Uwe Gensheimer Foto: AP

Uwe Gensheimer hat viel erreicht. Aber ein großer Titel fehlt dem Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft noch. Das will er bei dieser Heim-Weltmeisterschaft nachholen.

Hamburg - Uwe Gensheimer ist ein gefragter Gesprächspartner. Meistens kommt er als einer der Letzten in die Mixed Zone. Dann analysiert er im badischen Tonfall seiner Mannheimer Heimat ruhig und sachlich das Geschehen. Als die Sprache nach dem 31:30 gegen Spanien auf das Halbfinale an diesem Freitag (20.30 Uhr/ARD) gegen Norwegen kommt, geht der Kapitän noch einmal zum Angriff über: „Wir haben zwar unser Ziel erreicht, aber wir sind noch nicht fertig.“

Vor allem er selbst hat etwas Wichtiges zu erledigen. Er will ins Finale. Und dann will er das Endspiel gewinnen. Seine Gier nach Gold ist riesig. Denn er möchte diesen Makel, der sein ständiger Begleiter ist, loswerden: Er sehnt sich danach , endlich einen großen internationalen Triumph zu erringen. Wer will schon in die Geschichte eingehen als einer, der handballerisch alles kann, aber nichts Entscheidendes gewann? So viele Chancen wird er nicht mehr bekommen.

Viermal Handballer des Jahres

Nun ist es ja nicht so, dass der 32-Jährige gar keine Titel vorzuweisen hätte. In den Jahren 2011 bis 2014 wurde er viermal in Folge Handballer des Jahres, zugleich ist er dreimaliger Torschützenkönig der Champions League. Den zweitklassigen EHF-Pokal holte er 2013 mit den Rhein-Neckar Löwen, ebenso die nationalen Meisterschaften mit den Löwen und Paris Saint-Germain. Bronze bei den Olympischen Spielen 2016 konnte sich auch sehen lassen. Aber wenn es darum geht, einen ganz großen internationalen Titel zu gewinnen, scheint es wie verhext.

Beim Wintermärchen 2007 war er 20 Jahre jung und stand nur im erweiterten Kader. Den EM-Triumph 2016 in Polen musste er verletzt von der Tribüne aus ansehen. Zur WM 2017 reiste er wegen des plötzlichen Todes seines Vaters Dieter erst verspätet an. Im Achtelfinale war das Turnier gegen Katar beendet. Auch im Verein verfolgt ihn dieser Fluch: Mit Paris Saint-Germain scheiterte er in der Champions League 2017 im Finale gegen Skopje in letzter Sekunde.

Das alles geht nicht spurlos an dem sensiblen Sportler vorüber. Fragen kommen auf: Versteckt er sich in den alles entscheidenden Spielen? Zeigt er zu viele Nerven? Christian Prokop glaubt eher, dass all das Gensheimer nur noch stärker gemacht hat: „Uwe hat speziell seit dem vergangenen Turnier sehr viel reflektiert.“ Der Bundestrainer muss es wissen. Um bei der Heim-WM den großen Wurf zu landen, haben beide nach den atmosphärischen Störungen bei der EM 2018 reinen Tisch gemacht und sich in Paris stundenlang ausgesprochen.

„Uwe spielt ein klasse Turnier“

Mit Erfolg: Ihr Kontakt ist jetzt enger, der Draht kürzer. Mehr noch: Sie pflegen einen fast freundschaftlichen Umgang miteinander. „Uwe spielt ein klasse Turnier und bringt viele Emotionen mit ins Spiel. Er ist ein echter Kapitän“, lobt Prokop. Er ist sich sicher: Gensheimers Lust auf den Titel ist viel größer als die Angst vor dem nächsten Fiasko. Was nichts daran ändert, dass sich Parallelen zu einem Fußballer aufdrängen: Auch Michael Ballack war ein begnadeter Spieler, langjähriger Kapitän der Nationalmannschaft, blieb aber ohne großen Titel.

Ballack war ein Typ. Und Gensheimer? Vor den Titelkämpfen im eigenen Land hatte es mal wieder Diskussionen gegeben, ob es dem deutschen Handball an Typen fehle – auch um die Sportart nachhaltig im Blickfeld zu halten. Gensheimer hatte dafür kein Verständnis: „Das ist für mich dummes Geschwätz“, sagte er dem „Spiegel“ und stellte die rhetorische Frage: „Soll ich mir jetzt Tattoos stechen lassen und die Haare rot färben, damit die Leute sagen, dass ich ein Typ bin.“ Gensheimer hat keinen Irokesenschnitt wie Pascal „Pommes“ Hens, keine Tattoos und Piercings wie Stefan Kretzschmar und auch keinen Heiner-Brand-Riesenschnauzbart.

Was Gensheimer hat, ist ein smartes, adrettes Auftreten, eine skandalfreie Vita – und vor allem außergewöhnliche sportliche Klasse. Keiner in der Branche hat ein so feines Händchen. Auch als „bester Linksaußen der Welt“ ist der gebürtige Mannheimer immer auf dem Boden geblieben. Einer, der offen ist und für jeden Spaß zu haben. Er macht dabei auch vor der mächtigsten Frau Deutschlands nicht halt: Bei der EM-Ehrung der Nationalmannschaft 2016, die er sich trotz Verletzung nicht entgehen ließ, formte er beim Fototermin mit Angela Merkel wie die Bundeskanzlerin die Hände zur bekannten Raute. Auch seinen Teamkollegen spielt er gerne einen Streich. So tauscht er am Büfett schon mal Vanillesoße gegen Mayonnaise und stellt den Topf mit der salzig-öligen Soße neben den frisch duftenden Apfelkuchen.

Rückkehr zu den Rhein-Neckar Löwen

Am Saisonende läuft sein Vertrag in Paris aus. Der Jahresetat beim „Scheich-Club“ wird auf 17 Millionen Euro geschätzt. Die Spieler werden per Chartermaschine zu den Auswärtsspielen geflogen. Trotz all dieser Annehmlichkeiten zieht es ihn im Sommer in die Heimat zu den Rhein-Neckar Löwen zurück. Ehefrau Sandra und Sohn Matti sind bereits wieder dort. Gensheimer, sein Berater Uli Roth (Ex-Nationalspieler und auch Manager der Popgruppe Pur) und der Verein sollen sich einig sein. Die offizielle Bestätigung für den vermuteten Zweijahresvertrag wird in spätestens drei Wochen erwartet. Vielleicht wartet man mit der Bekanntgabe aber noch ab, bis gesagt werden kann: Uwe Gensheimer ist Weltmeister – der Unvoll­endete, das war einmal.

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