Sie sind Schwaben, Linksaußen, Konkurrenten im Nationalteam: Marcel Schiller (Frisch Auf Göppingen) und Patrick Zieker (TVB Stuttgart) sprechen im Doppelinterview über das Derby, ihren Beruf in Coronazeiten und die Perspektiven ihrer Clubs.
Stuttgart - Die Derbys in der Handball-Bundesliga gehören zu den Saisonhöhepunkten für Frisch Auf Göppingen und den TVB Stuttgart. An diesem Donnerstag (19 Uhr) treffen die beiden Rivalen in der EWS-Arena aufeinander. Wir haben uns mit den Linksaußen Marcel Schiller und Patrick Zieker via Videokonferenz unterhalten.
Meine Herren, schön Sie nach zwei Siegen am vergangenen Sonntag so gut gelaunt zu sehen. Welcher war denn die größere Überraschung?
Schiller: Also, die MT Melsungen liegt dem TVB Stuttgart zwar ziemlich gut. Aber ich glaube keiner konnte damit rechnen, dass der TVB dieses Spiel mit 30:28 gewinnt. Unser Gegner Rhein-Neckar Löwen war wegen der hohen Belastung etwas platt, von daher kam das 34:32 zwar etwas überraschend, war aber sicher keine Sensation.
Zieker: Das sehe ich auch so. Dass wir nach zwei wirklich ganz, ganz schlechten Spielen gegen zwei Kellerkinder solch eine Leistung abrufen, war nicht zu erwarten.
Was bedeuten diese Erfolgserlebnisse nun für das Derby?
Zieker: Relativ wenig. Die Siege nimmt jeder mit, aber auf das Derby hat das keine Auswirkungen. Völlig egal wie eine Mannschaft davor auftritt, in so einem Derby werden die Karten komplett neu gemischt.
Schiller: Ehrlich gesagt kann ich das Wort Derby gar nicht hören, weil in diesen Zeiten nullkommanull Derbyfeeling aufkommt. Gegen die Löwen habe ich beim Stand von 31:30 kurz gedacht: Mannomann, wenn bei diesem Megaspektakel Zuschauer da wären, würde jetzt das Dach wegfliegen.
„Es fehlt dieser Extrakick“
Sie denken bei solch einem engen Spielstand an die Zuschauer?
Schiller: Ja, weil du genau weißt, was mit Fans abgehen würde. Es fehlt einfach dieser Extrakick an Adrenalin, es fehlen die letzten zehn Prozent, was die Emotionen, die Geilheit angeht.
Zieker: Ich bin da voll bei Marcel. Es heißt ja oft, man befinde sich während des Spiels in einem Tunnel. Nein, man bekommt es mit, wenn die Halle kocht oder man sie zum Schweigen bringt. Von daher ist es derzeit ein völlig anderes Spiel, es ist gefühlt mehr Arbeit.
Mehr Arbeit?
Zieker: Ja, man erledigt einfach seinen Job. Die letzten Prozente an Feuer sind alleine aus der Mannschaft heraus, nur schwer zu entfachen.
Schiller: In einer ruhigen Halle denkst du auch viel mehr über Fehler nach, und du musst für jede einzelne Aktion mehr kämpfen. In einer vollen Arena reicht oft eine gute Aktion und du fliegst förmlich, weil die Zuschauer dich tragen.
„Froh über Kampfschweine“
Werden da Mentalitätsmonster im Team noch wichtiger?
Schiller: Auf jeden Fall. Wir sind heilfroh, mit Kresimir Kozina und Jacob Bagersted zwei richtige Kampfschweine im Team zu haben. Wobei auch ich mich als emotionaler Leader noch mehr einbringen will.
Fehlt es in diesem Bereich etwas beim TVB, zumal Kapitän Johannes Bitter den Club am Saisonende verlässt.
Zieker: Es wird uns nachgesagt, dass wir etwas zu ruhig sind. Und in der Tat können wir in Sachen Emotionalität auf jeden Fall zulegen. Das ist derzeit besonders wichtig, weil du durch eine geile Aktion eben nicht die Halle zum Ausrasten bringst.
Tritt in Sachen Geisterspiele ein Gewöhnungseffekt ein?
Zieker: Ja, auch wenn es keine schöne Gewohnheit ist, eine gewisse Routine kehrt ein.
Schiller: Es ist schon enorm schwierig unter den aktuellen Rahmenbedingungen Emotionen und Energie einzubringen, wenn du in einer Woche mehrere Spiele hast. Dann bist du irgendwann leer. Wenn du zudem noch in eine menschenleere Halle kommst, ist das ein Kampf, dann musst du dich zwingen, Handball zu spielen.
„Jede Aktion gefeiert“
War das bei der WM anders?
