Hans Magnus Enzensberger an seinen Vater, der achtjährige Hermann Hesse an seinen Vetter, Kinderzeichnung von Durs Grünbein (von links im Uhrzeigersinn) Foto: DLA Marbach

Eine ABC-Ausstellung zum Mitschreiben: „Hands on“ im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zieht eine Linie von ersten krakeligen Schreibversuchen zu großen Werken.

Marbach - Die Ausstellungen, die in Marbach unter der neuen Leitung Sandra Richters entstehen, haben eine doppelte Ausrichtung. Sie gelten einerseits dem jeweiligen Thema, setzen aber zugleich ein Zeichen. Und will man dieses Zeichen richtig deuten, so soll es wohl die bösen Geister eines jeden Museums bannen, die da heißen: falsche Ehrfurcht, Schwellenangst, Langeweile. Im Fall der neuen Schau im Literaturmuseum der Moderne sind es ein kecker Handabdruck und die dazu passende Aufforderung „Hands on!“, die signalisieren, dass man hier nicht kontemplativ die Hände falten soll, sondern mitspielen darf.

 

Deshalb gehören zu den hier gezeigten Ausstellungen neuerdings Bezirke, die andernorts wohl Bällebäder oder ähnliches einnehmen würden: quietschbunte Bastel- oder Spielecken, in denen der Besucher sich selbst ausprobieren darf. Darüber lässt sich natürlich leicht spotten. Aber warum soll man manche Devisen immer nur aus vergilbtem Papier herbeizitieren und nicht auch einmal beim Wort nehmen? Und wo sonst als auf der Schillerhöhe könnte man sich der hohen Bedeutung des Spiels besser versichern, die der Genius loci ins Zentrum seiner Anthropologie gestellt hat?

So lernt man hier auf spielende Weise das Abc in allen denkbaren Ausprägungen erlesener Handschriften, mithin die basalen Voraussetzungen dessen, auf was sich der Ruhm des Deutschen Literaturarchivs gründet. Diese Ausstellung forscht, wenn man so will, den Bedingungen der eigenen Möglichkeit nach. Und wie sie das tut, trägt die Handschrift der Leiterin des Literaturmuseums, Heike Gfrereis. Denn diese kennt sich nicht nur mit Buchstaben aus, sondern verfügt über ein eigenes Ingenium, Dinge so im Raum anzuordnen, dass daraus ein neuer Sinn entsteht. Man folgt ihren kuratorischen Schriftzügen mit Gewinn, gerade auch weil sie bisweilen so augenzwinkernd und mutwillig sind wie der Gruß, den E.T.A. Hoffmanns Kater Murr auf einem Blatt hinterlassen hat.

Auslauf für die inneren Schweinchen

In einer Dunkelkammer kann man allein mit den Bewegungen seiner Arme flammende Schriften an die Wand zaubern, die die projizierten Signaturen der Hausgötter Kafka und Hesse menetekelartig überschreiben, wobei sich neueste Computertechnik und grafische Elementarerfahrung gewissermaßen die Hände reichen. An anderer Stelle ist man aufgerufen, mit verschlossenen Augen Schweinchen zu malen, und bewegt sich auch hier auf bedeutenden Spuren. Denn eines der ausgestellten molluskenhaften Wesen stammt von Thomas Mann. In seinem „Zauberberg“-Roman verschaffen die Sanatoriumsbewohner an Fasching ihrem inneren Schweinchen auf diese Weise Auslauf.

Grapheme geben Auskunft darüber, wie es um unser Inneres bestellt ist, weshalb Handschriftliches im intimen Austausch eine besondere Rolle spielt. Gottfried Benn etwa soll an ein und demselbem Tag immer wieder den gleichen Brief an unterschiedliche Geliebte geschrieben haben, um sie seiner Liebe zu versichern.

Am Anfang war die Schrift. Und es kann ganz schön dauern, bis man sie beherrscht. Aber es lohnt sich. „Liber-Fata-Gom-Balt“ ist in entschiedenen Großbuchstaben auf einem Blatt zu lesen, dass dem abwesenden Vater mit einer Zeichnung auch gleich das Mittel seiner baldigen Rückkehr nahelegt: die „ilegterrische Aisenban“. Es stammt von dem jungen Hans Magnus Enzensberger, aus dem später nicht nur ein großer Dichter geworden ist, sondern auch der Ideengeber zu dieser Ausstellung. Ihm zu Ehren hat man sie nun anlässlich seines bevorstehenden neunzigsten Geburtstags im November realisiert.

Im Spiegel der Handschrift lässt sich nicht nur die Entwicklung von der komplizierten Koordinierung von Körperbewegungen mit Schreibgeräten aller Art bis hin zu den pauschalen Wischbewegungen auf digitalen Wunderblöcken erzählen. „Unser Schreibzeug arbeitet an unseren Gedanken mit“, hat Friedrich Nietzsche notiert. Und die gegenwärtige pädagogische Debatte um das Für oder Wider der Handschrift befeuert nicht zuletzt die Sorge, ob mit dem Immer-flacher-Werden der Endgeräte, die heute dabei sind, die Alphabetisierung zu kapern, nicht auch womöglich eine Verflachung der Gedanken einhergeht.

Alles muss zusammenhängen

„Hands on“ zieht eine Linie von ersten krakeligen Schreibversuchen zu großen Werken. Oder besser einen roten Faden, denn die Schau führt mitten durch die Dauerausstellungen des Hauses. Dort kann man im Erdkundeheft des 13-jährigen Erich Kästner den abenteuerlustigen Stimulus entdecken, der sich später in der auf 72 Blättern notierten Geschichte von „Emil und den Detektiven“ auslebt. Manchmal ist es auch nur ein Medienwechsel, der aus einem Schulaufsatz Literatur macht, wenn Kurt Tucholsky eine im Alter von 16 Jahren verfasste Rousseau’sche Feier des Frühlings in Berlin später auf Schreibmaschine abtippt, versehen mit einem ironischen Kommentar zu den eingefrorenen Ermahnungen seines wilhelminischen Lehrers: „dass Buchstaben, die ein Wort bilden, unbedingt miteinander zusammenhängen müssen.“

So schön, wie die sieben- und achtjährigen Kinder Thomas Manns ein Dankesbillet an den Freund ihres Vaters kalligraphieren, um sich für Bücher zu bedanken, schreibt heute niemand mehr. Andererseits: Wer hätte gedacht, dass sich das animalische Gekritzel einer Art Hirschratte des jungen Durs Grünbein später zu einer Dichtung von ebenmäßiger Klassizität verwachsen würde?

So elegisch man auf diese Ausstellung und ihren wie immer bedrohten Gegenstand auch blicken könnte, ist sie doch viel zu gewitzt, um kulturpessimistischer Ernüchterung Platz einzuräumen. Stattdessen kommt wieder einmal der von Hans Magnus Enzensberger ersonnene Landsberger Poesieautomat zu Ehren, dessen écriture automatique auf Knopfdruck Beweise überraschender Kreativität ausspuckt: „Brühwarme Erpressungen zum Frühstück. Dieser bleierne Lustgewinn“. Wer solchen Inventionen misstraut, kann sich aus den Satzbausteinen, mit denen der Apparat gefüttert wurde, seine lyrischen Orakelsprüche auch manuell zusammenlegen. Lustgewinn verspricht das allemal – „Hands on!“.