Die Königstraße ist im Wandel – die Kundenfrequenz sinkt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Experten sprechen von Dutzenden auslaufenden Mietverträgen in der Innenstadt. Der Grund: sowohl der Onlinehandel als auch die Fläche im stationären Handel legen zu. Das Budget der Kunden ist hingegen unverändert geblieben – nicht nur in Stuttgart.

Stuttgart - Die Eröffnung des japanischen Modehändlers Uniqlo an der Königstraße ist das jüngste Beispiel für die stetigen Veränderungen in der Stuttgarter Handelslandschaft. Hinter den Kulissen brodelt es, denn der Einzelhandel tut sich schwer. Besucherfrequenzen auf den großen Handelsmeilen sinken – nicht nur auf der Königstraße.

Die Kaufkraft pro Quadratmeter Handelsfläche ist kleiner geworden. Der Grund ist eine eigentlich gegenläufige Entwicklung. Onlinehändler registrieren Jahr für Jahr zweistellige Zuwachsraten. Gleichzeitig wächst jedoch die Fläche im stationären Handel – speziell in Stuttgart mit der Eröffnung von gleich zwei großen Einkaufszentren. In der Folge sind viele Händler nicht mehr bereit, die hohen Mieten etwa an der Königstraße zu bezahlen. Experten sprechen von bis zu 70 auslaufenden Mietverträgen in der Stuttgarter Innenstadt.

Nach Informationen dieser Zeitung ist Uniqlo im ehemaligen Gebäude des Herrenausstatters Eckerle (heute Stiftstraße) nur eine von zahlreichen markanten Veränderungen in der Innenstadt. Makler sprechen davon, dass die Sportarena in direkter Nachbarschaft des ehemaligen Karstadtgebäudes, in dem die irische Billigtextilkette Primark eröffnen wird, der Königstraße den Rücken kehren wird. Neuer Nutzer soll die Modekette Saks of Fifth Avenue werden. Die Eröffnung ist für den Sommer 2017 geplant.

Zudem wird die Luxusmarke Louis Vuitton von der Stiftstraße ins Dorotheen-Quartier ziehen. Die Fläche in der Nähe des Marktplatzes wird mutmaßlich vom Taschen- und Kofferhersteller Rimova ­belegt werden. Zudem soll der Modehersteller Bogner vorhaben, seine erst vor wenigen Jahren eröffnete Filiale an der oberen ­Königstraße zu schließen. Der Standort ­stehe auf dem Prüfstand, erklärt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage. Auch der Wander- und Skibekleidungshersteller North Face soll seine Filiale an der Kronenstraße, unweit der Königstraße, schließen wollen.

Sinkende Mieten als Chance für die Stadt

Mit Blick auf die Situation der Eigentümer der Immobilien an den großen Einkaufsstraßen beschreiben Experten hinter vorgehaltener Hand die aktuelle Lage mit folgendem Satz: Die Party ist vorbei. Will heißen: die Mieten sinken. „Eine Korrektur der bisherigen Entwicklung mit ständig steigenden Mietpreisen trifft auch auf Teile der Königstraße zu“, berichtet Philipp Nothdurft, der Teamleiter für den Bereich Einzelhandel bei den Immobilienexperten von Jones Lang ­Lasalle. „Das kann auch eine Chance für die Stadt sein“, sagt der Gewerbemakler. Denn nur aufgrund bezahlbarer Mieten könnten sich ähnliche Konzepte wie das alternative Einkaufszentrum Fluxus in der Calwer Passage in der City etablieren.

Die Entwicklung der Mieten ist meist ­direkt an die Zahl der Besucher in der ­entsprechenden Stadt oder auf der entsprechenden Straße gekoppelt. „Die Passantenfrequenzen geben ­aufgrund des immer noch wachsenden ­Onlinehandels bundesweit nach“, erklärt dazu Michael Bräutigam, einer der ­Geschäftsführer der Gewerbemakler von Colliers in Stuttgart. „Unsere Frequenzmessungen belegen eine solche Entwicklung auch für Stuttgart.“ Die Königstraße ist also kein Einzelfall; bundesweit geraten zahlreiche traditionsreiche Einkaufsmeilen ­gleichermaßen unter Druck. Und selbst wenn die Menschen in der Stadt unterwegs sind, ist das nicht gleichbedeutend mit ­Umsatz für die Händler.

Die Experten sind sich einig: Das Einkaufsverhalten hat sich verändert. „Man geht zwar gern aus und trifft sich im Café oder Restaurant“, erklärt Christoph Scharf, der Geschäftsführer der BNP Paribas Real ­Estate GmbH. Das erkläre den aktuellen ­Erfolg jeglicher Gastronomie, wie etwa von Burgerketten, in den Innenstädten. In den Shops werde hingegen weniger konsumiert, „denn der Kunde bestellt im Zweifel auch nach einem Besuch in einer Filiale die Ware dann online.“

Handelsverband fordert bessere Erreichbarkeit der Stadt

Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, übt in diesem Zusammenhang ­Kritik an den Stadtplanern. „Seit 2013 stellen wir fest, dass die Frequenzen in den ­Innenstädten erheblich zurückgehen. Das betrifft fast alle Städte und Gemeinden“, sagt sie und fügt an: „Handel braucht Verkehr. In vielen Städten wird die Zufahrt, aber auch das Parken immer mehr erschwert. Das trifft auch auf Stuttgart zu.“ Als drängendste Probleme nennt Hagmann „den Feinstaubalarm in den Winterzeiten, die 40er-Zonen auf manchen Strecken, aber vor allem auch die Baustellen und die fehlende Verkehrsleit- und Parkleitführung“. Zudem sei der öffentliche Nahverkehr nicht ausreichend ausgebaut worden. Im Vergleich mit anderen Städten seien die Bemühungen der Stuttgarter Verwaltung aber „lobenswert groß“, sagt sie.

Doch warum eröffnen große Marken wie Uniqlo oder Primark angesichts dieser ­Negativentwicklung ausgerechnet in der Landeshauptstadt neue, repräsentative ­Filialen? Sabine Hagmann erklärt das so: „Stuttgart ist als Handelsdestination sehr interessant. Es ist eine wohlhabende Stadt mit wohlhabenden Bürgern, in einem ­wohlhabenden Bundesland mit hoher ­Beschäftigung.“ Allein das mache die Stadt für Investoren sehr interessant. „Die Flächenerweiterungen werden häufig von den Investoren getrieben.“

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