Schiller: Du spielst für eine andere Mannschaft, gegen andere Gegner. Das ist der Unterschied zum Bundesligaalltag. Wir wollten grundsätzlich von Anfang an laut sein, pushen, eine gute Stimmung von der Bank aus haben. Wir haben jede Aktion gefeiert, um nicht in einen Trott zu fallen wie in einem Trainingsspiel.
Herr Zieker, wie sehr waren Sie enttäuscht, dass Marcel und nicht Sie bei der WM in Ägypten dabei waren?
Zieker: Im Sport gehört Konkurrenz dazu. Es ist keine neue Situation, dass wir gerade auf der Linksaußen-Position Spieler auf ähnlich gutem Niveau haben. Da entscheiden Kleinigkeiten. Vergangenes Jahr hatte Marcel daran zu knabbern, dass er bei der EM nicht dabei war, diesmal traf es mich. Da bin ich Sportsmann genug, um das zu akzeptieren. Man spielt solche Turniere immer gern, aber es bricht für mich keine Welt zusammen, wenn andere besser sind. Aber natürlich werde ich weiter hart an mir arbeiten. Wenn die Leistung passt, wirst du dafür auch belohnt.
„Konkurrenz ist riesig“
Und Sie haben nach Ihrer starken WM Lust auf mehr bekommen, Herr Schiller?
Schiller: Ich habe immer Lust, Handball ist meine große Leidenschaft und solche Turniere sind absolute Highlights. Das ist das Schönste was es gibt. Wie Patrick sagt, die Konkurrenz ist riesig, wir puschen uns gnadenlos gegenseitig und werden dadurch besser. Vielleicht sind wir beide irgendwann mal das Duo in der Nationalmannschaft. Mich würde es sehr freuen.
Vom 12. bis zum 14. März steht die Olympia-Qualifikation an. Wie schwer wird’s?
Schiller: Extrem schwer. Schweden ist Vizeweltmeister, Slowenien auch sehr stark, Algerien haut richtig dazwischen. Dazu haben wir nur vier Tage Vorbereitung und wir wissen nicht, welche Spieler zurückkommen. Da kommt eine richtig knifflige Aufgabe auf den Bundestrainer zu. Er muss nach der starken Leistung von Johannes Golla bei der WM zum Beispiel entscheiden, wer am Kreis spielt.
Zieker: Es werden Nuancen entscheiden. Aber ich bin sicher, dass Deutschland das Ticket löst.
Was halten Sie von der Zielvorgabe Olympia-Gold?
Schiller: Ich finde es schwierig, wenn man bei der WM nicht ins Viertelfinale kommt, von Gold zu reden.
„Gensheimer ist hoch anerkannt“
Uwe Gensheimer spielt auf Ihrer Position und stand bei der WM in der Kritik. Sollte ein Kapitän nicht in zentralerer Rolle auf dem Feld stehen?
Schiller: Uwe ist ein Riesenaushängeschild und hat so viel erreicht. Er hat auch Führungsqualitäten, wenn er nicht auf einer Schlüsselposition im Rückraum spielt. Er ist in der Mannschaft hoch anerkannt und geht auch als Linksaußen voran.
Zieker: Ich finde es egal, auf welcher Position der Kapitän spielt. Entscheidend ist doch, was er um die Mannschaft herum leistet. So etwas geschieht oft auch im Hintergrund.
Sie beide sind Schwaben, doch nur Sie, Herr Zieker, haben als Profi die Heimat mal verlassen. Alles richtig gemacht bisher?
Zieker: Meine sieben Jahre beim TBV Lemgo waren eine absolut wertvolle Erfahrung, da bin ich erwachsen geworden. 2019 fand ich dann das Angebot aus Stuttgart, nahe der Heimat, sehr reizvoll und spannend. Also ein klares Ja.
Schiller: Ich bin grundsätzlich offen für Neues, aber ich sehe auch die Entwicklung in Göppingen unter Trainer Hartmut Mayerhoffer. Auch im Umfeld tut sich sehr viel. Mit Familie und zwei kleinen Kindern muss es sich auch lohnen, woanders hinzugehen. Aber klar will ich irgendwann auch Champions League spielen. Das ist ein persönliches Ziel von mir.
Zieker: Bei mir steht eher mal ein Titel in Deutschland ganz oben auf der Liste. Das wäre ein Traum.
„Entwicklung beim TVB noch lange nicht zu Ende“
Wie realistisch sind solche Träume?
Zieker: (lacht) Dieses oder nächstes Jahr wird das wahrscheinlich noch nichts mit dem TVB. Aber man muss auch sehen, wo der Verein herkommt und wo er jetzt steht. Das muss erst einmal jemand nachmachen. Ein Prozess kann auch mal stagnieren, aber für mich steht fest, dass die Entwicklung in Stuttgart noch lange nicht zu Ende ist, und ich kann auch noch ein paar Jahre Handball spielen.
Am Saisonende verliert der TVB in Johannes Bitter aber seinen wichtigsten Mann.
