu fahren.“ Er beobachtet, dass viele auf den See schippern, ankern und den Tag an Deck wie in einem Wohnzimmer verbringen. „Das Konsumverhalten hat sich geändert.“ Nichts für ihn, den wuseligen Wassermann, der die Nase am liebsten in den Wind hält.

Solche Betrachtungen über das geänderte Freizeitverhalten sind das eine, der Betrieb das andere. Die Werft muss weiterlaufen. Also legt er ein Motorboot auf Kiel, natürlich aus Holz und mit dem Anspruch auf Einmaligkeit. Es soll eine Schönheit werden, flacher noch als die Segelboote, noch rassiger. Wenn es mal schwimmen kann, wird es wie eine polierte Mandel im Großformat am See auftauchen. Ein Blickfang, ohne Zweifel.

Das Gefährt baut er auf Vorrat, als schwimmende Visitenkarte. Er geht bewusst ins Risiko, so wie er seit 60 Jahren ins Risiko geht, um die Firma immer wieder zu vergrößern und anzupassen. Den Hafen legte er künstlich an, in Form eines Hufeisens öffnet er sich zum See. Er kaufte einen Kran auf Schienen, um die Boote herauszuheben oder im Frühjahr ins Wasser zu lassen. Und ließ zwei neue Hallen hochziehen. Als die Firma wuchs wie die Jahresringe eines Baumes, war Expansion kein Problem. „Heute dürfte ich den Hafen nicht mehr bauen“, da ist er sich sicher. Die Mettnau, die den Untersee in zwei schmale Arme gliedert, ist ein ökologisch sensibles Areal, Kurgebiet und Sitz von Naturschutzorganisationen. Da ist Vorsicht angesagt. Wo damals selbstverständlich gebaut wurde, schaut der Staat heute doppelt genau hin.

Martins Schiffe werden mit einem Spezial-Lkw in ferne Länder geschleppt

Nicht jeder Schärenkreuzer, der hier vom Stapel geht, wird den Bodensee durchpflügen. Mancher Kunde wünscht sich ein Sportgerät, das künftig am Gardasee, am Mittelmeer oder an der Nordsee schwimmt. Die Überführung der sperrigen Schiffe ist aufwändig. Mit einem Spezial-Lkw werden sie in fremde Länder geschleppt.

Josef Martin ist stolz, wenn er die Destinationen seiner Produkte aufzählt. Einen wichtigen Kundenstamm bilden die Schwaben. Auch darüber könnte er einen Abend lang schwadronieren, Schwabenwitze eingeschlossen. Einen davon erzählt er, kurzes Lachen am Tisch, dann ist es gut. Dann fällt ihm ein, dass er ein ruppiger Mensch ist und für lange Gespräche keine Zeit mehr hat. Es drängt ihn zurück an den Zeichentisch. Die Zigaretten wird er auch nicht vergessen. Auf dem Papier entwirft er, was eines Tages den Launen des Wetters und der Sonne ausgesetzt sein und der größten Kraft im Leben eines Seglers standhalten wird: dem Wind.