Blick auf den deutsch-chinesischen Industriepark in Shenyang – in den Gebäuden ist BMW der größte deutsche Investor. Foto: Storymaker

Chinas Wirtschaftswunder geht zu Ende, die Konjunktur schwächelt, die Börsen stürzen ab – in diesem Umfeld startet Baden-Württembergs chinesische Partnerprovinz Liaoning eine Informationsoffensive zur Beruhigung und trommelt für Investoren.

Stuttgart - „China tritt in eine neue Normalität“, sagt Liang Jianquan, Generalkonsul der Volksrepublik China, und beschwichtigt: „Chinas Wirtschaft droht keine harte Landung.“ Die Mittelständler aus Baden-Württemberg, die im Stuttgarter Haus der Wirtschaft die Perspektiven und Chancen im Nordosten Chinas ausloten wollen, hören das gern. Etliche sind gekommen, ebenso etliche Chinesen, viele kennen sich, denn Liaoning und Baden-Württemberg unterhalten schon seit über 30 Jahren partnerschaftliche Beziehungen.

Die gesamtwirtschaftliche Situation sei weiterhin gut, beschwichtigt Jianquan. Allein im ersten Halbjahr 2015 ist Chinas Wirtschaft um rund sieben Prozent gewachsen – und das bezogen auf ein Wirtschaftsvolumen von mehr als zehn Billionen Dollar (etwa 8,85 Billionen Euro). Kaum ein Land ist mit China wirtschaftlich so eng verbandelt wie Deutschland. Das Reich der Mitte ist der drittwichtigste Handelspartner deutscher Firmen. Auch Baden-Württemberg profitiert – 2014 exportierte es Waren im Wert von 14 Milliarden Euro nach China, die Importe aus China betrugen rund zehn Milliarden.

Wir haben es mit einer sehr lebendigen Partnerschaft zu tun“, freut sich Hartmut Reichl, Leiter Mittelstand und internationale Märkte im baden-württembergischen Finanz- und Wirtschaftsministerium. Auch wenn angesichts der schwächeren Wachstumsraten dem chinesischen Drachen die Puste auszugehen scheint, im bilateralen Handel zwischen Baden-Württemberg und China ist davon nichts zu spüren. Im ersten Halbjahr 2015 lagen Baden-Württembergs Exporte nach China laut Reichl mit sieben Milliarden Euro etwa auf Vorjahreshöhe. Umgekehrt haben Chinas Exporte nach Baden-Württemberg sogar um elf Prozent zugelegt.

Etwa 800 Unternehmen aus Baden-Württemberg sind in China aktiv

Etwa 800 Unternehmen aus Baden-Württemberg sind in China aktiv – weit über 100 mit einer eigenen Produktion, 400 mit chinesischen Tochterfirmen. Wirtschaftszentren wie Schanghai oder Shenzhen stehen vor allem im Fokus, doch Shenyang holt mit dem Industriepark mächtig auf. Mit Abstand größter Investor ist BMW, das moderne Montagewerk ist der Kern des 48 Quadratkilometer großen Industrieparks, der zum Standort für High-End-Technologien ausgebaut werden soll. Cheng Xiaolong, Bezirksbürgermeister von Shenyang, will bei potenziellen Investoren punkten – mit guter Infrastruktur, mit Fachkräften, einem attraktiven Kostenniveau und Subventionen. Die Provinz Liaoning gilt als das „Ruhrgebiet Chinas“, weil sie traditionell von Schwerindustrie und Maschinenbau geprägt ist. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden Industriezweige um Kohle und Stahl, vergleichbar mit dem Ruhrgebiet.

Von einem verstaubten Image kann aber nicht die Rede sein, denn chinesische Marktführer wie Machine Tools, Turbinenbauer wie Blower Works oder Maschinenbauer Sany sitzen hier. Apropos Sany: Der Einstieg des chinesischen Konzerns beim Aichtaler Pumpenhersteller Putzmeister sieht Generalkonsul Jianquan als „gutes Vorbild gegenseitigen Nutzens – eine Win-win-Situation für beide Seiten“, wie er sagt. Er hofft, dass sich noch mehr chinesische Firmen in Baden-Württemberg niederlassen können. Die Bank of China, die in Frankfurt vertreten ist, will offenbar schon bald eine Filiale in Stuttgart eröffnen, wie der Generalkonsul verrät. Das dürfte die Beziehungen weiter voranbringen, sagt er. Ebenso der Industriepark, für den er gute Perspektiven sieht.

Potenzielle Investoren können mit bis zu einer Million Euro Starthilfe rechnen, mit Mietzuschüssen und bis zu 70 Prozent Nachlässen auf Grundstücke. „Wir hoffen, dass Unternehmen die Chance ergreifen, nach Shenyang zu kommen“, sagt Jianquan. Etliche Forschungsinstitute, Universitäten und Berufsschulen sind in der Provinz beheimatet. Von Deutschland sind es gerade mal zehn Stunden. Pro Woche gibt es drei Direktflüge von Frankfurt nach Shenyang.

Etwa 50 Prozent der Firmen, die sich in dem Industriepark ansiedeln, sollen aus Deutschland und der EU kommen, die anderen aus China. Firmen wie BMW, ZF, Voith oder beispielsweise BASF sind schon da, auch Mittelständler hat man im Visier.

Im Oktober werden Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsminister Nils Schmid auf ihrer Delegationsreise einen Gegenbesuch in Baden-Württembergs Partnerprovinz Liaoning abstatten. Mit einer Wirtschaftsleistung von etwa 400 Milliarden Euro liegt Liaoning unter den 31 Provinzen Chinas an siebter Stelle.

Und dann kommt Generalkonsul Jianquan auch noch auf eines seiner Lieblingsthemen: dass China eine Wirtschaftsregion entlang der alten Seidenstraße plant, ein Milliardenprojekt, von dem auch Deutschland profitieren wird. Es geht darum, einen gigantischen Wirtschaftsraum mit rund 4,4 Milliarden zu erschließen, in Südostasien, Zentralasien, Pakistan – mit dem Bau von Dämmen, Kraftwerken, Pipelines.

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