Zieker: Er ist nicht eins zu eins zu ersetzen. Jogi ist nicht nur ein Weltklasse-Torhüter, er bringt auch diese Führungsqualitäten mit, die wir vorher angesprochen haben. Aber dass der Schritt irgendwann kommt, war klar. Jeder von muss uns muss eine Schippe draufpacken, dann wird es uns gelingen, den Verlust auszugleichen.
„Frisch Auf ist uns kleinen Schritt voraus“
Wer hat die bessere Perspektive: Der Traditionslclub Frisch Auf oder der TVB mit der Großstadt Stuttgart im Rücken?
Schiller: Schwer zu sagen. Vor ein paar Jahren dachte ich, Platzhirsch Frisch Auf muss aufpassen, dass der Emporkömmling TVB nicht vorbeizieht. Inzwischen haben wir in Göppingen mit Teamviewer endlich einen Hauptsponsor, der gemeinsam mit dem Verein viel bewegen will und der international vertreten sein will.
Zieker: Da auch unsere Hauptsponsoren langfristig verlängert haben, glaube ich, dass beide Vereine für die Zukunft sehr gut aufgestellt sind, was in der aktuellen Situation schon etwas heißen will. Frisch Auf ist uns aktuell noch einen kleinen Schritt voraus.
Durch den neuen Hauptsponsor läuft Frisch Auf nun mit viel TVB-Farbe Blau auf den Trikot auf. Haben Sie sich darüber gewundert?
Zieker: Das war sicher sehr überraschend. Abgesehen von unserer Farbe kennt man Frisch Auf eben nur in Grün, das ist einfach so. Aber das Blau steht Dir gut, Marcel. Vielleicht kommen wir am Donnerstag in Grün-Weiß in die EWS-Arena (lacht).
„Freue mich auf Roi Sanchez“
In der neuen Saison bekommen Sie genauso wie Ihr Ex-Cub SG BBM Bietigheim einen neuen, spanischen Trainer. Ein Trend?
Zieker: Eher Zufall. Von dem Transfer von Iker Romero nach Bietigheim war ich schon etwas überrascht, weil davor wenig durchgesickert war. Ich freue mich bei uns auf Roi Sanchez, obwohl ich ihn nicht persönlich kenne. Neuer Input, neue Ideen werden uns bestimmt weiterbringen.
Schiller: Ich habe von meinem Nationalmannschaftskollegen Timo Kastening aus der Zeit in Hannover nur gute Dinge über Roi gehört. Jürgen Schweikardt macht einen richtig guten Job. Da beim TVB aber die ganze Familie Schweikardt im Verein verwurzelt ist, glaube ich, dass es dem Club gut tut, einen Trainer von außen zu bekommen. Das wird den TVB nach vorne bringen. Da kann auch Patrick noch was lernen, da die spanische Schule gerade für die Außen und die Abwehrspieler ganz besondere Impulse bringt.
Zum Schluss bitte ein Ergebnistipp fürs Derby.
Zieker: Wir gewinnen 29:27.
Schiller: Wir holen den nächsten Derbysieg – 28:25.
Zur Person
Marcel Schiller
Geboren am 15. August 1991 in Dettingen/Erms.
In der A-Jugend gewinnt er mit dem TV Neuhausen/Erms die deutsche A-Jugendmeisterschaft im Finale gegen den TV Kirchzell (damals mit Nationalmannschaftskeeper Andreas Wolff). Mit dem TVN steigt Schiller 2012 in die Bundesliga auf. Seit 2013 trägt der Linksaußen den Dress von Frisch Auf Göppingen. 2016 und 2017 gewinnt Schiller mit dem Traditionsclub den EHF-Pokal. Er hat seinen Vertrag bis 2023 verlängert.
Der Rechtshänder hat bisher zwölf Länderspiele absolviert und dabei 51 Tore erzielt.
Schiller ist verheiratet mit Doro. Das Paar hat die Söhne Leo (2) und Max (2 Monate). Der gelernte Physiotherapeut ist ein großer Basketball-Fan. Sein Lieblingsclub in der NBA sind die Golden State Warriors.
Patrick Zieker
Geboren am 13. Dezember 1993 in Ludwigsburg.
Der Linksaußen spielte in der Jugend für die HG Steinheim-Kleinbottwar und die SG BBM Bietigheim. 2012 wechselte er zum TBV Lemgo, ehe es ihn 2019 zum TVB Stuttgart zog. Dort hat er Vertrag bis 2023.
Zieker ist verheiratet und hat die Söhne Theo (2) und Matti (2 Monate). Seine Hobbys sind Hunde und Kochen.
Er hat 13 Ländespiele absolviert und dabei 21 Tore erzielt.
Bildergalerie
Wir haben Fotos von Spielern zusammengestellt, die schon für beide Vereine gespielt haben. Viel Spaß beim Durchklicken unserer Bildergalerie!