Der Handball im Detail – eigentlich viel zu selten zu sehen. Foto: AFP

Es ist Weltmeisterschaft, das Fernsehen überträgt, die Deutschen schauen hin. Aber was fasziniert an Handball eigentlich? Unser Autor Nikolai B. Forstbauer mit einer Annäherung an einen sich selbst unterschätzenden Sport.

Stuttgart - Die Bewegung und Haltung der Beine, die Stellung der Füße – sie verraten viel über den möglichen Erfolg. Aus welcher Bewegung heraus, mit welcher Spannung kann ich eine Handlung ausüben oder die meines Gegenspielers vorwegnehmen?

Entsprechend viel und gern spricht man im Handball von „Beinarbeit“ – und gibt sich dabei doch nur zu gern mit der Bewegung an sich zufrieden. Dabei ist doch so viel mehr herauszuholen, so viel mehr lesbar.

Ein Detail? Vielleicht. Aber doch ein Teil jenes großen Ganzen, an dessen Ende der Handballsport sich ganz gut mit sich selbst arrangiert. Nicht umsonst spielt man ja in der Halle, in einem geschützten Raum. Draußen ist das andere – und da kann man zwar hin, muss es aber nicht.

Ist die Realität nicht aber eine andere? Ist nicht der Handball das Andere? Eine Sportart, deren Geschehen und Regelwerk einerseits Rätsel aufgibt, andererseits in der so unterstellten Komplexität dazu führt, dass selbst die Übertragung des Weltmeisterschaftseröffnungsspiels der Bildsprache der ständigen Totalen folgt, um ja irgendwie buchstäblich am Ball zu bleiben?

Alte Systeme werden als neue Varianten gefeiert

Wenn Handball einfach wäre, hieße er Fußball. Handballer genießen diesen Satz. Ist er aber noch richtig? Ablöse-Wahnwitz, multimediales Dauerfeuer, Star-Kult und Gewalt in vielerlei Schattierungen markiert ja nur die eine Seite des Fußballs. Ungemein gesteigerte Athletik und ein selbstverständlicher Pluralismus der Spielsysteme eine ­andere.

Und im Handball? Wird fast 40 Jahre, nachdem im Abwehrverhalten unter der ­Losung 3:2:1 das Verschieben eines Dreiecks auserkoren wurde, neue Spieldynamik zu entwickeln, in diesen ersten Weltmeisterschaftstagen ernsthaft darüber diskutiert, dass Bundestrainer Christian Prokop nun gar eine „neue Variante“ einstudiert habe.

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Man mag sich in manchen Sportarten über die Dauerpräsenz von dampfplaudernden Ex-Helden wundern. Ist es aber besser, sich bei jeder TV-Übertragung bestaunen zu ­lassen wie eine neu entdeckte Tierart? Magie entsteht so jedenfalls nicht.

Um Magie aber geht es, um den Sekundenbruchteil, in dem etwa Yannik Kohlbacher am Kreis bereits halb im Fallen den Ball nicht Richtung Tor drischt, sondern Auge und Handgelenk aus purer Athletik Ball-Kunst werden lassen. Handball ist zu schnell, um solche Feinheiten auskosten zu können? Ein zweifelhaftes Argument.

Die Präzision beeinflusst alles weitere

Um Magie geht es, wenn im Angriffsspiel mit einem Pass von höchster Geschwindigkeit das Signal zur Tempoverschärfung gegeben wird, die Präzision dieses Zuspiels ­alles weitere beeinflusst.

Im Handball glaubt man gerne, sich schweigend über Handball einig zu sein, sei schon Begeisterung genug. Ein Irrtum. Man kann gar nicht genug reden – darüber etwa, wie eine Spielerin, wie ein Spieler dem Ball ­begegnet, wie die Finger sich um den Ball ­legen, ihn abtasten. Wie man hier schon ­Typen, Spielverständnis und gar das berühmte Mehr erkennen kann.

Im aktuellen Handball hat ein Fehler im Angriffsspiel zu mehr als 60 ­Prozent ein Gegentor zur Folge. Dies macht jedes Detail einer Spielhandlung ungemein wichtig. Wirkliches Interesse an deren Feinheiten zeigen indes selbst jene nicht, die dem Handball unmittelbar verbunden sind.

Ist der Handball zuvorderst eine sich selbst unterschätzende Sportart? Und wie passt hierzu die Überzeugung, man sei die Nummer zwei hinter König Fußball? Brüche werden deutlich, Selbstverständlichkeiten zudem, die längst keine mehr sind.

Brüche, wenn der Handball sich an die eigene Vergangenheit und an Spiele in bestens gefüllten Fußballstadien kaum mehr erinnert, Handball einzig mit Hallenhandball gleichsetzt. Da fehlt ein gehöriges Stück Geschichte, fehlt Identität – und damit auch Magie. Falsche Selbstverständlichkeiten, wenn man unterstellt, der Handball habe in einer sich weiter rasch wandelnden Gesellschaft als Breitensport nicht zunehmend ein ­Problem.

Das das Thema Inklusion wird vorangetrieben

Grund genug, die Magie der Sekundenbruchteile auf die Werte auszuweiten. ­Im Handball ist klar, dass der Fuß am Ball nichts zu suchen hat. Im Handball ist klar, dass man ohne Berührung nicht zu Boden geht. Was aber macht der Handball aus dem, was für ihn, also für die Beteiligten, klar ist? So wenig wie aus der Magie.

Die Gegenrede muss kommen: „Die stärkste Liga der Welt“ und der Deutsche Handballbund sind eng zusammengerückt, gemeinsame Kampagnen laufen. Auch, um Themen wie die Inklusion voranzutreiben.

Stimmt. Da kann etwas entstehen. Aber auch dieser Antritt braucht Magie, braucht Bilder, die diese Magie erlebbar, fühlbar ­machen. In eigenen Veröffentlichungen zeigt sich der Handball wurforientiert. Von vorne, von rechts, von links – aber doch eigentlich ziellos, was man mit einem solchem Bild eigentlich will. Und das so wichtige Fernsehen findet keine Antwort auf das Tempo ­dieses Sports und befördert in der Dauertotalen doch nur die Verwirrung.

Kann man aber das Schwärmen über den deutschen Abwehrspezialisten Finn Lemke verstehen, wenn die Kamera ihm nicht folgt, sich nicht hinter ihn setzt, wir seine Bewegungen nicht „mitlesen“ können?

Handball? Ist das andere. Das bleibt ja richtig. Aber die Magie der Sekundenbruchteile, in denen sich alles entscheidet, braucht Bilder, braucht Geschichten, braucht ­Auftritte. Große wie aktuell die Weltmeisterschaft, noch mehr aber kleine und hier mehr denn je jene in Schulen.

Ein letzter Moment: Der Ball kommt gut, genau in den Lauf, genau in den letzten Schritt. Mit diesem Gefühl springt es sich leicht, ungeachtet der Geschwindigkeit hat man Zeit, lässt es die Abwehr und den Torhüter spüren. Mit jeder Faser. Mit dem Wurf. Das ist eben so? Nein, das ist Handball, das ist Magie.

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