Sebastian Heymann von Frisch Auf Göppingen kämpft um sein Olympia-Ticket. Foto: imago

Vor den sportlich unbedeutenden EM-Qualifikationsspielen der deutschen Handballer stellen sich zwei Fragen: Welche Erkenntnisse bringen sie mit Blick auf das Olympia-Aufgebot, und kommen alle Spieler wieder gesund zurück?

Stuttgart - Bosnien-Herzegowina und Estland – da war doch was. In den Hinspielen um die EM-Qualifikation im vergangenen November kamen die deutschen Handballer zwar zu zwei Siegen (25:21 und 35:23), doch haften blieben auch Coronafälle. Nach der Rückkehr aus der estnischen Hauptstadt Tallin ahnten die Spieler nichts von einer Ansteckung und reisten unbedarft teilweise in Fahrgemeinschaften in einem Auto vom Flughafen nach Hause – so zum Beispiel der infizierte Johannes Bitter vom TVB Stuttgart mit den beiden Göppingern Marcel Schiller und Sebastian Heymann. Was folgte waren Quarantäne-Anordnungen und abgesagte Bundesligabegegnungen.

 

Höchste Fürsorge

Jetzt stehen die Rückspiele an. An diesem Donnerstag (16.10 Uhr/ARD) in Bugojno/Bosnien-Herzegowina und am kommenden Sonntag (18 Uhr/Sport 1) gegen Estland in der Stuttgarter Porsche-Arena. Der Deutsche Handball-Bund (DHB) tut alles dafür, dass sich nicht erneut Spieler infizieren. Die Mannschaft reist per Chartermaschine am Donnerstag an, spielt 60 Minuten Handball und reist am gleichen Tag wieder zurück. „Wir sind in keinem Hotel, verpflegen uns selbst, lassen höchste Fürsorge walten und tun das Maximale, um die Zweifler zu beruhigen“, sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer.

Mulmiges Gefühl

Die gibt es aber zuhauf. „Natürlich haben wir alle ein mulmiges Gefühl, und die Hinspiele haben ja gezeigt, dass die Sorgen berechtigt sind“, sagt Jürgen Schweikardt, der Trainer und Geschäftsführer des TVB Stuttgart. Zwar stellt sein Verein durch die Verletzung von Torwart Bitter keinen Spieler fürs DHB-Team ab, doch Viggo Kristjansson (Island), Samuel Röthlisberger (Schweiz) und Zarko Peshevski (Nordmazedonien) sind für ihre Nationalmannschaften im Einsatz. Sie spielen in ihren Heimatländern, aber bis zum Wochenende eben auch in Israel, Litauen oder Finnland.

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„Wir respektieren diese internationalen Wettbewerbe, aber dann muss man eben auch möglicherweise mit den Konsequenzen leben“, gibt Schweikardt zu bedenken. Die Furcht, dass wieder etwas passiert, herrscht bei seinen Kollegen von den württembergischen Konkurrenten Frisch Auf Göppingen (fünf Nationalspieler sind auf Reisen) und HBW Balingen-Weilstetten (zwei Abstellungen) genauso vor wie bei so gut wie allen anderen Bundesligisten. Zumal die Reisen in Hochinzidenzgebiete wie Bosnien gehen.

Bohmann bangt

„Das Problem ist, dass das Virus nicht in allen Ländern gleich ernst genommen wird, und oftmals eine Laissez-faire-Haltung vorherrscht“, glaubt Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Nach inzwischen 41 wegen Corona abgesagten Erstligaspielen darf nicht mehr viel passieren, wenn die 38 Spieltage bis zum 27. Juni tatsächlich stattfinden sollen. Mit bangem Blick sieht er den anstehenden Europa-Trips der Bundesligaspieler entgegen. „In den ein, zwei Wochen nach ihrer Rückkehr wird sich entscheiden, ob wir die Saison ohne Abbruch über die Bühne gehen“, sagt Bohmann. Ob er sich nicht insgeheim schon mit einem vorzeitigen Ende und damit einer Wertung nach der Quotientenregel abgefunden hat? „Nein“, entgegnet der HBL-Chef, „wir werden alles dafür tun, um es zu schaffen.“

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Auf einer Videokonferenz mit den Vereinsvertretern an diesem Mittwoch sollen noch einmal die Sinne geschärft werden. Es soll noch engmaschiger getestet werden und noch stärker an die Eigenverantwortung der Spieler appelliert werden. Ob das was bringt? „Wir werden unsere Spieler sofort nach der Rückkehr abfangen, von der Mannschaft isolieren und erst nach negativen Tests wieder in den Trainingsbetrieb integrieren. Mehr können wir nicht tun“, sagt Schweikardt, der mit seinem Team am 9. Mai bei GWD Minden wieder ins Ligageschehen eingreift.

Gislasons Gerüst steht

Unabhängig von den Coronadiskussionen hofft Bundestrainer Alfred Gislason unterdessen auf ein paar Erkenntnisse aus den EM-Qualifikationsspielen, zumal es die letzten Auftritte vor den Olympischen Spielen sind. Wer sich also für Tokio aufdrängen möchte, sollte dies in dieser Woche tun. Aktuell buhlen 21 Spieler beim Lehrgang in Frankfurt noch einmal nachhaltig um die Gunst des Isländers – hinzu kommen etablierte Größen wie die derzeit verletzten Jogi Bitter und Uwe Gensheimer sowie die angeschlagen fehlenden Hendrik Pekeler und Paul Drux. „Das Gerüst steht“, sagt Gislason, im Wissen, dass es Härtefälle geben wird. „Ich werde nicht sagen, wie viele Plätze offen sind, aber ein paar sind es schon.“

Nach den EM-Qualifikationsspielen wird er schlauer sein – wie die komplette Bundesliga mit Blick auf die weitere Saison wahrscheinlich genauso.