Spielte zuletzt beim erfolgreich den Alleinunterhalter auf Linksaußen: Tim Nothdurft Foto: Baumann

Die Mutter war Weltklasse-Leichtathletin. Der Vater Bundesliga-Handballer. Talent und Einstellung bekam Tim Nothdurft in die Wiege gelegt. Der HBW Balingen-Weilstetten profitiert davon. Auch im anstehenden Heimspiel-Doppelpack?

Balingen - Er spielte 60 Minuten durch. Er warf fünf Tore, bei sechs Versuchen. Tim Nothdurft zeigte am vergangenen Sonntag beim 23:20-Schlüsselsieg im Kellerduell beim TBV Lemgo seine bisher beste Leistung im Dress des Handball-Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten. Vor dem Heimspiel-Doppelpack in der Sparkassenarena gegen den deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen an diesem Samstag (19 Uhr/Bundesliga) und am 14. Dezember (20.45 Uhr/DHB-Pokal-Viertelfinale, live auf Sport 1) kommt der Senkrechtstarter immer besser in Fahrt. „Tim ist mental reifer als noch vor zwei Monaten“, stellt sein Trainer Runar Sigtryggsson fest – und ergänzt mit einem Lächeln: „Wenn er mal zusammengestaucht wird, steckt er das inzwischen genauso besser weg wie eine vergebene Großchance.“

Vor der Runde hatte den 19-Jährigen aus der eigenen A-Jugend noch keiner so richtig auf der Rechnung. Zwar rückte der Linksaußen in den Bundesligakader auf, Spielpraxis sollte er aber hauptsächlich in der eigenen Drittligamannschaft sammeln. Doch dann schlug in der Vorbereitung beim Bundesligateam das Verletzungspech zu. Sigtryggsson benötigte den 1,95-m-Riesen dank seiner großen Reichweite und seiner Schnelligkeit vor allem in der Deckung. Als vorgezogenen Spieler in seiner favorisierten 5-1-Abwehrformation. Doch auch im Angriff nutzte der Youngster durch gute Abschlussquoten seine Chancen. Vor allem zuletzt in Lemgo, als durch die Verletzung von Yves Kunkel (er wechselt am Saisonende zum SC DHfK Leipzig) kein weiterer gelernter Linksaußen zur Verfügung stand. Dem Zwischenfazit von Tim Nothdurft kann deshalb keiner widersprechen: „Alles ging deutlich rasanter, als vorgesehen.“ Dann fügt er einen Satz hinzu, der zeigt, dass er die Bodenhaftung nicht verloren hat: „Nach wie vor ist für mich jeder Einsatz in der Bundesliga eine Auszeichnung.“

Die Eltern wissen, auf was es im Profisport ankommt

Dass der Rechtshänder mit diesem unvorhergesehen schnellen Sprung ins Rampenlicht so unaufgeregt umgeht, liegt auch an der Familie. Vater Eckard (51) spielte früher in der Handball-Bundesliga beim VfL Pfullingen und beim VfL Gummersbach am Kreis und ist aktuell Co-Trainer beim HBW sowie im Hauptberuf Studienleiter in der Traineraus- und fortbildung an der Landessportschule in Albstadt; Tim Nothdurfts Mutter Gudrun Abt (54) feierte drei deutsche Meisterschaften im 400-m-Hürdenlauf, bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul kam sie im Endlauf auf Platz sechs. Sie trainierte ihren Sohn bis zur C-Jugend in der Leichtathletik. Die Eltern wissen, auf was es im Profisport ankommt. „Bei uns in der Familie war Training schon immer ein fester Tagesbaustein, alles andere rückte automatisch nach hinten“, erklärt Eckard „Ecki“ Nothdurft. Der Sohnemann war also nie etwas anderes gewohnt.

Neu ist für ihn dagegen, dass er den Papa nicht mehr nur Hause am Esstisch in Sonnenbühl-Genkingen regelmäßig trifft, sondern eben auch als Co-Trainer in der Halle. „Das bringt weder Vor- noch Nachteile. Im Handball haben wir ein normales Spieler-Trainer-Verhältnis“, stellt Tim Nothdurft klar. Chefcoach Sigtryggsson weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass eine solche Konstellation nicht immer einfach ist. Beim EHV Aue trainierte auch der Isländer seinen Filius Sigtryggur Dadi Runarsson. „Da hieß es von der Tribüne wie am Anfang in Balingen auch, der spielt doch nur, weil er der Sohn des Trainers ist“, sagt Sigtryggsson. Diese Stimmen sind in Balingen verstummt.

Im Februar 2017 endet sein Bundesfreiwilligendienst

Tim Nothdurft, der im vergangenen Sommer unter Trainer Markus Baur bei der Junioren-EM in Dänemark Silber holte, ist auf einem richtig guten Weg, sich in der Bundesliga zu etablieren. Im Februar 2017 endet sein Bundesfreiwilligendienst an der Sportschule in Albstadt. Dann konzentriert er sich erst einmal ganz auf Handball, ehe er im Wintersemester in Tübingen zu studieren beginnt. Sport natürlich. Was hätte es bei diesen Genen auch anderes geben können? Wobei: Schwester Lena (21), früher Leichtathletin, studiert nur noch in Weingarten auf Lehramt.

Sie schaut bei den HBW-Spielen manchmal zu. Die Mutter immer. Auch gegen die Löwen. Wie die Chancen stehen? „Wir werden alles reinwerfen. Wir müssen einen super Tag haben, die Löwen einen schlechten“, sagt Tim Nothdurft. Zumindest am Samstag im Ligaspiel wird er auf Linksaußen auf sich allein gestellt sein, da Kunkel noch verletzt ist. Dass das funktionieren kann, hat der Senkrechtstarter mit Sport im Blut in Lemgo eindrucksvoll bewiesen.

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