Spurensuche auf dem Altbacher Friedhof nach dem Anschlag am 9. Juni – am Donnerstag beginnt der erste Prozess. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer

Sechs Monate nach dem Angriff auf eine Trauergemeinde auf dem Friedhof Altbach beginnt am Donnerstag beim Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter. Dazu gibt es neue brisante Details.

Der Anschlag gilt als erschütternder Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzung zweier multiethnischer Gangster-Rapper-Gruppierungen in der Region Stuttgart: Am 9. Juni wurde auf dem Friedhof von Altbach (Kreis Esslingen) eine Handgranate auf eine Trauergemeinde geworfen, die großteils aus Mitgliedern einer der Cliquen bestand. An diesem Donnerstag beginnt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in Stammheim ein erster Prozess vor der 19. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts. Einem 23-Jährigen iranischer Herkunft wird versuchter Mord an mindestens 15 Menschen vorgeworfen. Derweil ist dieser Prozess nicht die einzige Aufarbeitung der Ereignisse – auch die Polizei steht beim Staatsanwalt im Fokus.

 

Seit Sommer 2022 dauert die Schüsse-Serie nun an. Die jüngsten Razzien und der Brandanschlag auf ein Burger-Restaurant am Wochenende in Nürtingen sind offenbar auch ein Zeichen dafür, dass der Handgranatenanschlag auf dem Friedhof Altbach so etwas wie ein Weckruf gewesen ist - vor allem für die Ermittlungsbehörden und ihre Zusammenarbeit. Immer mehr zeichnet sich ab, dass LKA-Präsident Andreas Stenger und Stuttgarts Polizeipräsident Markus Eisenbraun zumindest öffentlich nicht alle Karten zu dem verunglückten Observationseinsatz zivil gekleideter Ermittler in Altbach auf den Tisch gelegt haben.

Denn bald hatte sich herausgestellt, von unserer Zeitung aufgedeckt, dass die Szenerie von verdeckt operierenden Beamten der Stuttgarter Polizei beobachtet worden war – diese aber nicht eingriffen. Nun, sechs Monate später, stellt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf Anfrage fest, dass ein hierzu laufender „Prüfvorgang noch nicht abgeschlossen ist“. Tatsächlich geben die bisherigen Aussagen der Präsidenten polizeiliche Abläufe nur unzureichend wieder, wie Recherchen unserer Zeitung ergeben.

Bei der Beisetzung eines 20-Jährigen hatten sich offenbar zahlreiche Angehörige einer der Cliquen, die polizeiintern als Altkurden bezeichnete Esslinger Gruppe, auf dem Friedhof eingefunden – was offenbar einen jungen Mann von der Konkurrenz, einen iranstämmigen 23-Jährigen aus Göppingen, dazu bewegt haben soll, von außen eine Handgranate auf die Trauergemeinde zu werfen. Es gab mindestens 15 Verletzte. Der Angreifer selbst wurde von der aufgebrachten Menge überwältigt und seinerseits schwer verletzt. Fünf 19 bis 21 Jahre alte Männer sitzen deshalb vom 14. Dezember an bei der 4. Jugendkammer auf der Anklagebank.

Ein Polizist muss plötzlich um sein Leben fürchten

Polizeipräsident Eisenbraun hat sich stets gegen Vorwürfe gewehrt, dass seine Beamten die Geschehnisse sich selbst überlassen hätten. Am Rande der Sondersitzung des Innenausschusses des Landtags am 21. Juni beispielsweise, also zwölf Tage nach dem Zwischenfall, erklärte Eisenbraun, dass nur ein einziger Beamter direkt am Ort des Geschehens gewesen sei. Dieser sei von der hoch aggressiven Menge als vermeintlicher zweiter Täter identifiziert worden und habe flüchten müssen. „Er hat sich rennend entfernt, weil er um sein Leben fürchten musste“, so Eisenbraun damals, „hat aber gleichzeitig die weiteren Kräfte, auch die des Polizeipräsidiums Reutlingen, die örtlich zuständig sind, hinzugerufen und dann sich wieder in die Einsatzmaßnahmen integriert.“

Der Tatort wurde weiträumig abgesperrt. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer

Die Kurzfassung des Präsidenten übergeht dabei, dass die Reutlinger Kollegen diesen Beamten versehentlich für einen Tatverdächtigen hielten und dies nach Recherchen unserer Zeitung mindestens eine halbe Stunde nicht erkannten. Hatte es diese Kommunikation so überhaupt gegeben? Alles sei nachweisbar und dokumentiert, erklärt Timo Brenner, Sprecher der Stuttgarter Polizei, auf Anfrage: „Die telefonischen Verständigungsmaßnahmen sowohl des auf dem Friedhof eingesetzten Beamten wie auch die weitere Verständigung des Polizeipräsidiums Stuttgart an das Polizeipräsidium Reutlingen wurden schriftlich beziehungsweise digital erfasst.“ Unsere Redaktion hat die Geschehnisse vom 9. Juni zu rekonstruieren versucht.

