Emily Vogel ist längst nicht mehr die Alleinunterhalterin im Angriff der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Frauen. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Der erfolgreiche WM-Start bringt für die deutschen Handballerinnen vor dem Duell am Freitag mit Uruguay einige Erkenntnisse. Die wichtigste: Auf die neue Breite im Kader ist Verlass.

Souverän, aber ohne zu glänzen, ist die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen in die Heim-WM gestartet und kann sich nach dem 32:25 gegen Island in den Duellen mit dem krassen Außenseiter Uruguay (dieser Freitag) und Serbien (Sonntag/jeweils 18 Uhr, Porsche-Arena) weiter für die kniffligeren Aufgaben einspielen. Die wichtigsten Erkenntnisse.

 

Publikums-Push Es wird in der Hauptrunde und vor allem im erwarteten Viertelfinale (9. Dezember) vor 12 000 Zuschauern in Dortmund noch um ein Vielfaches lauter. Doch schon der stimmungsvolle Auftakt in der mit 5527 Zuschauern ausverkauften Stuttgarter Porsche-Arena gegen den stärksten Vorrundengegner Island machte bei den deutschen Spielerinnen Eindruck: „Ein dickes Dankeschön an die Zuschauer. Es war unglaublich und hat ganz viel Spaß gemacht. Solch eine geile Atmosphäre macht natürlich Bock auf mehr“, sagte Rechtsaußen Jenny Behrend. Fest steht: Wenn das Team von Bundestrainer Markus Gaugisch einmal in die Phalanx der großen vier Norwegen, Dänemark, Frankreich und Schweden eindringen und das Halbfinalticket buchen will, dann mit der Energie der Fans im Rücken bei diesen Titelkämpfen.

Breiter Kader Als Emily Vogel vor ihrer Hochzeit noch Bölk hieß, hatte man oft das Gefühl, sie müsse die deutsche Handballwelt im Alleingang retten. Sie zog die größte Aufmerksamkeit auf sich. Mit dem Gesicht der Starspielerin vom ungarischen Topclub Ferencvaros Budapest verband man stets den Medaillentraum. Auch mit neuem Nachnamen stabilisiert die inzwischen 27-Jährige bei dieser Heim-WM die Deckung im Innenblock, doch vorne reichen auch zwei Tore von ihr wie gegen Island, um ein Spiel zu gewinnen. Die Mannschaft steht mehr im Mittelpunkt, weil die Breite im Kader stimmt.

Nieke Kühne ist das Küken im DHB-Team, aber eine wertvolle Alternative. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Rollen gefunden Nicht nur Emily Vogel spielt eine tragende Rolle bei einem Champions-League-Club. Auch Torfrau Katharina Filter (Team Esbjerg/Dänemark), Linkshänderin Viola Leuchter (Odense Handbold/Dänemark), Spielmacherin Alina Grijseels (Borussia Dortmund) oder die noch angeschlagene Annika Lott (Brest Bretagne/Frankreich) sind bei ihren Vereinen angekommen. Aber vor allem eben auch die jungen, aufstrebenden Nachwuchskräfte, die bei Bundesliga-Topclubs ihre nächsten Schritte gemacht haben: an allererster Stelle die Rückraumspielerinnen Nieke Kühne (21 Jahre/fünf Tore gegen Island) aus Blomberg und Nina Engel (22) von der HSG Bensheim-Auerbach. Gaugisch lobte die beiden WM-Debütantinnen nach ihrem Auftritt in Stuttgart: „Respekt, wie sie in ihrem Alter unbekümmert ihre Qualitäten abgerufen haben.“

Flexibles Konzept Der Bundestrainer hat Konstellationen gefunden, welche Spielerinnen gut zueinanderpassen. Beim Stamm-Rückraumtrio Bölk-Grijseels-Leuchter profitiert zum Beispiel die Shooterin Leuchter aufgrund ihrer Spielweise stark von Grijseels’ Qualitäten, da die Spielmacherin auf der Mitte Lücken reißt und Räume schafft. Die zweite Rückraumreihe mit Kühne, Engel, Mareike Thomaier oder Xenia Smits bringt andere Akzente ein. Unterm Strich birgt die neue Ausgewogenheit im Kader die Chance, Verantwortung und vor allem Belastung bei dem Turnier zu verteilen.

Psyche Die Mannschaft kann durch eine erfolgreiche Vor- und Zwischenrunde Schwung und Euphorie für das entscheidende Viertelfinale mitnehmen. Bei diesem Hopp-oder-top-Spiel um den ersten Halbfinaleinzug seit 2008 wird sich zeigen, ob sich die Mannschaft auch im Kopf weiterentwickelt hat. Das Mentale dürfte der entscheidende Punkt werden, denn dass das Team Handball auf hohem Niveau spielen kann, hat es schon häufig bewiesen.