Die dramatischen Minuten

Der Angreifer lässt sich an jenem Freitag mit einem Taxi zum Tatort chauffieren. Kurz vor zwölf läuft er zum Friedhof und wirft die Handgranate. Sie prallt vom Ast eines Baumes vor der Aussegnungshalle ab, landet auf dem Platz davor und explodiert. Mindestens 15 Menschen werden verletzt. Der Angreifer rennt zum Taxi zurück, aber er kommt nicht weit. Etwa ein Dutzend wütender, junger Männer aus der Trauergemeinde zerren ihn aus dem Fahrzeug und schlagen auf ihn ein. Der erste Notruf geht um 11.59 Uhr beim Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Reutlingen ein. Die Zentrale schickt vier Streifenwagen los. Der erste kommt um 12.07 Uhr am Einsatzort an. Das ist schnell, womöglich aber nicht schnell genug für einen, der in dieser Zeit einer aufgebrachten Menge ausgesetzt ist.

Zufällig ist noch vor der Polizei eine Rettungswagenbesatzung am Ort des Geschehens aufgetaucht. Es ist kurz nach 12 Uhr, als sich die Sanitäter um den Schwerverletzten kümmern wollen. Doch sie werden von einer wütenden Menge aufgehalten und massiv bedroht. Sie müssen sich zurückziehen. Unterwegs begegnen sie den ersten anrückenden Streifenwagen und kehren mit diesen zum Friedhof zurück. Die Beamten haben die Lage offenbar schnell unter Kontrolle. Sie ziehen ihre Dienstwaffen und halten die Menge in Schach, sodass der Verletzte in den Rettungswagen gebracht und versorgt werden kann. Wenige Minuten nach dem Eintreffen ist diese akute Lage offenbar bereinigt.

Der Beamte gilt lange als flüchtiger Mittäter

In diesem Zeitraum gibt es eine Vielzahl von Notrufen, es dürften knapp 30 sein. „Einer dieser Anrufer war ein Beamter des Polizeipräsidiums Stuttgart“, erklärt die Reutlinger Polizeisprecherin Andrea Kopp. Was er genau mitteilt, sagt sie nicht. Dass er der zweite Mann ist, der von den Zeugen als flüchtiger Mittäter bezeichnet wurde, wissen oder ahnen die Reutlinger Beamten zu dieser Zeit gleichwohl nicht. Denn sie starten eine Fahndung. Die Observationskräfte aus Stuttgart, die ihren geflüchteten Kollegen gut einen Kilometer südlich, jenseits von Bahngleisen und Neckararm, auf einem Supermarktparkplatz aufgenommen haben, tauchen erst viel später in den Protokollen auf. Da ist die akute Lage freilich schon gut eine halbe Stunde bereinigt.

Zur Erinnerung: Der Stuttgarter Beamte soll sich schon in den ersten Minuten offenbart und die Reutlinger Kollegen „hinzugerufen“ haben. Für diesen späten Zeitpunkt hat Polizeisprecherin Kopp eine Erklärung. Man habe die Fahndungsmaßnahmen „sinnvollerweise“ nicht komplett heruntergefahren, sagt sie. „Schließlich konnte eine Tatbeteiligung weiterer Personen trotz fehlender Hinweise nicht ausgeschlossen werden.“

Wie gut liefen die Fäden denn zusammen?

Der Fall Altbach dokumentiert indes einen tieferen Kern des Problems. Die Bündelung der Ermittlungen im Landeskriminalamt (LKA), mit der die Serie von Schießereien seit Sommer 2022 zwischen Stuttgart-Zuffenhausen und Eislingen (Kreis Göppingen) aufgeklärt werden soll, hat offenbar doch nicht so reibungslos funktioniert, wie sie LKA-Präsident Andreas Stenger vor Mikrofonen des Innenausschusses oder der Medien gerne darstellte. „Beim LKA laufen alle Fäden zusammen“, hatte Stenger nach seinem Rapport im Landtag am 21. Juni die Ermittlungskooperation von LKA und den betroffenen Polizeipräsidien gelobt. „Diese ist ein bewährtes Instrument der eng verzahnten Zusammenarbeit und gewährleistet abgestimmt, koordiniert und konzentriert einen hohen Ermittlungs-, Fahndungs- und Kontrolldruck“, so Stenger.

Wie gut aber hatte das LKA den Fall Altbach vorab mit den Polizeipräsidien koordiniert – wo doch beim LKA alle Fäden zusammenlaufen sollen? Angeblich hatten die Stuttgarter ihre Reutlinger Kollegen über ihre Anwesenheit in Altbach vorab informiert – so heißt es offiziell. Aber, so stellt die Reutlinger Polizeisprecherin Kopp auf Nachfrage fest: „Der genaue Einsatzort oder weitere Details waren nicht bekannt.“

Hinterher wissen es immer alle besser, sagt der Präsident

Dazu erklärt nunmehr LKA-Sprecher David Fritsch, dass der Begriff „Koordinierung“ falsch sei. Es handele sich vielmehr um eine „Kooperation“, durchgängig seit Ende Februar 2023, mit regelmäßigem Austausch und Fallkonferenzen. Bis dann die Handgranate explodierte. Hier ermittelte dann das LKA in eigenem Namen selbst. Kritik am Altbacher Einsatz weist Präsident Stenger auch sechs Monate nach den Ereignissen zurück: „Post mortem wollen es ja immer alle Kritiker besser gewusst haben.“

Der Prozess im Sondergebäude der Justizvollzugsanstalt Stammheim ist von der 19. Strafkammer des Landgerichts bis Mitte März 2024 terminiert.